Das Leben vor 100 Jahren (8) Die Katholiken kehren ins Limmattal zurück

Grosse Kirchgemeinden erfordern lange Wege für Kirchgänger

Eine Besonderheit stellt vor 100 Jahren die Simultankirche in Dietikon dar. Dort teilen sich Reformierte und Katholiken ein Gotteshaus. 1926 wird sie abgebrochen. Heute steht an dieser Stelle die St. Agatha.

Eine Besonderheit stellt vor 100 Jahren die Simultankirche in Dietikon dar. Dort teilen sich Reformierte und Katholiken ein Gotteshaus. 1926 wird sie abgebrochen. Heute steht an dieser Stelle die St. Agatha.

Um 1914 sind noch grosse Teile der Bevölkerung reformiert. Die Zuwanderung von Saisonniers lässt die katholischen Gemeinden aber stetig anwachsen.

Zürich – das ist neben vielem anderen immer noch die «Zwinglistadt». Dies, obschon heute mehr Katholiken als Reformierte im Kantonshauptort wohnen. Etwas anders präsentiert sich das Bild auf kantonaler Ebene. Knapp ein Drittel der Bevölkerung ist reformiert, 27 Prozent katholisch. Die dritte grosse Gruppe ist jene der Konfessionslosen.

Vor 100 Jahren ist das noch gänzlich anders. Drei Viertel der Bevölkerung des Kantons Zürich sind reformiert, knapp 22 Prozent gehören dem katholischen Glauben an. Dass letztere überhaupt in der Statistik erfasst werden können, hat viel mit der Industrialisierung zu tun. Nach der Reformation leben bis weit ins 19. Jahrhundert hinein kaum Katholiken in Zürich. Erst mit dem Wandel der Bauerndörfer in Industriedörfer ändert sich das. Die ersten Saisonniers, viele von ihnen aus den umliegenden katholischen Kantonen, finden den Weg nach Zürich und damit auch ins Limmattal.

Grosspfarrei in Altstetten

Während einige nach getaner Arbeit wieder in ihre Heimat zurückkehren, lassen sich andere an ihrem neuen Arbeitsort nieder, meist deshalb, weil sie heiraten. Später folgen auf die Schweizer Süddeutsche, Elsässer und Norditaliener. Sie sorgen dafür, dass der katholische Glaube wieder Fuss fasst im Kanton Zürich – mit zwei Ausnahmen. Dietikon und Rheinau sind die beiden einzigen originären katholischen Gemeinden und gehören seit 1803 zum Kanton Zürich. In Dietikon leben um 1910 mehr Katholiken als Reformierte.

Die Zunahme der katholischen Bevölkerung um die Jahrhundertwende bedeutet jedoch nicht, dass damit auch der Bau katholischer Gotteshäuser anzieht. Für viele Kirchgänger heisst es, einen langen Fussmarsch auf sich zu nehmen, um dem sonntäglichen Gottesdienst beizuwohnen. Das Herz der Limmattaler Katholiken ist zu jener Zeit die Heilig-Kreuz-Kirche im damals noch eigenständigen Dorf Altstetten. Sie wird am 12. August 1900 durch Bischof Johannes Fidelis Battaglia von Chur eingeweiht. 375 Jahre nach der Zürcher Reformation läuten nun erstmals wieder Glocken einer katholischen Kirche in Altstetten.

Rund 2500 Katholiken bilden nun die Pfarrei Altstetten. Nicht weniger als zwölf Gemeinden gehören ihr an. Neben den heutigen Stadtquartieren Altstetten, Albisrieden und Höngg, sind dies Schlieren, Ober- und Niederurdorf, Uitikon, Birmensdorf, Ringlikon, Aesch, Oberengstringen, Unterengstringen sowie Weiningen. Die Oetwiler und Geroldswiler Katholiken sowie jene aus der Fahrweid besuchen den Gottesdienst derweil in Dietikon oder im Kloster Fahr.

Über die Kantonsgrenze hinaus

Allerdings laufen bereits kurz nach der Weihe der Heilig-Kreuz-Kirche die ersten Bestrebungen, eine eigene Schlieremer Kirchgemeinde zu gründen. Bereits 1907 gibt der Bischof in Chur grünes Licht für einen Landkauf an der oberen Uitikonerstrasse in Schlieren. Sieben Jahre später steht das Baugespann. Wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges wird das Bauvorhaben jedoch zurückgestellt. 1923 wird die Notkirche schliesslich eingeweiht. Im selben Jahr wird auch die Pfarrei Altstetten geteilt und die neue Pfarrei Schlieren errichtet. Zu ihr gehören fortan die Katholiken aus Schlieren, Ober- und Niederurdorf, Unterengstringen, Oberengstringen sowie Weiningen.

Doch nicht nur die Katholiken sind sich um 1900 lange Wege zu ihren Gottesdiensten gewohnt. Auch viele Protestanten müssen grosse Distanzen zu ihren Gotteshäusern zurücklegen. Die Reformierten aus Unterengstringen, Weiningen, Geroldswil und Oetwil treffen sich sonntags in der Weininger Kirche. Jene aus Oberengstringen müssen nach Höngg. Auf dem dortigen Friedhof werden auch die Toten bestattet. Dies ändert sich erst mit der Eröffnung des Oberengstringer Friedhofs in den 1980er-Jahren.

Eine grosse reformierte Kirchgemeinde besteht um 1914 in Dietikon. Obschon der heutige Bezirkshauptort bereits seit etwas mehr als 100 Jahre zum Kanton Zürich gehört, wirkt die Kirche weiterhin auch in den Aargau. Neben Urdorf und Dietikon gehören der Kirchgemeinde auch Spreitenbach, Killwangen und Bergdietikon an. Zumindest für die Urdorfer Kirchgänger werden die langen Distanzen schon bald massiv verkürzt. Ab 1916 werden Sonntagsgottesdienste in Urdorf eingeführt. Zuvor wird im Dorf nur an Festtagen Gottesdienst gefeiert.

Besser haben es da die Reformierten aus Uitikon. Seit 1873 und der Abtrennung Altstetten ist die Kirchgemeinde eigenständig. Wie heute bilden Birmensdorf und Aesch auch schon vor 100 Jahren eine Gemeinschaft.

Lärmt der Bauer, wird die Kirche bei der Gemeinde vorstellig

Wie treue Kirchgänger die Limmattaler um 1914 sind, lässt sich nur schwer bestimmen. Immerhin ist aus der Chronik der reformierten Kirche Weiningen bekannt, dass die Kirchenbesuche teilweise ausgesprochen schlecht sind. Das ändert sich mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Jetzt füllt sich die Kirche. Bis zu drei zusätzliche Abendgottesdienste pro Woche werden nun durchgeführt. Allerdings gleichen sich die Kirchenbesuche Ende 1914 bereits wieder jenen der Vorkriegszeit an.

Dennoch bestimmt der Krieg fortan das kirchliche Leben. So fallen 1917 Gottesdienste aus, um Kohle zu sparen. Auch andernorts wird die Kirche mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Aus der Geschichte der alten reformierten Kirche Schlieren ist zu erfahren, dass der geplante Totalanstrich der Kirchenbestuhlung auf die notwendigsten Mängelbehebungen reduziert werden muss. Dafür verantwortlich ist die bereits zu jener Zeit herrschende Geldknappheit. Aus demselben Grund kommt 1915 in Schlieren das «Kirchensäckli» nur noch bei Festanlässen zur Verwendung. In Weiningen schenkt der Frauenverein bedürftigen Konfirmanden je ein Hemd und ein Paar Socken. Die Kirchenpflege beteiligt sich mit 20 Franken an der Aktion. Auch personell hat der Krieg Auswirkungen. Immer wieder weilen die Pfarrer als Feldprediger im Dienst.

Strafe für Bauern gefordert

Nebst den kriegsbedingten Geschäften geht aber auch der Alltag in den Kirchen weiter. So beklagen sich die Reformierten in Schlieren im Jahr 1916 bei den Elektrizitätswerken der Stadt Zürich darüber, dass das Licht in der Kirche an den Sonntagen beinahe, manchmal aber auch ganz ausfalle. Sie wollen deshalb nur noch den verbrauchten Strom bezahlen. Dieses Ansinnen wird abgelehnt, weil es nicht angehe, sich entgegen dem Vertrag solche Freiheiten herauszunehmen.
In Weiningen hat die Kirchenpflege ganz andere sorgen. 1916 beantragt sie dem Gemeinderat, Landwirte, die zur Gottesdienstzeit Futter holen oder andere Geräusch verursachende Arbeiten verrichten, zu bestrafen.

Wehe der katolische Pfarrer predigt zu lange

Die katholischen Kirchgänger in Dietikon sind Frühaufsteher. Bereits um 7.30 Uhr beginnt am Sonntag der Hauptgottesdienst. Im Winter dürfen sie immerhin eine halbe Stunde länger schlafen. Doch egal in welcher Jahreszeit, spätestens eineinhalb Stunden nach dem Beginn des Gottesdienstes muss die Kirche wieder frei sein. Dann steht sie den Reformierten zur Verfügung.

Während Katholiken und Reformierte im Limmattal ihre je eigenen Gotteshäuser nutzen, um Gottesdienste zu feiern, ist das in Dietikon um 1914 noch anders. Die beiden Konfessionen teilen sich eine Kirche. Erst 1926 endet diese Besonderheit. Die Simultankirche wird im Frühling desselben Jahres abgebrochen und die Katholiken erstellen am gleichen Ort die St. Agatha. Bereits 1925 weihen die Reformierten ihre neue Kirche ein.

Der Auflösung des Simultanverhältnisses gehen langwierige Verhandlungen voraus. Denn nur schon die Besitzverhältnisse sind kompliziert. Anfang des 20. Jahrhunderts besitzt die reformierte Kirchgemeinde ein Harmonium auf der Empore. Zudem gehört ihr ein Taufstein im Kirchenschiff. Umfangreicher sind die Besitztümer der Katholiken. Unter anderem gehören die Orgelempore samt Orgel, die elektrische Beleuchtungsanlage, zwei Seitenaltäre und die Sakristei dazu. Als gemeinsames Eigentum verwalten die beiden Kirchgemeinden das Kirchenschiff, die Kanzel sowie den Turm mit Glockenstuhl und Glocke.

Der genaue Fahrplan bei der Nutzung der Kirche bringt es immer wieder mit sich, dass es zu teilweise komischen Situationen kommt. So ist dem Dietiker Neujahrsblatt von 1978 zu entnehmen, dass die Predigten vor 100 Jahren noch länger dauern als heute. Besonders dann, wenn sich der katholische Priester in seinen Ausführungen verliert, kann das zur Folge haben, dass die Kirche nicht mehr rechtzeitig bereit wird für die Reformierten. Ein bewährtes Mittel in diesem Fall ist das kräftige Anstimmen des Credo. Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass die Ministranten angehalten werden, zur Opferung zu läuten.

Einmal tritt aber auch das Gegenteil ein. Die Predigt ist zu kurz und der Chor noch nicht bereit für das Credo. Es gibt nämlich Männer, die die Predigt nutzen, um sich aus der Kirche zu schleichen, um ihre Stimmbänder im «Neuen Bahnhof» zu «ölen».

Meist aber funktioniert das Nebeneinander gut. Die Kirche ist rechtzeitig für den «Umbau» bereit. Dieser besteht im Wesentlichen darin, weisse Tücher vor die Ältere zu spannen. Denn Bildwerke haben im reformierten Ritus nichts verloren.

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