Limmattal
Grillfest, Fussball, Wandern: Wie sich Flüchtlinge und Einwohner näherkommen

Flüchtlinge aus Geroldswil haben mit dem«Churchplus»-Team ein Grillfest organisiert, um den Kontakt mit Einwohnern der Region herzustellen. An Gesprächsstoff mangelte es trotz Sprachbarriere nicht.

Anina Gepp
Merken
Drucken
Teilen
Matthias Arn zusammen mit den Mitgliedern des Churchplus-Teams und den Flüchtlingen aus Geroldswil
9 Bilder
Neben dem Essen
Ernst Scherrer (r.) hat das Projekt Gemeinsam Unterwegs ins Leben gerufen
b_...und bringen ihnen dabei auch Deutsch bei.
a_Freiwillige zeigen Flüchtlingen beim gemeinsamen Spazieren durch Dietikon ihre Heimat...
Flüchtlinge im Limmattal
Flüchtlinge von Geroldswil haben mit dem«Churchplus»-Team ein Grillfest fürAsylsuchende und Einwohner der KirchengemeindeWeiningen organisiert.
Insgesamt sind 28 Flüchtlinge aus den Dörfern der Kirchgemeinde Weiningen gekommen
Jugendarbeiter Matthias Arn (vorne links) verteilt im Cafe der reformierten Kirchgemeinde nach dem gemeinsamen Abendessen Eis an alle Flüchtlinge und Einwohner.

Matthias Arn zusammen mit den Mitgliedern des Churchplus-Teams und den Flüchtlingen aus Geroldswil

Anina Gepp

Matthias Arn sitzt mit mehreren jungen Männern auf einer Festbank hinter dem reformierten Gemeindezentrum. Die Konversation zwischen dem Jugendarbeiter der Kirchgemeinde Weiningen und den Flüchtlingen erfolgt mehrheitlich nonverbal und mit viel Gestikulieren. Trotzdem ist die Stimmung gut, immer wieder brechen sie in lautes Gelächter aus. Gerade diskutieren und vergleichen sie den Satzbau ihrer Muttersprachen Arabisch und Persisch mit demjenigen von Deutsch. Sie werden sich nicht einig.

Seit vier Monaten wohnen acht Flüchtlinge in einer Wohnung des reformierten Kirchgemeindezentrums in Geroldswil. Sie stammen aus Afghanistan und Syrien. Mittlerweile sind sie gut ins Dorfleben integriert. Mehrmals in der Woche bedienen sie als Aushilfe die Gäste im hauseigenen Café. Matthias Arn und seinem Team kam deshalb die Idee, gemeinsam mit ihnen und allen anderen Flüchtlingen aus den Dörfern der Kirchgemeinde – also Oetwil, Unterengstringen, Weiningen und Fahrweid – ein Grillfest zu veranstalten.

Weitere Projekte für Flüchtlinge

Im Limmattal gibt es zahlreiche weitere Projekte für Flüchtlinge. Die Firma Planzer und der Kanton Zürich haben beispielsweise eine gemeinsame Integrationsausbildung erarbeitet und in Dietikon haben Freiwillige im Mai Decken genäht für Flüchtlingskinder. Die Limmattaler Anti-Foodwaste-Aktivistinnen Hélène Vuille und Sonja Gehrig setzen sich dafür ein, dass künftig Lebensmittel gratis an Flüchtlinge abgegeben werden. Menschen aus der Region setzen sich jedoch nicht nur im Limmattal für das Wohl von Flüchtlingen ein: Vanja Crnojevic aus Schlieren hat in Serbien eine Hilfsstation für Flüchtlinge aufgebaut, während Fabian Dingetschweiler aus Birmensdorf mit seiner mobilen Küche entlang der Balkanroute und auf griechischen Inseln kochte. (gep)

Kommunikation gescheitert

Am vergangenen Sonntag war es dann so weit. Rund 100 Asylbewerber waren eingeladen, 82 davon sagten zu. Am Fest nahmen dann aber doch nur 28 von ihnen teil. Arn kann sich nicht erklären, weshalb nicht mehr erschienen sind. Er vermutet, dass die Kommunikation nur teilweise funktioniert habe. Zwar sei der Kontakt zur Asylorganisation Zürich (AOZ) ein guter und man habe ihm dort versprochen, die Flyer zu übersetzen. Denn die Deutschkenntnisse der meisten Flüchtlinge seien noch zu gering, so Arn, um komplexere Zusammenhänge verstehen zu können.

Dass die Flüchtlinge keine Lust gehabt haben, zu kommen, glaubt Arn hingegen nicht. «Sie sind froh um jeden Kontakt, den sie zu Schweizern bekommen, und dankbar für alles», sagt er. Zudem habe er noch selten so gastfreundliche Menschen erlebt wie die Flüchtlinge in Geroldswil. Jedes Mal, wenn er sie besuche, stehe innert Sekunden ein Süssgetränk mit Eiswürfeln auf dem Tisch.

Auch Fabio Colombo pflegt einen guten Kontakt zu den Flüchtlingen. Der Geroldswiler trifft sich mehrmals in der Woche mit ihnen. Colombo ist ehemaliger Hallenfussball-Profi und kickt fast jeden Abend mit den Männern. Den Kontakt zu ihm hätten die Flüchtlinge selbst gesucht. «Sie fragten mich, ob wir Freunde werden wollen», sagt Colombo und strahlt. «Mittlerweile sind wir das wirklich.»

Sich gegenseitig bekochen

Wenn die Flüchtlinge nicht gerade mit Colombo Fussball spielen, nimmt seine Freundin Fabienne Kunz sie unter ihre Fittiche. «Am liebsten kochen wir gemeinsam italienisch», sagt sie. Ab und an werde auch sie bekocht, dann gebe es persische oder afghanische Speisen und immerzu viel zu viel. «Sie sind so gastfreundlich, dass sie uns immer Berge an Essen schöpfen», so Kunz. Auch hilfsbereit seien die jungen Männer. Als sie vor kurzem umgezogen sei, hätten ihr die Flüchtlinge sofort Hilfe angeboten.

Doch so gut die Flüchtlinge in Geroldswil integriert sind – Arn wünscht sich doch, dass die Bevölkerung noch mehr auf sie zugeht. «Auch wenn die Flüchtlinge nicht gegen Entgelt arbeiten dürfen, freuen sie sich über Beschäftigung», sagt er. Er hoffe, dass künftig noch mehr Vereine und Privatpersonen die Gelegenheit wahrnehmen, die Flüchtlinge kennen zu lernen. «Sei es bei einem Anlass oder einem Fest. Wenn sie gefragt werden, packen sie fast überall mit an», so Arn.

Die Ungewissheit ist belastend

Beschäftigung sei enorm wichtig, so der Jugendarbeiter. Das lenke ab von den Sorgen. «Keiner von ihnen weiss, ob und wie lange er hierbleiben darf», so Arn. Das belaste die jungen Männer. Hinzu komme, dass sie fast keine Tagesstruktur hätten. Da Flüchtlinge, je nach Aufenthaltstatus, nicht oder nur sehr eingeschränkt arbeiten dürfen, ist es schwierig, ihnen Aufgaben zu übertragen. Hinzu kommt, dass die jungen Männer einen ganz anderen Rhythmus leben als die meisten Schweizer. «Ihre Familie ist erst spät abends erreichbar. Deshalb bleiben sie wach, damit sie nach Hause telefonieren können», so Kunz.

Sechs Monate auf Durchreise

Zwei der in Geroldswil wohnhaften Afghanen strahlen, als sie auf ihre Familie angesprochen werden. Stolz zeigen sie auf der Karte, wo ihre Heimat liegt. Sechs Monate sei er unterwegs gewesen, erzählt einer von ihnen. Sein breites Lachen im Gesicht verschwindet sogleich. Türkei, Griechenland, Kroatien, Österreich: All diese Länder habe er durchqueren müssen. Den grössten Teil der Route habe er zu Fuss bestritten. Er reibt sich mit den Händen die Arme, um zu zeigen, dass ihm auf der Flucht sehr kalt war. Darauf sagt niemand mehr etwas. Die anwesenden Schweizer nicht, weil sie wohl keine Vorstellung haben, wie es ist, sechs Monate lang zu flüchten. Und die anderen Flüchtlinge gerade deshalb nicht, weil sie es zu gut selbst wissen.

Es gibt viele offene Fragen, die Arn den Flüchtlingen gerne stellen würde. Zu ihrer Herkunft, ihrer Geschichte, ihrer Flucht und zu ihren Träumen. Doch noch sei es zu schwierig. «Die Deutschkenntnisse sind noch zu vage, um vertiefte Gespräche führen zu können», sagt er. Zudem sei es heikel, zu tief in der Vergangenheit der jungen Männer zu wühlen. Niemand könne wissen, was ihnen alles widerfahren sei.

Sie holen die Leute aus dem «Loch» in die Natur

Asylsuchende aus der Zivilschutzanlage ans Tageslicht holen: Das war das Ziel vom Wanderprojekt «Gemeinsam unterwegs» des Dietikers Ernst Scherrer.

«Ich muss sie dort rausholen, wenigstens für ein paar Stunden», dachte sich der 84-Jährige. Scherrer weiss, wovon er spricht. Jahrelang war er als Chef des Zivilschutzes auch für die unterirdischen Anlagen zuständig. «Wenn ich damals eine Woche lang in einem solchen Loch verbringen musste, habe ich gelitten», sagt er.

Diese Männer hingegen müssten wochen- oder monatelang dort unten leben, was sich zusätzlich zum Fluchthintergrund negativ auf ihre Psyche auswirke.

Spazieren auf Deutsch

Auch sollten die jungen Männer Dietikon und seine Umgebung kennenlernen und Möglichkeiten erhalten, ihr Deutsch zu üben. Nachdem die reformierte Kirchgemeinde Scherrer bei der Asylbetreuungsfirma ORS Services erfolgreich als Begleiter für Freizeitaktivitäten vermittelt hatte, stiessen mehrere Freunde des Seniors zum Projekt «Gemeinsam unterwegs», das im März 2015 startete und alle zwei Wochen durchgeführt wird. Auf den gemeinsamen Ausflügen wird nur Deutsch gesprochen. Schliesslich könnten sich die Männer praktisch nirgends sonst in der Sprache üben, so Scherrer. Die Wanderungen, die mal der Limmat entlang, mal zu Dietikons höchstem Punkt oder auch zum Kehrichtheizkraftwerk Limeco führen, seien für Helfer wie Asylsuchende bereichernd. «Die Teilnehmer geniessen den Anlass und bedanken sich sehr herzlich», sagt er. Nach dem Grillfest zum Saisonabschluss Anfang Juli mit über 30 Teilnehmern zieht Scherrer eine positive Bilanz und freut sich auf die Fortsetzung ab dem 25. August. «Gerne können sich Leute aus Dietikon und Umgebung zum Mitwandern melden», sagt Scherrer. Man sollte ein Flair für Menschen haben, offen auf andere zugehen und auf sie eingehen können. (fdu)

Die Barrieren fallen beim gemeinsamen Zmorge

Der Regen fällt in Strömen, doch das kann der heiteren Stimmung im Raum «Treffpunkt» des reformierten Kirchgemeindehauses Urdorf nichts anhaben. Etwa 15 Personen sitzen um die Tische, die meisten von ihnen Asylsuchende. Aber auch die eine oder andere Urdorferin ist zum Brunch erschienen, der vom pensionierten Pfarrer Claude Fuchs, Gründer der Regionalgruppe Urdorf der Organisation Solinetz, organisiert wird. Bereits zum vierten Mal wird der interkulturelle Zmorge veranstaltet. «Das letzte Mal kamen so viele Leute zum Brunch, dass wir beinahe zu wenig Platz hatten», sagt Elisabeth Fuchs, die Ehefrau des Pfarrers. Viele der anwesenden Asylsuchenden wohnen in der Notunterkunft Urdorf, einige sind sogar aus anderen Bezirken angereist.

Das Brot sei in der Schweiz sehr gut, meint ein 22-jähriger Afghane, der über einem vielfältig gefüllten Frühstücksteller sitzt. Auch die gekochten Eier sind sehr beliebt. Allerdings hätten sie die Gäste aus der Fremde von der Harmlosigkeit der eingefärbten Eier überzeugen müssen, sagt Elisabeth Fuchs. Erna Bormann ist eine der Urdorferinnen, die sich ebenfalls zum Frühstück eingefunden haben. «Es sind alles friedliche, herzliche Menschen hier und wir als Einheimische kommen zu wenig in Kontakt mit Asylsuchenden», sagt die pensionierte Lehrerin. Sie spricht mit Khalid Haider, der aus dem Sudan in die Schweiz geflohen ist. «Ich bin froh über diese Veranstaltungen, weil wir uns hier ungezwungen untereinander austauschen können und auch mit Schweizern in Kontakt kommen», sagt er. Das Leben in der Unterkunft drücke sehr aufs Gemüt. Seine Tischnachbarn stimmen ihm zu.

Die Organisation Solinetz wurde 2009 in Zürich gegründet. Inzwischen existieren mehrere Regionalgruppen auf Kantonsebene. Claude Fuchs, ehemaliger Pfarrer des Spitals Triemli, ist Gründer der Regionalgruppe Urdorf, der etwa 12 Freiwillige angeschlossen sind. Ausser den monatlichen Brunchs bietet die Gruppe Deutschkurse und gemeinsame Freizeitaktivitäten wie Sport, Bowling oder Grillieren an. (fdu)