Sonntagsgespräch
Globetrotterin Wilke: «Ich finde Fremdes grundsätzlich positiv»

Unter dem Motto «Weg ist das Ziel» ist Susanne Wilke einmal um den Globus gereist. Sie fühlt sich an vielen Orten zu Hause, sagt die gebürtige Deutsche, die heute in Schlieren lebt. Sie habe aber die Welt noch lange nicht gesehen.

Gioia Lenggenhager
Merken
Drucken
Teilen
Ist sie selber gerade nicht auf Reisen, empfängt Susanne Wilke Gäste aus aller Welt. Diese können dann die Couch mit Kater Kasimir teilen.gioia lenggenhager

Ist sie selber gerade nicht auf Reisen, empfängt Susanne Wilke Gäste aus aller Welt. Diese können dann die Couch mit Kater Kasimir teilen.gioia lenggenhager

Frau Wilke, Sie sind in Düsseldorf aufgewachsen, haben lange in Island gelebt und wohnen jetzt in Schlieren. Sind Sie nun Schweizerin, Deutsche, Isländerin, Wandervogel oder Weltenbürgerin?

Susanne Wilke: (lacht) Alles. Ich fühle mich an vielen Orten zu Hause. Müsste ich dem Heimatgefühl aber einen Ort zuschreiben, wäre das wohl Island. Auf der Insel habe ich mich von der ersten Sekunde an wohl gefühlt – als ob das Land mir gehören würde.

Sie sind schon weit herumgekommen. Waren Sie doch schon in Australien, China, Kolumbien, Ägypten, Malaysia, Malta, Rumänien, Südafrika, Taiwan...

...und so weiter, ja. Aber ich habe die Welt noch lange nicht gesehen. Inzwischen reizen mich die Länder allerdings weniger als die Menschen, die darauf warten, dass ich sie besuchen komme. Ich möchte bald meine Freunde in Bangkok, Brasilien, auf Mauritius und den Philippinen sehen. Die sind mir besonders ans Herz gewachsen.

Sie sind 51 Jahre alt und schlafen genauso gerne auf einer Matratze am Boden einer WG wie im Hotel. Was fasziniert Sie am Couchsurfing?

Das Spannende daran ist, dass man direkt in eine fremde Kultur eintauchen kann. Ich erlebe das Couchsurfen immer als eine grosse Bereicherung. Dabei spielt es gar nicht unbedingt eine Rolle, ob man selber surft oder ob man Reisende bei sich aufnimmt. Bei jedem Besuch lerne ich neue Facetten einer Kultur oder einer Lebensweise kennen. So lösen sich die gängigen Klischees in Luft auf. Es geht auch darum, kulturelle Grenzen zu überwinden. Einmal über den eigenen Tellerrand hinausschauen, ausbrechen.

Da kommen also «Ausbrecher» mit stinkenden Socken, haben keine Ahnung, wie sie ein Zugticket lösen sollen, und essen Ihnen Ihre Lieblingskekse weg. Was gefällt Ihnen an Touristen?

Stinkende Socken? Das ist genau eines dieser Klischees. So ist Couchsurfing eben nicht. Es kommen keine Touristen. Die Reisenden wollen viel lieber den Alltag hier erleben als die Sightseeing-Attraktionen abzuklappern. Manchmal sehen die Surfer nicht einmal viel von Zürich. Wir spazieren an der Limmat, machen zu Hause Brettspiele, gehen ins Schwimmbad. Für viele ist es auch spannend, einfach nur in den Supermarkt zu fahren. Ausserdem packen die meisten im Haushalt mit an. Oft werden wir mit leckeren ausländischen Gerichten bekocht. Und meine Kekse teile ich gerne.

Trotzdem: Sie nehmen Unbekannte in Ihren eigenen vier Wänden auf. Diese benützen Ihre Dusche und schnarchen im Nebenzimmer. Wie wichtig ist Ihnen die Privatsphäre?

Da sprechen wir von einem weiteren Klischee. Meine Privatsphäre ist mir sehr wichtig. Aber ich habe mich noch nie gestört gefühlt. Falls es mir zu viel wird, kann ich Anfragen ja auch jederzeit ablehnen. Oder ich schicke die Surfer alleine los – sie brauchen schliesslich keinen Babysitter. Ausserdem wollen auch die Reisenden ihre Privatsphäre. Vor allem jene aus Übersee landen oft mit einem Jetlag und brauchen zuerst ihre Ruhe.

Hatten Sie je das Gefühl, jemanden in Ihrer Wohnung nicht aus den Augen lassen zu können, weil sonst etwas verschwinden oder beschädigt würde?

Absolut nicht. Man darf nicht hinter jeder Ecke Böses vermuten. Im Gegenteil: Für mich ist Fremdes grundsätzlich positiv. Ich traue den Menschen. Trotzdem bin ich nicht naiv und verlasse mich auf mein Bauchgefühl bei der Entscheidung, welche Surfer ich bei mir aufnehmen möchte – und welche eben nicht.

Können Sie sich an alle Ihre Gäste erinnern?

Natürlich. Vom 18-jährigen Schüler bis zur Rentnerin – ich erinnere mich an jedes Gesicht. Mit vielen habe ich über die Jahre auch den Kontakt gehalten. Wir skypen ab und zu oder besuchen einander, wenn immer möglich.

Sie veranstalten Konzerte in Ihrem Wohnzimmer, beherbergen Polit-Diskussionen für Interessierte Surfer und organisieren diverse Veranstaltungen für die Couchsurfing-Community. Was kriegen Sie zurück?

Auf jeden Fall ganz viel Spass und gute Gespräche mit interessanten Menschen aus allen Winkeln dieser Erde. Sie bringen mich immer wieder auf Gedanken und Ideen, die ich sonst nicht gehabt hätte. Gedanken über Gott und die Welt – über das Leben und das Reisen.

Was finden Sie spannender: Selber Couches zu surfen oder Reisende bei sich aufzunehmen?

Ich erlebe beides als sehr intensiv. Aber es hängt auch immer von den Menschen ab, auf die man trifft. Bis jetzt habe ich über Couchsurfing nur offene, sympathische, anpassungsfähige und unkomplizierte Menschen kennen gelernt. Flexibilität und Neugierde gehören zum Surferprofil, genauso wie Humor und Geselligkeit.

Was ist Ihnen wichtig beim Reisen?

Für mich ist der Weg das Ziel. Es geht nicht darum, möglichst weit weg zu verreisen. Und ich möchte nicht einfach von A nach B fliegen, um dort eine Woche am Strand zu liegen. Reisen ist eine Horizonterweiterung. Vor allem, wenn man in einer anderen Umgebung nicht als Fremdkörper auffällt, sondern aufgenommen wird. Beim Couchsurfen kann man wirklich in eine andere Lebensart eintauchen.

Worüber lernt man auf Reisen mehr – über das fremde Land oder über sich selber?

Ich erfahre jeweils sehr viel über mich selber. Ein Stück weit lernt man sich auf Reisen neu kennen, indem man seine Grenzen vor Augen geführt bekommt. Man lernt, sich anzupassen, einzufügen und man weiss danach besser, was einem wichtig ist und was man wirklich braucht.