Uitikon
Graffiti-Duo auf Kurs: «Unsere Kunst ist nicht verkopft»

Das Graffiti-Duo «One Truth» ist auf einem Höhenflug. Die Brüder haben ihre Wurzeln in Uitikon und denken gerne daran zurück, wie sie als Teenager vom Gemeindepolizisten dazu verdonnert wurden, ihre ersten Werke von Wänden und Briefkästen zu schrubben.

Alex Rudolf
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One Truth
19 Bilder
Die Brüder Senn nennen sich als Graffiti-Künstler One Truth
«Gemeinsam stark» an der Rötelstrasse beim Bucheggplatz ist eines der bekanntesten Werke des Künstlerduos.
Eine Auftragsarbeit in der Heimat Uitikon. Die beiden Hunde symbolisieren die beiden Künstler.
Auch ausserhalb der Schweiz ist das Duo tätig. Dies ist ein Werk im Berliner Stadtteil Kreuzberg.
Oder jenes an der Badenerstrasse
Im Atelier in Altstetten laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren
Für die Schriften zuständig Pase von «One Truth» bei der Arbeit.
Weit aufgerissene Augen und merkwürdige Gestalten Die Bildsprache von «One Truth» ist unverkennbar.
Auch dieses Werk wird in Dübendorf ausgestellt
Die beiden gelben Figuren repräsentieren je einen Bruder
11_Aufgewachsen und zur Schule gegangen sind sie in Uitikon, leben aber nun schon länger in Zürich
Wohl auch hier dürte ein Hund als Inspiration gedient haben
So wie hier Daisy als Inspitation genutzt wurde
Kreativ geht es zu und her
Kreativ geht es zu und her
Kreativ geht es zu und her
Kreativ geht es zu und her
Kreativ geht es zu und her

One Truth

Mario Heller

Daisy und Brownie sind lebhaft. Innerhalb weniger Sekunden nach dem Eintreffen der Gäste am Zürcher Bändliweg zeigen die beiden Mischlinge so ziemlich sämtliche Emotionen, zu denen Hunde fähig sind. Misstrauen, später dann Freude und das Bedürfnis nach Streicheleinheiten. Sie gehören zu den Graffiti-Künstlern «One Truth» und schlendern regelmässig durch das Atelier, das auch als Lagerraum und Büro dient.

Hinter «One Truth» stecken die Brüder Tobias und Michael Senn. Graffiti-Aficionados dürften sie unter ihren Pseudonymen «Dr. Drax» und «Pase» besser bekannt sein. Derzeit produzieren sie Werke für die zweiwöchige Ausstellung in einer Industriehalle beim Bahnhof Stettbach, die kommende Woche Vernissage feiert. Zudem wird dort auch live vor Publikum ein Graffito entstehen.

One Truth stellen aus:

Zwischen dem 3. und 19. März zeigen die Künstler auf rund 500 Quadratmetern in einer Industriehalle beim Bahnhof Stettbach ihre neusten Werke.

Geöffnet ist die Ausstellung täglich zwischen 16 und 20 Uhr oder auf Anmeldung.

Aufgewachsen und zur Schule gegangen sind die beiden in Uitikon. Pase erinnert sich noch gut, wie er Mitte der 1990er-Jahre vom Gemeindepolizisten dazu verdonnert wurde seine Tags, also Schriftzeichen, an Briefkästen und Wänden in der Gemeinde wegzuschrubben. Zugeben will er es zwar nicht, aber die Genugtuung schwingt in seinem Tonfall mit. «Bereits mehrere legale Graffiti durften wir für die Gemeinde in Uitikon sprayen» sagt er. «Heute ist man ein wenig stolz auf uns.»

Der heute 35-jährige Pase hat den jüngeren Bruder, den heute 33-jährigen Dr. Drax, zum Sprayen gebracht. «Auf den Strassen Zürichs wurde ich dazu inspiriert und wollte diese Kunstform auch ausüben. Gezeichnet habe ich schon immer gern», so Pase. Beide starteten eine reguläre berufliche Laufbahn mit Lehren als Koch und als Requisiteur. Nebenher verzierten sie unter anderem Betonwände mit Sujets von Sandstränden oder Mickey Mäusen. «Dies hatte keinen künstlerischen Wert. Sieht man unsere ersten Arbeiten, bemerkt man die Entwicklung. Wir haben unsere eigene Stimme gefunden», sagt Dr. Drax.

Noch heute bestehen ihre ersten Spray-Versuche, wie sie sagen. An welchen Hauswänden sie sich genau befinden, sagen sie nicht. Einerseits weil sie illegal erstellt wurden, andererseits weil sie so übersprayt werden könnten. Doch so ist Graffiti. Nichts ist beständig, alles wandelt sich und verschwindet irgendwann.

Sie haben eine eigene Bildsprache

Obwohl Zürich eine Vielzahl von namhaften Graffiti-Künstlern hervorgebracht hat – Harald Nägeli, Puber oder KCBR um nur einige zu nennen – sind die Werke von One Truth unverkennbar, weisen ihre eigene Bildsprache auf. Skurrile, meist klobige Gestalten mit weit aufgerissenen Augen und vielen kleinen Details, die erst beim zweiten, dritten Betrachten auffallen, tauchen immer wieder als Sujet auf.

Doch die beiden Männer reden nur ungern über ihre Kunst. Die Gestaltung passiere intuitiv, sagen sie. Pase ist eher verantwortlich für Schriften und Abstraktes, während Dr. Drax seine Stärke bei der Entwicklung der Figuren sieht. «Unsere Kunst ist nicht verkopft», sagt Pase. Sie beide hätten keine gestalterische Ausbildung oder eine Hochschule besucht, betonen sie. «Dort lernt man zu argumentieren, über Kunst zu sprechen. Ich bin aber überzeugt, dass wir nicht so kreativ sein könnten, wenn wir uns ein halbes Leben lang mit theoretischen Konzepten auseinandergesetzt hätten», sagt Pase.

Aufträge von Google und Volvo

Seit 2010 leben die Brüder von Auftragsarbeiten, die ihnen von teils namhaften Unternehmen wie Google oder Volvo erteilt wurden. Auch hat sich ein Kreis von One-Truth-Kunstsammlern geformt, der ihnen regelmässig Werke abkauft. Über Preise sprechen die beiden zwar nicht, doch lasse sich sagen, dass die Spannbreite zwischen ein paar Hundert und mehreren Tausend Franken – abhängig vom Werk – variiert.

Die Leidenschaft für das nicht kommerzielle Sprayen im öffentlichen Raum packt die beiden noch heute regelmässig. Meistens, wenn sie ein wenig Freizeit zwischen Aufträgen haben. Die Zeiten, in denen sie in Nacht-und-Nebel-Aktionen illegal sprayten, sind jedoch vorbei. «Entdecken wir eine gute Betonwand, auf der wir uns austoben möchten, fragen wir den Besitzer um Erlaubnis. Viele sind offen dafür», so Pase. Unweit ihres Studios in Zürich Altstetten seien ihre neusten Outdoor-Werke zu sehen. Wo genau, wollen sie nicht sagen.

Prominent sichtbar sind jedoch die rund 20, teils grossflächigen Sujets von One Truth in Zürich, die legal als Auftragsarbeiten für Hausbesitzer oder die Stadt selbst erstellt wurden. Darunter sind die viel gelobten Werke «Gemeinsam stark» an der Rötelstrasse beim Bucheggplatz, «Playground» bei der Schmiede Wiedikon und der «Tatzelwurm» beim Werkhof Bederstrasse. «Besonders ‹Gemeinsam Stark› ist bei der Nachbarschaft sehr beliebt. Die Anwohner sprechen uns noch heute auf das Werk an und sagen, dass es dem Ort eine Identität gibt. Würde der Hausbesitzer planen, es wegzumachen, würde sich das Quartier dagegen auflehnen. Da bin ich mir sicher», sagt Dr. Drax. Diese Werke machten die beiden Künstler weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Doch sind sie auch in anderen Teilen Europas tätig.

Popcorn-Maschine für die Swissmill

Zuletzt im vergangenen Jahr weilten Pase und Dr. Drax in Berlin und sprayten dort zwei Graffiti. «Dort hat es viel mehr Flächen, die man nutzen kann. Hier in Zürich werden alte Häuser schnell abgerissen und etwas neues gebaut. Berlin ist da anders», sagt Pase. Ihre Wurzeln sind und bleiben jedoch in der Limmatstadt. Dies zeigt sich deutlich, wenn man sie fragt, was ihr grosser Graffiti-Traum ist. Welche Fläche – egal, wo auf der Welt – sie gerne gestalten möchten. «Ich liebe riesige Sichtbetonfassaden, an denen ich mich austoben kann. Das Swissmill-Silo mit seinen 120 Metern Höhe wäre also eine Traum-Unterlage für mich», sagt Dr.Drax. Darauf würde er wohl eine Popcorn-Maschine erstellen – oder ein riesiges Brot: Hauptsache hoch.

Bei Graffitis und Bildern soll es aber nicht bleiben. So erweitert «One Truth» sein Portfolio stets mit neuen Produkten. Eine Lampe, die aussieht wie eine Spraydose oder ein paar Ringe aus dem 3-D-Drucker sind im Atelier zu sehen. «Wir experimentieren viel. Ob wir diese Dinge jemals wirklich produzieren und verkaufen werden, wird sich erst noch zeigen», sagt Pase. Im Atelier stapeln sich die in Cellophan eingewickelten Leinwände, bereits nächste Woche kommt der Lieferwagen für den Transport nach Dübendorf, wo die beiden ausstellen. Dr. Drax zeigt auf den Arbeitstisch, auf dem tellergrosse Leinwände liegen, die in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung sind: «Erkennst du, wer das ist?» Ein Getier, das manchmal böse, wütig oder tollwütig dreinschaut, ist abgebildet. Kaum zu glauben, dass Hündin Daisy als Inspiration dazu diente, so friedlich wie sie in ihrem blaugrauen Körbchen liegt.

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