Noch am vergangenen Freitag hatte Jürg Bracher zum letzten Mal mit Gottfried Honegger gesprochen – nur zwei Tage, bevor der Zürcher Künstler nach einem Sturz im hohen Alter von 98 Jahren verstarb. «In den letzten zwei Monaten ging es ihm nicht mehr besonders gut», sagt Bracher. «Aber er war immer noch euphorisch.»

Das war bezeichnend für Honegger, der nie aufgehört hat zu arbeiten und bis kurz vor seinem Tod noch voller Tatendrang war. Bracher, der an der Bernstrasse in Dietikon eine renommierte Kunstschmiede und Werkstatt für Metallgestaltung betreibt, weiss das besonders gut: Er hat mehr als zehn Jahre lang intensiv mit Honegger zusammengearbeitet.

Ein bis zwei Mal pro Woche haben sich die beiden getroffen. Dass sie zusammengefunden haben, sei eine «glückliche Fügung» gewesen, sagt Bracher. Honegger habe ihn eines Tages angerufen und um ein Treffen gebeten. Das war 2005, Honegger war gerade von Frankreich, wo er 45 Jahre lang in Paris und Cannes gelebt hatte, nach Zürich zurückgekehrt und suchte jemanden, der seine Metallskulpturen herstellen konnte.

Es hat einfach «gegeigt»

Die beiden verstanden sich auf Anhieb. Es habe einfach «gegeigt» zwischen ihnen, erzählt Bracher: «Die Zusammenarbeit zwischen uns war einmalig.» Eine der letzten grossen Arbeiten, die Bracher für Honegger ausgeführt hat, war die Stahlskulptur neben dem Zürcher Opernhaus, die 2012 gemeinsam mit dem neuen Parkhaus eingeweiht wurde.

Auch die blaue Rohrskulptur, die seit 2013 vor dem Max-Bill-Haus in Zumikon steht, stammt von Honegger und war von Bracher in seiner Dietiker Werkstatt hergestellt worden.

Gottfried Honegger

«Ohne Arbeit sterbe ich»

Daneben hat Honegger, der nicht nur Plastiker, sondern auch Grafiker und Maler war, in den letzten Jahren vor allem viele der für ihn typischen Wandreliefs produziert – so beispielsweise dasjenige, das er 2011 der Stadt Zürich schenkte und das seither den Medien- und Konferenzsaal im Stadthaus ziert. Es war damals, als Stadtpräsidentin Corine Mauch das Kunstwerk feierlich entgegennahm, dass Honegger ihm eines der schönsten Komplimente gemacht habe, erinnert sich der Dietiker.

Es gebe vor allem zwei Gründe, wieso er heute lieber in Zürich lebe als in Paris, habe Honegger gesagt: «Wegen der Trämli und wegen Bracher.»

Die Zuneigung beruhte auf Gegenseitigkeit: Bracher gerät ins Schwärmen, wenn er von Honegger erzählt. Eine faszinierende Person sei dieser gewesen, eckig und kantig – und völlig beseelt von seiner Arbeit, für die er gelebt habe. «Wenn er morgens aufstand, tat ihm alles weh.

Aber sobald er im Atelier war, hatte er keine Schmerzen mehr.» Die Arbeit habe ihn alles vergessen lassen. «Ein Süchtiger, ein Besessener» sei er gewesen, der einst gesagt habe: «Wenn ich nicht mehr arbeiten kann, dann sterbe ich.»

Auch in die Ferien sei er nur ungern gegangen, und wenn er sich doch wieder einmal dazu habe überreden lassen, sei er meist schon ein paar Tage später wieder zurückgekommen – mit neuen Zeichnungen und Ideen.

Noch vor einer Woche habe er zu ihm gesagt: «Wir beide müssen ein neues Projekt starten», erzählt Bracher. Gut möglich, dass Honegger da schon geahnt habe, dass er nicht mehr lange leben werde. Aber darüber habe er nicht gesprochen. «Ich durfte ihn nicht einmal fragen, wie es ihm geht», sagt Bracher und lacht leise. Tat er es trotzdem, wies Honegger ihn zurecht: «Fragen Sie nicht so einen Seich.»

«Wenn er morgens aufstand, tat ihm alles weh. Aber sobald er im Atelier war, hatte er keine Schmerzen mehr.» Jürg Bracher Dietiker Kunstschmied

«Wenn er morgens aufstand, tat ihm alles weh. Aber sobald er im Atelier war, hatte er keine Schmerzen mehr.» Jürg Bracher Dietiker Kunstschmied

Bis zuletzt per Sie

Die beiden waren bis zuletzt per Sie, auch wenn sie mehr als eine reine Arbeitsbeziehung verband: «Da war er alte Schule.» Hin und wieder assen sie miteinander oder Bracher durfte Honegger an einen gesellschaftlichen Anlass begleiten. Diese habe er zwar nie besonders gemocht: «Er war immer froh, wenn ich ihn wieder nach Hause gebracht habe.»

Honegger sei nicht gerne im Rampenlicht gestanden. Viel lieber habe er im stillen Kämmerchen gearbeitet und «gezeichnet, gezeichnet, gezeichnet». «Er war ein wahnsinnig eindrücklicher Mensch», sagt Bracher, und er sei dankbar, dass er ihn gekannt habe.

Nur eines bedaure er: «Dass wir uns nicht 20 Jahre früher kennengelernt haben.»

Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch hat in einer Stellungnahme zum Tod des Künstlers Gottfried Honegger dessen grossen Verdienste um die Stadt Zürich gelobt. Namentlich für Kinder und Jugendliche habe er sich eingesetzt, ganz nach seinem Motto «Wir müssen wieder sehen lernen». «Noch vor wenigen Monaten hat er verschiedenen Schulhäusern in Zürich Werke geschenkt mit dem Ziel, dass junge Menschen Kunst um sich haben und so sensibilisiert werden, ihre Umwelt wahrzunehmen», teilte Mauch am Sonntag mit. Sie erinnerte ausserdem daran, dass es ohne Gottfried Honegger das Haus Konstruktiv in Zürich nicht gäbe. «Er hat sich zeitlebens für eine lebenswerte und kulturell lebendige Stadt Zürich eingesetzt und sich politisch eingemischt.» Gerade weil er Zürich liebte, habe er die Stadt mitunter auch heftig kritisiert. «Da erging es ihm ähnlich wie seinem Freund, Max Frisch.»

Corine Mauch lobt seine Verdienste

Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch hat in einer Stellungnahme zum Tod des Künstlers Gottfried Honegger dessen grossen Verdienste um die Stadt Zürich gelobt. Namentlich für Kinder und Jugendliche habe er sich eingesetzt, ganz nach seinem Motto «Wir müssen wieder sehen lernen». «Noch vor wenigen Monaten hat er verschiedenen Schulhäusern in Zürich Werke geschenkt mit dem Ziel, dass junge Menschen Kunst um sich haben und so sensibilisiert werden, ihre Umwelt wahrzunehmen», teilte Mauch am Sonntag mit. Sie erinnerte ausserdem daran, dass es ohne Gottfried Honegger das Haus Konstruktiv in Zürich nicht gäbe. «Er hat sich zeitlebens für eine lebenswerte und kulturell lebendige Stadt Zürich eingesetzt und sich politisch eingemischt.» Gerade weil er Zürich liebte, habe er die Stadt mitunter auch heftig kritisiert. «Da erging es ihm ähnlich wie seinem Freund, Max Frisch.»