Wenn Getuard Racaj in den Ring steigt, scheint er um Jahre zu altern. Die High-kicks, welche er auf Kopfhöhe in die schweren Lederpratzen seines Trainers Oliver Alessandri prügelt, sind so schnell und hart, dass auch kampferfahrene Zuschauer anerkennend mit dem Kopf nicken. Dabei ist Racaj erst 16 Jahre alt. Der Schweiss spritzt von seinem jungenhaften Gesicht, wenn er den sehnigen Körper anspannt und die nächste Kombination platziert. «Härter!», brüllt Alessandri immer wieder durch die Halle des «David Gym». Nur einen Bruchteil einer Sekunde später knallt Racajs Fuss, Schienbein, Faust oder Ellbogen auf Leder. Patz! Pa-pa-patz! Der Schlieremer ist Muay-Thai-Fighter, Vertreter einer der härtesten Vollkontakt-Sportarten überhaupt. Im Kampf sind hier im Unterschied zum Kickboxen auch Treffer mit Knie und Ellbogen sowie das Greifen des Gegners im Nacken – das sogenannte «Clinchen» – erlaubt. Racaj steckt mitten in der Vorbereitung auf seinen nächsten Kampf an der «Illyrian Fight Night» in Winterthur. Und seine Chancen auf einen Sieg stehen gut.

Die Bilanz des Thaiboxers nach acht Kämpfen in der Amateurliga der «World Kickboxing and Karate Union» (WKU) lässt sich sehen: Sechsmal hat er gewonnen, einmal verloren, ein Kampf ging unentschieden aus. Vergangenes Jahr wurde er mit 15 Jahren WKU-Schweizer-Meister im Halbweltergewicht (bis 63,5 Kilogramm). Dass dem 1,76 Meter grossen Jugendlichen damals, wie bei den meisten seiner Kämpfe, ein einige Jahre älterer Gegner gegenüberstand, hinderte ihn nicht daran, alle drei Runden nach Punkten zu gewinnen. Racaj kümmert der Altersunterschied wenig: «Ich habe bisher noch nie einen Herausforderer abgelehnt. Wieso sollte ich, wenn ich gut vorbereitet bin?»
Voller Körpereinsatz: Getuard Racaj beim Training.

Voller Körpereinsatz: Getuard Racaj beim Training.

Ein Wolf im Schafspelz

Wer den Teenager ausserhalb des Gyms sieht, würde nie erahnen, wie explosiv und hart im Nehmen er im Ring ist. Höflich, ruhig und meist mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht antwortet er auf die Fragen des Journalisten. Sein Ziel sei der Europameistertitel im Muay-Thai, sagt Racaj. Und der Bauzeichnerlehrling hat nicht nur sportlich grosse Pläne: «Ich könnte mir vorstellen, später zu studieren. Erst steht aber die Lehre an, dann sehen wir weiter», sagt er.

Während der letzten zwei Wochen, in seinen Schulferien, trainierte Getuard an sechs Tagen der Woche sieben Stunden, aufgeteilt in zwei Einheiten. Schon ab Mitte Januar steigerte er die Trainingsintensität stetig. Trotz der intensiven Vorbereitungsphasen schreibe das Muay-Thai-Talent in der Schule gute Noten, sagt sein Onkel Jeton, der ihn an jeden Kampf begleitet. Die Ausbildung habe Vorrang. «Wenn er für Prüfungen lernen muss, hört er deshalb schon mal früher mit dem Training auf oder lässt eines aus», sagt er, während sein Neffe, die Kapuze seines Pullovers tief ins Gesicht gezogen, minutenlang um einen grossen Sandsack tänzelt. Patz! Patz! Patz! Patz! Dennoch: manchmal müsse man ihn davor bewahren, dass er sich mit der Doppelbelastung von Sport und Lehre nicht verausgabe, sagt Onkel Jeton.

Trainer Alessandri sagt über «Geti», wie er Racaj nennt, er sei schlau und fokussiert wie kaum ein anderer Thaiboxer. «Wenn er weiterhin diszipliniert trainiert und so mutig kämpft wie bisher, kann er einer der ganz Grossen werden.» Diese Zielstrebigkeit erstaunt. Besonders in einem Alter, in dem andere ihre Freizeit lieber mit Kollegen verbringen und ausgehen: Woher kommt sie? Um im Ring zu bestehen, müsse man von unten kommen, sich durchbeissen wollen, sonst könne man es vergessen, sagte einst Fritz Chervet, der letzte Box-Europameister, den die Schweiz hatte. Alessandri ist überzeugt, dass dieses Sich-Hochkämpfen auch Racajs Triebfeder ist.

Der Sohn kosovarischer Einwanderer suchte schon früh den sportlichen Erfolg. Einige Jahre lang versuchte es Getuard mit Fussball – sein Cousin ist Profifussballer und spielt für den FC Biel. Doch wenn «Getis» Team verloren habe, sei er immer extrem wütend und kaum mehr zu halten gewesen, erinnert sich sein Onkel. «Also fragte ich ihn, warum suchst du dir nicht etwas anderes?» Als der Teenager Muay-Thai vorschlug, wies Jeton ihn darauf hin, dass dort eine Niederlage gleich doppelt, weil auch körperlich, schmerzen würde. Getuard antwortete: «Ja, aber dann bin ich wenigstens selbst schuld daran, dass ich verliere.»

Schläger fliegen raus

Die Schweizer Thaibox-Szene ist in den letzten Jahren in Verruf geraten. Immer wieder kamen Athleten wie der «Parkplatzmörder» Bashkim Berisha mit dem Gesetz in Konflikt, in Basel überfiel 2014 ein Trainer das Gym eines Konkurrenten. Oft ist unter Kampfsportlern der Vorwurf zu hören, Muay-Thai-Schulen würden ihre Athleten eher für die Strasse als für den Ring ausbilden (siehe Kontext-Interview).

Dieser Vorwurf treffe auf die Schüler des bald 45-jährigen Trainers Oliver Alessandri nicht zu, betont Racaj: «Oli machte uns von Anfang an klar, dass er es nicht tolerieren würde, wenn wir auf der Strasse kämpfen.» Durch das Training sei er selbst eher noch ruhiger geworden und lasse sich von anderen kaum provozieren. Alessandri erklärt, er konfrontiere seine Schüler, wenn er höre, dass sie Ärger gehabt hätten. «Ich habe einen Ruf bei Sponsoren und Organisatoren zu verlieren. Schläger, die das nicht respektieren, fliegen raus», sagt der zweifache Vater.

Was zum schlechten Ruf des Thaiboxens in der Schweiz beiträgt, ist die unübersichtliche Organisation der Vereine. Anders als etwa in Holland verfügt hier derzeit keiner der übergeordneten Verbände über die nötigen Strukturen, um eine gewisse Ausbildungsqualität garantieren und schwarze Schafe unter den Schulen sanktionieren zu können. Vergangenes Jahr hoben daher einige Trainer die «Swiss Muay Thai League» aus der Taufe, der auch Alessandris Schule angehört. Aus dieser Liga soll, so ihr Ziel, später ein Verein erwachsen, dem nur lizenzierte Thaibox-Schulen beitreten können, die gewisse Auflagen erfüllen.

Getuard «Geti» Racaj stört sich als Kämpfer an der teils unprofessionellen Muay-Thai-Szene. Er will dazu beitragen, das Image dieser Sportart zu verbessern. Er kritisiert aber auch, dass er und seinesgleichen in der Schweiz kaum vom Staat gefördert würden. Dass er, ganz im Gegenteil zu Fussballern oder Skifahrern, etwa keine Möglichkeit habe, eine Ausbildung zu absolvieren, die seinem Trainingsplan angepasst wird. «Ich kann nicht verstehen, weshalb die Behörden andere Sporttalente unterstützen, dies bei Thaiboxern aber nicht tun», sagt der 16-Jährige.

Für Sportpolitik hat er momentan jedoch keine Zeit. Heute Samstag steigt er in Winterthur gegen den Genfer Junioren-Schweizer Meister 2014/2015 Loik Rouge in den Ring – auch dieser Gegner ist älter und muskulöser als Racaj. «Ein guter Kämpfer, wie ich gehört habe», sagt der Schlieremer wenig beeindruckt, wendet sich wieder dem Sandsack zu und lässt auf Nierenhöhe eine Salve linker und rechter Haken auf diesen einprasseln. Pa-pa-pa-patz! Seine Körper spricht eine klare Sprache: Niemand besiegt «Geti», ausser vielleicht «Geti» selbst.