Uitikon
Gregor Tönnissen: «Carlos hat uns stärker gemacht»

Gregor Tönnissen, der neue Leiter des Massnahmenzentrums, über Carlos und das Böse im Menschen.

Alex Rudolf
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Gregor Tönnissen im Zellentrakt des Massnahmenzentrums in Uitikon: «Ich denke, dass in jedem von uns eine negative Energie schlummert. Es kommt darauf an, was wir daraus machen.»

Gregor Tönnissen im Zellentrakt des Massnahmenzentrums in Uitikon: «Ich denke, dass in jedem von uns eine negative Energie schlummert. Es kommt darauf an, was wir daraus machen.»

Emanuel Per Freudiger

Herr Tönnissen, werden Sie anders wahrgenommen, seitdem Sie der neue Direktor des Massnahmenzentrums, MZU, sind?

Gregor Tönnissen: Der Kontakt mit den jungen Straftätern, aber auch derjenige mit den Mitarbeitern, hat sich gewandelt. Man erhält eine andere Form der Aufmerksamkeit. Lässige Sprüche oder unüberlegte Aussagen kann ich mir heute nicht mehr leisten, da von mir ein anderer, distanzierterer Auftritt erwartet wird. Vom Direktor erwarten die Angestellten, dass er für alle gleichermassen da ist.

Durch den Anzug, das Hemd und die Krawatte strahlen Sie eine gewisse Autorität aus. Erscheinen Sie jeden Tag in diesem Tenue zur Arbeit?

Die Krawatte trage ich erst täglich, seitdem ich Direktor bin. Anzüge habe ich allerdings vorher schon getragen.

Wie reagieren die jungen Männer auf Sie als Autoritätsfigur?

Viele von ihnen sehnen sich nach einer gewissen Form der Autorität, da sie teilweise strukturlos aufgewachsen sind und sie so Orientierungspunkte bekommen.

Haben auch Sie als Jugendlicher Ihre Grenzen ausgetestet?

Die eine oder andere Übertretung gab es auch bei mir, wie bei fast jedem anderen Jugendlichen. Im Alter von etwa 16 Jahren war ich mit einem Kumpel nachts unterwegs. Wir passierten ein Auto und versuchten aus Jux die Türe zu öffnen. Dass wir dabei von der Polizei beobachtet wurden, hatten wir nicht bemerkt. Plötzlich war da ein Überfallkommando mit mehreren Polizeiautos. Wir wurden verhaftet und auf die Wache gebracht. Die Polizei sah in uns wahrscheinlich Terroristen der RAF (Rote Armee Fraktion), die zu jener Zeit sehr aktiv war. Meine Eltern waren nicht erfreut, als ich nachts um drei von der Polizei heimgebracht wurde. (Lacht.)

Arbeiten Sie darum heute mit straffälligen Jugendlichen?

Nein. Der Beweggrund für meinen beruflichen Weg war eher ein Interesse für Fragen, wie und warum jemand kriminell wird und wie man jemanden wieder auf den richtigen Weg bringen kann. Als ich meine ersten Arbeitserfahrungen im Strafvollzug sammelte, war der gesellschaftliche Tenor eher, dass die Inhaftierten Opfer des Systems waren. Ich beobachtete aber eher, dass einige Straftäter entweder psychopathologisch gestört oder manchmal auch schlichtweg böse sind.

Böse?

Ja. Nach 26 Jahren in diesem beruflichen Spektrum kann ich sagen, dass es Menschen gibt, die Böses tun und sich dessen sogar bewusst sind. Ihre schlimmen Taten resultieren nicht nur aus Unrecht, das ihnen angetan wurde.

Die Frage danach, ob der Mensch grundsätzlich gut oder grundsätzlich schlecht ist, würden Sie demnach mit Letzterem beantworten?

Ich denke, dass in jedem von uns eine negative, aggressive Energie schlummert. Es kommt aber darauf an, was wir daraus machen und wie unsere Veranlagung stimuliert wird. Schauen Sie, eine hausinterne Studie hat ergeben, dass nur rund 30 Prozent der Sexualstraftäter selber Opfer sexueller Gewalt wurden. Da ist es natürlich interessant herauszuarbeiten, wieso die
70 Prozent straffällig wurden und wie man sie vor Rückfällen bewahren kann.

Es gibt also Menschen, die böse sind: Ist diese Erklärung für Sie wissenschaftlich nicht zu simpel? Sie wirkt undifferenziert.

Nein. Die Wissenschaft ist nicht abschliessend. Beispielsweise suchen Forscher schon lange nach dem Ereignis, das den Urknall ausgelöst hat. Dieses Ereignis werden wir womöglich nie finden. Ich denke, der Mensch ist bei seiner Geburt eine Art Blackbox. Er entwickelt sich dann in eine Richtung — manchmal hin zum Positiven, manchmal hin zum Negativen.

Ist sie therapierbar?

Charaktereigenschaften sind sicherlich beeinflussbar. Fände ich dies nicht, so wäre ich hier im MZU am falschen Ort. Man kann zwar kein komplett anderer Mensch werden, jedoch können Facetten der Persönlichkeit willentlich geändert werden. Unser Ziel ist es, dass junge Straftäter in Zukunft ein deliktfreies Leben in Freiheit führen können. Schulbildung, Ausbildung und deliktorientierte Therapie verfolgen nur dieses eine Ziel.

Im vergangenen Jahr war Carlos, der wohl prominenteste Jugendstraftäter der Schweiz, für einige Monate hier im MZU beherbergt. Wie war der Medienrummel für Ihre Institution?

Auch wenn wir uns schwierige Situationen gewöhnt sind, war diese Zeit für die anderen Jugendstraftäter, aber auch für alle Angestellten eher belastend. Zum ersten Mal nahmen wir in der geschlossenen Abteilung jemanden auf, der gleich mit einem Hungerstreik startete. Das Verhalten des jungen Straftäters löste bei den Mitarbeitern teilweise ein Gefühl der Ohnmacht aus. Wir versuchten, mit einem differenzierten Programm auf ihn zuzugehen und ihm die Hand zu bieten.

Wie gingen Sie mit dem medialen Druck um?

Auch das war schwierig. Die Angestellten des MZU wurden von ihrem privaten Umfeld ausgefragt über den Betrieb. Auch wenn jemand im Rahmen dessen, was er aufgrund des Amtsgeheimnisses überhaupt sagen durfte, versucht hat zu erklären, welche Arbeit hier geleistet wird, kam man in Erklärungsnot. Sie konnten ihre tägliche Arbeit nicht mehr nach aussen vertreten und erklären, weil ohnehin jeder meinte, besser Bescheid zu wissen. Das ist hart.

Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Unsere Belegschaft ist zusammengewachsen und somit stärker geworden. In den Medien wurde beispielsweise intensiv darüber berichtet, wie er sein Zimmer unter Wasser gesetzt hat. An diesem Abend kam ich gegen 20 Uhr hierher und half bei den Aufräumarbeiten. Der Pfarrer, viele Sozialpädagogen und der technische Dienst, wir alle haben in stiller, gemeinsamer Arbeit aufgeräumt, damit am nächsten Morgen alles wieder funktioniert für die anderen Jugendlichen.

Wie reagierten die anderen Insassen auf ihn? Waren Sie erbost, dass Carlos sie mit seinem medialen Aufsehen gesellschaftlich stigmatisierte?

Ich glaube, dass sie sich in den ersten paar Tagen mit ihm solidarisierten, weil sie die Umstände unter denen er verhaftet wurde, als ungerecht empfanden. Doch begann eine Art Abgrenzung. Als wollten sie klarstellen, dass sie selber nicht wie er sind und unsere Angebote ernst nehmen.

Carlos machte erst jüngst wieder Schlagzeilen, weil er mit Samurai-Messern posierte und in eine Pöbelei geriet. Wie wirkt sich die Medienpräsenz auf den gesellschaftlichen Dialog darüber aus, wie mit Jugendstraftätern umzugehen ist?

Ich finde es wichtig, dass die Gesellschaft — auch über die Medien — die Frage erörtert, wie mit Menschen umgegangen werden soll, die sich nicht an die Regeln halten, die gar zur Gefahr werden. In den letzten Jahren gab es mehrere medienwirksame Fälle, die in der Öffentlichkeit emotional und leider auch nicht immer sachlich verhandelt wurden.

Hat sich das gesellschaftliche Klima gegenüber Straftätern verschärft?

Der Wunsch nach der absoluten Sicherheit ist seit nunmehr zehn Jahren verstärkt spürbar. Der Fall Carlos war nur der vorläufige Höhepunkt, dieses Wunsches. Der Umgang mit gewissen Tätergruppen wird immer härter und restriktiver.

Der erst kürzlich eingeweihte Trakt für den geschlossenen Massnahmenvollzug von jugendlichen Straftätern hier im MZU ist der vorläufige Höhepunkt dieser Diskussion?

Sagen wir es so: Hätte Sie mir vor zehn Jahren gesagt, dass der geschlossene Vollzug von Jugendlichen in einem solchen Gebäude durchgeführt wird, dann hätte ich Sie ausgelacht. Eine derart geschlossene, Gefängnis ähnliche Umgebung für Jugendliche, das hätte sich meiner Vorstellungskraft entzogen. Aber mit der neuen Infrastruktur gibt es viel mehr Möglichkeiten, die individuellen Risiken der jungen Straftäter zu behandeln.