Bezirksgericht Dietikon

«Gewalttat, die perfider und skrupelloser nicht sein könnte»: Autobahnstreit endet im Gefängnis

Das Urteil gegen den Limmattaler wird morgen Freitag verkündet. (Archivbild)

Nachdem ein junger Limmattaler seinen Kontrahenten umfuhr, ist dieser vollständig arbeitsunfähig. Der Anwalt des Opfers fordert eine Genugtuung von 30 000 Franken und Schadenersatz von 292 000 Franken. Die Staatsanwaltschaft fordert eine fünfeinhalbjährige Freiheitsstrafe.

Es war ein alter Bekannter, der sich gestern vor dem Bezirksgericht Dietikon verantworten musste: Bereits im Oktober und November 2016 sass der heute 23-jährige Schweizer im gleichen Gerichtssaal. Damals ging es um einen besonders brutalen Fall: Der junge Limmattaler hatte gemeinsam mit seinem Bruder und einem Kollegen am Rande der Fasnacht Urdorf zwei Männer derart zusammengeschlagen, dass einer, dem der Schädel gebrochen wurde, nur dank einer Notoperation überlebte.

Die ihm dafür auferlegte Gefängnisstrafe – 28 Monate, davon 6 unbedingt – musste der Verurteilte aber noch nicht antreten. Weil der Staatsanwalt und der Verteidiger eines der Geschädigten Berufung einlegten, ist das Urteil noch nicht rechtskräftig. 

Trotzdem wurde der junge Mann gestern von der Polizei in Handschellen zum Gerichtssaal gebracht: Er sitzt wegen eines weiteren Vorfalls seit Mitte November 2016 in Untersuchungshaft in Pfäffikon. Schuld daran ist eine ziemlich ungewöhnliche Geschichte, die sich an einem frühen Freitagmorgen im August 2016 zutrug.

Der Beschuldigte war nach dem Ausgang in Zürich kurz nach 5 Uhr mit dem Auto auf dem Heimweg ins Limmattal, wobei er in  Dietikon zuerst noch einen Döner essen wollte. Auf der Autobahn nahm dann eine folgenschwere Auseinandersetzung ihren Anfang, deren Ablauf nicht restlos geklärt ist. 

Über das Auto geschleudert

Erstellt ist, dass der damals 21-Jährige nahe auf ein Taxi auffuhr, das unmittelbar vor ihm auf den linken Fahrstreifen gewechselt hatte. Dieses bedrängte er, indem er mehrmals die Lichthupe und das Signalhorn betätigte. Beide Autos verliessen die Autobahn bei der Ausfahrt Urdorf Nord, worauf der Limmattaler dem Taxifahrer auf der Bernstrasse bis zum Lichtsignal folgte, bei dem die Bremgartnerstrasse rechts nach Dietikon abzweigt.

Dort verliess der Beifahrer, ein Kunde, das Taxi, um das Gespräch mit dem jungen Limmattaler zu suchen, was ihm aber nicht gelang. Stattdessen musste er sich mit einem Sprung in Sicherheit bringen, um nicht von dem Auto erfasst zu werden, das nun wendete.

Dessen Fahrer beschleunigte in der Folge plötzlich stark und steuerte sein Auto auf den Taxifahrer zu, der in der Zwischenzeit ebenfalls ausgestiegen war. Der 57-Jährige wurde vom Fahrzeug erfasst, über die Motorhaube geschleudert und kam schliesslich auf dem Asphalt zu liegen. Ohne sich um den Verletzten zu kümmern, setzte der Beschuldigte seine Fahrt Richtung Urdorf fort. 

Der Taxifahrer trug bleibende Verletzungen davon und musste mehrmals operiert werden: ein Wirbelsäulentrauma, zwei Brüche, starke Rückenschmerzen sowie Probleme beim Liegen, Sitzen und Gehen. Er ist zudem depressiv und bis heute zu 100 Prozent arbeitsunfähig. 

«Ein bisschen hässig»

Zu den weiteren Details der Geschichte gibt es unterschiedliche Versionen. Der Beschuldigte machte gestern vor Gericht geltend, er sei zwar schon «ein bisschen hässig» gewesen, jedoch habe er den Taxifahrer nicht absichtlich umgefahren. Er habe bloss der Situation aus dem Weg gehen wollen, weil er Angst vor einem Angriff gehabt habe.

Der Staatsanwalt hingegen sprach von einer «Gewalttat, die perfider und skrupelloser nicht sein könnte» und von einem «ausgesprochenen Vernichtungswille» des Beschuldigten. Dass dieser nicht glaubwürdig sei, zeige sich nur schon daran, dass er in der ersten Einvernahme einen Filmriss geltend machte, sich später dann aber plötzlich wieder recht detailliert an den Vorfall erinnern wollte.

Er forderte für den Limmattaler, der sich auch noch wegen Kokainkonsums und des Besitzes eines illegalen Klappmessers verantworten muss, eine fünfeinhalbjährige Freiheitsstrafe.

Für den Taxifahrer, der selber nicht vor Gericht erschienen war, forderte sein Anwalt zudem eine Genugtuung von 30 000 Franken und Schadenersatz von 292 000 Franken. Er beschrieb den Beschuldigten als «extrem gefährlich und gewaltbereit» sowie als «brutale, dumpfe und rücksichtslose Persönlichkeit», für die das Ausüben von sinnloser Gewalt offensichtlich ein Ventil sei. Sein Mandant sei deswegen nun ein Invalider, der seine Arbeitsfähigkeit und alle Freude am Leben verloren habe. 

Der Anwalt des Beschuldigten wiederum bezeichnete die Aussagen des Taxifahrers und seines Beifahrers als «wenig glaubhaft» und «äusserst manipulativ». Sie hätten sich wohl abgesprochen, um zu vertuschen, dass der Taxifahrer selber die Verkehrsregeln verletzt habe. Er forderte einen Teilfreispruch sowie eine Strafe von 36 Monaten, davon die Hälfte bedingt. Das Urteil wird morgen Freitag verkündet.

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