Die reformierte Kirche Zürich Sihlfeld wagt einen neuen Schritt: Der Sonntagsgottesdienst wird ab September auf Freitagabend verschoben. Das neue Angebot trägt den Titel «FeierWerk» und wird mit dem Slogan «Dein Gottesdienst am Freitagabend» beworben. Trotz des ungewöhnlichen Zeitpunkts handle sich dabei um einen «echten Gottesdienst», wird im Konzept betont. Mit einem kleinen Imbissangebot soll der Übergang vom Arbeitstag zum Gottesdienst unterstützt werden.

Die Entscheidung, getroffen von den verantwortlichen Pfarrern der Kirchenpflege sowie deren Mitarbeiter, ist eine Reaktion auf oftmals leere Bänke; nur wenige, meist ältere Personen finden sonntags den Weg ins Sihlfelder Gotteshaus. Dies repräsentiere weder die soziale Struktur des Quartiers mit hohem Ausländeranteil und vielen jungen Menschen noch die demografische Verteilung der rund 2350 Kirchgemeinde-Mitgliedern, heisst es weiter im Konzept. «In unserem Stadtteil lebt ein hoher Anteil von 20- bis 40-Jährigen – die Hälfte davon sind Mitglieder», sagt Lukas Keller, Präsident der Sihlfelder Kirchenpflege. Diesen Menschen will man nun stärker gerecht werden. Dafür sollen die Gottesdienste vielfältiger und moderner werden. Mögliche Elemente seien etwa Talk-Gäste, Gesang mit Bands oder Filmausschnitte. Auch Familien seien dank Spielbereich und Kinderbetreuung immer willkommen. Ein erster «Test-Gottesdienst» im Januar lockte bereits 40 Teilnehmende an.

«Sonntag ist der Tag des Herrn»

«Neue Ideen für den Gottesdienst sind immer gut», sagt Pfarrer Bernhard Botschen von der reformierten Kirchgemeinde Geroldswil-Oetwil auf Anfrage. Er selbst hat bereits Erfahrung mit dem Sonntagabend gemacht. So wurden vor geraumer Zeit und unter Mithilfe einer Gruppe junger Leute einige Gottesdienste zeitlich verlegt. Doch viel gebracht habe es nicht: «Aus meiner Sicht hat es sich letztendlich nicht bewährt, da besonders für ältere Leute der Sonntagmorgen wichtig ist», sagt Botschen.

Dieser Ansicht ist auch Nicole Raisle, Präsidentin der Kirchenpflege Urdorf: «Der Sonntag ist der Tag des Herrn. Biblisch und theologisch ist ein anderer Tag nicht vertretbar.» Kirchgemeindemitglieder in Urdorf würden zudem rege den Gottesdienst besuchen.

Ob eine gute Idee oder undenkbar: Im Limmattal – und überall sonst, ausser in der Stadt Zürich – wäre eine Verschiebung nicht einfach. Die evangelisch-reformierte Landeskirche schreibt vor, dass der Gottesdienst in jeder Gemeinde am Sonntagvormittag stattfinden soll und nur einmal pro Monat auf den Sonntagabend oder -vorabend verlegt werden darf.

Allerdings haben die Stadtzürcher Reformierten vor rund zwei Jahren an der Urne entschieden, dass sich die 33 Kirchgemeinden zu einer einzigen zusammenschliessen sollen. Diese neuen Strukturen erlauben auch neue Massnahmen. Kurz: Gottesdienste, aber auch Seelsorge oder Konzerte, sollen dann stattfinden, wenn die Menschen Zeit dafür haben.

Zusammenarbeit mit Nachbarn

«Wir haben unser Vorhaben selbstverständlich mit dem Kirchenrat abgesprochen und werden formell das Einverständnis bei unserer Kirchgemeindeversammlung einholen», sagt Keller. Die reformierte Kirche Sihlfeld will aber auch ihre Sonntagsbesucherinnen und -besucher nicht enttäuschen. Man arbeite weiter eng mit den Nachbargemeinden zusammen, so Keller. Der Gang in eine Nachbarskirche sei zumutbar und werde bereits praktiziert, etwa wenn dort die Termine besser passen würden.