Dietikon
Graffitis: Ein schmaler Grat zwischen Kunst und Kriminalität

Nicht alle illegal gesprayten Graffitis sind reine Schmierereien. Manche ehemaligen Sprayer sind heutzutage sogar Künstler. Doch wo hört Sachbeschädigung auf und wo fängt Kunst an? Die Meinungen gehen häufig auseinander.

Sophie Ruesch
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Josef Wiederkehr ist ausser sich: «Kostet uns wieder einmal mehr ein paar tausend Franken, zahlen wird es wohl einmal mehr niemand!», schrieb der Dietiker Kantons- und Gemeinderat (CVP) in einem Kommentar zur Berichterstattung der Limmattaler Zeitung über einen jugendlichen Sprayer.

Dieser wurde letzte Woche von der Polizei geschnappt, als er zusammen mit einem Mittäter, dem die Flucht gelang, mehrere Fassaden in Dietikon versprayte. Der Fall des teilgeständigen 17-jährigen Schweizers beschäftigt nun die Jugendanwaltschaft Limmattal/Albis.

Diese Sprayerei wurde einem Dietiker Jugendlichen zum Verhängnis.

Diese Sprayerei wurde einem Dietiker Jugendlichen zum Verhängnis.

Kapo Zürich

Der Sachschaden, den die beiden Sprayer in dieser Nacht angerichtet haben, beläuft sich laut Kantonspolizei auf mehrere tausend Franken. Einige davon, befürchtet Wiederkehr, werden auf sein Konto gehen. Drei der beschädigten Immobilien befinden sich nämlich im direkten oder indirekten Wiederkehrschen Familienbesitz, wie er auf Anfrage bestätigt.

«Schiesst mi a!» – so lautet in besagter Kommentarspalte dann auch das klare Fazit des Kantonsrats. Nicht ganz so schwarz sehen es die Leserinnen Katja Verloop und Sandra Ferri, die den Fall ebenfalls kommentierten. «Unsere Betonwelt ist schon trist genug. Wenn Graffitis schön sind, wieso nicht? Es hat nämlich grosse Künstler unter ihnen, die wirklich schöne Bilder sprayen», schreibt Ferri.

Und Verloop: «Es gäbe genügend Flächen für die Sprayer, welche sie verschönern könnten, wenn sie nur dürften! Und wir könnten uns an Kunst erfreuen, anstatt uns über die Schäden aufzuregen.»

Mit Graffitis gegen Graffitis

Verschiedene Städte setzen bei der Bekämpfung von Sprayereien – auf Sprayereien. Prävention nennt sich das dann. Die Sprayer, so die Erwartung, respektieren die Graffitis, die bereits angebracht sind, und lassen die Flächen in Ruhe. In der Stadt Zürich zum Beispiel gibt es drei Zonen, in denen legal gesprayt werden darf: Am oberen Letten, im Freestylepark Allmend und bei der Roten Fabrik. Ausserdem vergibt die Stadt Aufträge an Graffitikünstler, zum Beispiel, um Unterführungen zu verschönern. Zürich hat mit Priska Rast sogar eine eigene Graffiti-Beauftragte. Ihre Meinung: «Es ist sinnvoll, wenn mit gut organisierten Graffitis gegen das illegale Treiben vorgegangen wird.» Illegal angebrachte Graffitis werden in Zürich sofort entfernt. Auch
Dietikon verfolgt bei Graffitis eine Null-Toleranz-Strategie. Mit dem Präventionsgedanken im Hinterkopf beantragte der Stadtrat 2011 jedoch einen Kredit von jährlich 10 000 Franken für die Gestaltung einzelner Unterführungen. (rue)

Graffitis: Als Kunstform etabliert

Einer, der das Sprayen nur noch als Kunst betreibt, ist Patrick Redl Wehrli, kurz Redl. Er mahnt, illegale Schmierereien von der Kunstform Graffiti zu trennen. «Das sind zwei verschiedene Paare Schuhe», sagt er.

Dass der 44-Jährige von seiner Kunst heute leben kann, hätte er in den frühen 80er-Jahren, als er in Zürich mit Sprayen begann, nicht zu träumen gewagt. Wer damals sprayen wollte, musste die Illegalität in Kauf nehmen.

Mittlerweile hat sich das Sprayen als Kunstform etabliert; Beweise dafür liefern Street Artists wie zum Beispiel der Brite Banksy, dessen Bilder heutzutage nicht mehr nur auf der Strasse, sondern auch in Museen zu bestaunen sind. «Spätestens, seit auch ein Brad Pitt in Banksy-Werke investiert, geniessen Street und Urban Art viel mehr Toleranz», so Redl. Beispiele muss man nicht einmal im anglophonen Sprachraum suchen: Auch der sogenannte «Sprayer von Zürich», Harald Nägeli, erreichte mit seinen Graffitis Weltberühmtheit.

Dennoch hängt jeglichem Sprayen nach wie vor der Ruf des Illegalen an. Redl räumt ein, dass die Trennlinie zwischen Kunst und Sachbeschädigung beim Sprayen nicht immer ganz klar umrissen ist: «Es gibt Grauzonen. Manchmal ist es schwierig zu beurteilen, ob ein Graffiti Kunst oder reine Sachbeschädigung ist.» Der Kunstbegriff sei auch dem Wandel der Zeit unterworfen. «Auch ein Keith Haring sprayte anfangs illegal in der U-Bahn.» Am Ende seiner Karriere verkaufte der Künstler seine Graffiti-inspirierten Werke für Millionen.

Die Faszination des Verbotenen

Anders als zu Redls Anfangszeiten als Sprayer sei es heute möglich, die Graffiti-Kunst legal zu erlernen. «Heute bieten die Stadt Zürich oder Schulen sogar Workshops an.» Doch den Reiz des Verbotenen will auch Redl nicht leugnen. «Logisch: Für einen jungen Erwachsenen ist der Kick der Illegalität etwas Spezielles.» Auch er habe noch, als er schon Auftragsarbeiten ausführte, weiter illegal gesprayt.

Was Redl vom reinen Sachbeschädiger unterschied, war sein Anspruch an die Ästhetik seiner Graffitis: «Ich wollte – ob nachts illegal oder tagsüber legal – immer etwas mit Qualität gestalten.» Doch dass es auch unter Sprayern Individuen gebe, die Wände nicht verschönern, sondern tatsächlich beschädigen, sei eine Tatsache. Trotzdem dürfe man nicht alle Sprayer in einen Topf werfen. Viele Graffitis, auch illegale, hätten durchaus ästhetischen Wert.

Ohne das Werk des Dietiker Sprayers gesehen zu haben – dem wohl auch das grosszügigste Auge keinen ästhetischen Wert mehr abgewinnen kann – sagt Redl: «Wer weiss, vielleicht wird sich Josef Wiederkehr in zwanzig Jahren noch einmal darüber aufregen, dass er damals seine Fassade putzte, wenn der mittlerweile 37-Jährige seine Bilder für 50 000 Franken verkauft.»