Matthias Arn sitzt mit mehreren jungen Männern auf einer Festbank hinter dem reformierten Gemeindezentrum. Die Konversation zwischen dem Jugendarbeiter der Kirchgemeinde Weiningen und den Flüchtlingen erfolgt mehrheitlich nonverbal und mit viel Gestikulieren. Trotzdem ist die Stimmung gut, immer wieder brechen sie in lautes Gelächter aus. Gerade diskutieren und vergleichen sie den Satzbau ihrer Muttersprachen Arabisch und Persisch mit demjenigen von Deutsch. Sie werden sich nicht einig.

Seit vier Monaten wohnen acht Flüchtlinge in einer Wohnung des reformierten Kirchgemeindezentrums in Geroldswil. Sie stammen aus Afghanistan und Syrien. Mittlerweile sind sie gut ins Dorfleben integriert. Mehrmals in der Woche bedienen sie als Aushilfe die Gäste im hauseigenen Café. Matthias Arn und seinem Team kam deshalb die Idee, gemeinsam mit ihnen und allen anderen Flüchtlingen aus den Dörfern der Kirchgemeinde – also Oetwil, Unterengstringen, Weiningen und Fahrweid – ein Grillfest zu veranstalten.

Kommunikation gescheitert

Am vergangenen Sonntag war es dann so weit. Rund 100 Asylbewerber waren eingeladen, 82 davon sagten zu. Am Fest nahmen dann aber doch nur 28 von ihnen teil. Arn kann sich nicht erklären, weshalb nicht mehr erschienen sind. Er vermutet, dass die Kommunikation nur teilweise funktioniert habe. Zwar sei der Kontakt zur Asylorganisation Zürich (AOZ) ein guter und man habe ihm dort versprochen, die Flyer zu übersetzen. Denn die Deutschkenntnisse der meisten Flüchtlinge seien noch zu gering, so Arn, um komplexere Zusammenhänge verstehen zu können.

Dass die Flüchtlinge keine Lust gehabt haben, zu kommen, glaubt Arn hingegen nicht. «Sie sind froh um jeden Kontakt, den sie zu Schweizern bekommen, und dankbar für alles», sagt er. Zudem habe er noch selten so gastfreundliche Menschen erlebt wie die Flüchtlinge in Geroldswil. Jedes Mal, wenn er sie besuche, stehe innert Sekunden ein Süssgetränk mit Eiswürfeln auf dem Tisch.

Auch Fabio Colombo pflegt einen guten Kontakt zu den Flüchtlingen. Der Geroldswiler trifft sich mehrmals in der Woche mit ihnen. Colombo ist ehemaliger Hallenfussball-Profi und kickt fast jeden Abend mit den Männern. Den Kontakt zu ihm hätten die Flüchtlinge selbst gesucht. «Sie fragten mich, ob wir Freunde werden wollen», sagt Colombo und strahlt. «Mittlerweile sind wir das wirklich.»

Sich gegenseitig bekochen

Wenn die Flüchtlinge nicht gerade mit Colombo Fussball spielen, nimmt seine Freundin Fabienne Kunz sie unter ihre Fittiche. «Am liebsten kochen wir gemeinsam italienisch», sagt sie. Ab und an werde auch sie bekocht, dann gebe es persische oder afghanische Speisen und immerzu viel zu viel. «Sie sind so gastfreundlich, dass sie uns immer Berge an Essen schöpfen», so Kunz. Auch hilfsbereit seien die jungen Männer. Als sie vor kurzem umgezogen sei, hätten ihr die Flüchtlinge sofort Hilfe angeboten.

Doch so gut die Flüchtlinge in Geroldswil integriert sind – Arn wünscht sich doch, dass die Bevölkerung noch mehr auf sie zugeht. «Auch wenn die Flüchtlinge nicht gegen Entgelt arbeiten dürfen, freuen sie sich über Beschäftigung», sagt er. Er hoffe, dass künftig noch mehr Vereine und Privatpersonen die Gelegenheit wahrnehmen, die Flüchtlinge kennen zu lernen. «Sei es bei einem Anlass oder einem Fest. Wenn sie gefragt werden, packen sie fast überall mit an», so Arn.

Die Ungewissheit ist belastend

Beschäftigung sei enorm wichtig, so der Jugendarbeiter. Das lenke ab von den Sorgen. «Keiner von ihnen weiss, ob und wie lange er hierbleiben darf», so Arn. Das belaste die jungen Männer. Hinzu komme, dass sie fast keine Tagesstruktur hätten. Da Flüchtlinge, je nach Aufenthaltstatus, nicht oder nur sehr eingeschränkt arbeiten dürfen, ist es schwierig, ihnen Aufgaben zu übertragen. Hinzu kommt, dass die jungen Männer einen ganz anderen Rhythmus leben als die meisten Schweizer. «Ihre Familie ist erst spät abends erreichbar. Deshalb bleiben sie wach, damit sie nach Hause telefonieren können», so Kunz.

Sechs Monate auf Durchreise

Zwei der in Geroldswil wohnhaften Afghanen strahlen, als sie auf ihre Familie angesprochen werden. Stolz zeigen sie auf der Karte, wo ihre Heimat liegt. Sechs Monate sei er unterwegs gewesen, erzählt einer von ihnen. Sein breites Lachen im Gesicht verschwindet sogleich. Türkei, Griechenland, Kroatien, Österreich: All diese Länder habe er durchqueren müssen. Den grössten Teil der Route habe er zu Fuss bestritten. Er reibt sich mit den Händen die Arme, um zu zeigen, dass ihm auf der Flucht sehr kalt war. Darauf sagt niemand mehr etwas. Die anwesenden Schweizer nicht, weil sie wohl keine Vorstellung haben, wie es ist, sechs Monate lang zu flüchten. Und die anderen Flüchtlinge gerade deshalb nicht, weil sie es zu gut selbst wissen.

Es gibt viele offene Fragen, die Arn den Flüchtlingen gerne stellen würde. Zu ihrer Herkunft, ihrer Geschichte, ihrer Flucht und zu ihren Träumen. Doch noch sei es zu schwierig. «Die Deutschkenntnisse sind noch zu vage, um vertiefte Gespräche führen zu können», sagt er. Zudem sei es heikel, zu tief in der Vergangenheit der jungen Männer zu wühlen. Niemand könne wissen, was ihnen alles widerfahren sei.