Weihnachten

Gespräch über die Bedeutung des Fests zwischen Kommerz und Kirche

Weihnachten zwischen Einkaufsstress und Besinnlichkeit: Der katholische Pfarrer Kurt Vogt (links) und der Leiter des Shoppi Tivoli Patrick Stäuble loten im Gespräch die Bedeutung des Fests in der heutigen Zeit aus.

Weihnachten zwischen Einkaufsstress und Besinnlichkeit: Der katholische Pfarrer Kurt Vogt (links) und der Leiter des Shoppi Tivoli Patrick Stäuble loten im Gespräch die Bedeutung des Fests in der heutigen Zeit aus.

Pfarrer Kurt Vogt und Shoppi-Tivoli-Chef Patrick Stäuble reden über den Sinn des Schenkens, Weihnachtsstress und weshalb die Kirche von Werbung profitieren kann.

Herr Vogt, Herr Stäuble, haben Sie Ihre Weihnachtsgeschenke schon gekauft?

Vogt: Ja, ich habe sie schon gekauft. Ich mache relativ wenig Geschenke. Meine Mitarbeiter kriegen eins.

Stäuble: Bei mir hat das meine Frau erledigt, also die Geschenke für die Kinder. Wir selbst hingegen schenken einander nichts mehr.


Was bedeutet Ihnen das Schenken?

Stäuble: Die leuchtenden Augen meiner Kinder, das ist mir wichtig. Im grösseren Familienkreis pflegen wir die Tradition des Wichtelns, bei dem ausgelost wird, wer wem etwas schenkt. Dabei geht es aber mehr darum, sich zu treffen und sich auszutauschen.

Vogt: Zu einem Fest gehört für mich immer auch ein Geschenk. Es ist ein Symbol, um die Wertschätzung für den Beschenkten auszudrücken. Allerdings können hinter dem Schenken unterschiedliche Intentionen stecken. Ich kann schenken, um dem anderen eine Freude zu machen, was mir wiederum Freude bereitet und was letztlich die Absicht des Weihnachtsgeschenks ist. Oder ich kann schenken, in Erwartung, das ich ebenfalls beschenkt werde. Diese Absicht verkehrt aber den Sinn des Schenkens.

Herr Stäuble, Sie sind als Shoppi-Leiter im Geschenke-Geschäft tätig. Was bedeutet für Sie die Tradition des Schenkens aus beruflicher Sicht?

Stäuble: Für uns ist das Weihnachtsgeschäft natürlich sehr wichtig – im November und Dezember machen wir über 20 Prozent des Umsatzes. Es ist deshalb auch die strengste Zeit für uns, mit verlängerten Öffnungszeiten und Sonntagsverkäufen.

Für viele Leute bedeutet die Vorweihnachtszeit Stress, nicht zuletzt wegen der Besorgung der Geschenke. Ist das nicht der falsche Effekt dieser besinnlichen Zeit?

Stäuble: Es gibt durchaus Leute, denen es Freude bereitet, sich Gedanken über das Schenken zu machen, durch die Läden zu flanieren und das Ambiente zu geniessen. Und dann gibt es solche, die auf die letzte Minute ein Geschenk organisieren. Glaubt man den Statistiken, kauft die Mehrheit der Konsumenten ihre Geschenke vier bis zwei Wochen vor Weihnachten – und kommt dann unter Druck. Wir haben im Tivoli beide Kundengruppen – und wir nehmen auch beide. Wir sind ein Verkaufsgeschäft und für uns spielt es keine Rolle, ob jemand gerne Geschenke einkauft oder dies unter Druck tut.

Vogt: Um Geschenke kommt man nicht herum, egal ob es sich um Weihnachten, eine Hochzeit oder ein Geburtstagsfest handelt – es gehört einfach dazu. Die Frage ist: Lasse ich den Geschenkestress zu oder mache ich etwas anderes daraus. In dem ich mir etwa Gedanken darüber mache, warum ich etwas geben will. Mir ist wichtig, dass man ein Geschenk bewusst schenkt und den Hintergrund nicht vergisst. Und das vermisse ich aus kirchlicher Sicht hin und wieder: Das im ganzen Weihnachtsstress untergeht, warum man etwas schenkt.

Warum denn?

Vogt: An Weihnachten steht hinter dem Schenken die Freude, dass Jesus Christus in diese Welt gekommen ist. Und die Freude über dieses grossartige Geschenk möchte ich teilen, indem ich anderen etwas gebe. Dieser Gedanke ist unserer Gesellschaft etwas abhandengekommen. Ich wage zu behaupten, dass bei einer Umfrage im Limmattal ein Grossteil der Befragten nicht mehr sagen könnte, was an Weihnachten gefeiert wird. Für die einen ist es ein verlängertes Wochenende, für andere die Zeit, in der es schöne Beleuchtungen in den Stadtzentren hat. Aber die wahre Bedeutung des Fests ist vielen nicht mehr bewusst.

Wie ist das bei Ihnen, Herr Stäuble, spielt diese Bedeutung für Sie als Shoppi-Leiter eine Rolle?

Stäuble: Ich sehe das Geschäft dahinter, sonst würde ich meinen Job nicht richtig machen. Die Organisation dieses Geschäfts läuft neutral und sachlich ab. Und es wäre fehl am Platz, würden wir als Shoppingcenter versuchen, denn Menschen die Bedeutung von Weihnachten näherzubringen. Wir sind ein Dienstleister. Unabhängig davon hat das Fest für mich als Familienvater eine spezielle Bedeutung. Wir feiern ganz klassisch und besuchen die Kirche, in der meine Tochter dieses Jahr in einem Musical auftritt. Für die Kinder gehört diese Tradition dazu. Und an dieser wollen wir auch festhalten.

Viele Menschen haben das Gefühl, die Weihnachtszeit beginnt jedes Jahr früher. Ist es nicht fragwürdig, wenn die Läden schon im Oktober festlich geschmückt werden?

Vogt: Für die Kirche beginnt die Weihnachtszeit am 24. Dezember und dauert bis zur Festtaufe des Herrn am Sonntag nach dem Dreikönigstag. Für die Geschäfte beginnen Weihnachten verständlicherweise früher. Aus kirchlicher Sicht muss man aber aufpassen, dass diese kommerzielle Weihnachtszeit nicht zu früh losgeht. Damit die Menschen am eigentlichen Fest dessen nicht überdrüssig sind.

Stäuble: Im Tivoli achten wir darauf, nicht zu früh ins Weihnachtsgeschäft zu starten. Die Dekoration im Center wird relativ spät, Mitte November, aufgehängt. Wir sind der Ansicht, es soll eine Lücke geben zwischen dem Herbst- und dem Weihnachtsgeschäft. Der Herbst soll Herbst bleiben. Dahinter steckt natürlich auch eine finanzielle Überlegung, insbesondere im Hinblick auf die Herbstmode. Trotzdem: Gewisse Artikel wie etwa Weihnachtsschokolade sind natürlich sehr früh in den Läden. Das es Leute gibt, die sich darüber aufregen, kann ich nachvollziehen. Und wir merken im Tivoli auch, dass die Leute froh sind, wenn Weihnachten am 26. Dezember wieder vorbei sind.

Vogt: Das beobachten ich und viele meiner Pfarreiangehörigen ebenfalls: Viele Leute sind erleichtert, wenn die Feiertage vorbei sind, weil es für sie eine Zeit der Vereinsamung ist. Gerade Alleinstehenden fehlt der zwischenmenschliche Kontakt, den sie etwa bei der Arbeit haben oder beim Einkaufen. Für sie sind Einkaufszentren Orte der Begegnung. Sie gehen nicht dorthin, um etwas einzukaufen, sondern um unter Menschen zu kommen.

Kommen in der Weihnachtszeit auch mehr Leute in die Kirche?

Ja, wir haben mehr Besucher. Wir sorgen in dieser Zeit auch für eine spezielle Stimmung, indem etwa beim Schüler-Rorate die Kirche nur mit Kerzen beleuchtet wird. Wir haben viele Leute, die kommen nach der Arbeit in die Agathe-Kirche, um ein wenig zur Ruhe zu kommen.

Dieses zur Ruhe kommen, die Besinnung während der Weihnachtszeit: Kommt das nicht zu kurz?

Vogt: Gesamthaft gesehen kommt es garantiert zu kurz. Da spielt auch die Arbeitsbelastung eine Rolle. Und es braucht Mut zur Leere und zur Stille, um sich selber zu spüren. Damit können viele Leute nicht mehr umgehen. Das ist aber nicht nur ein Problem während der Weihnachtszeit. Doch gerade diese besinnliche Zeit wäre eine Einladung, sich und die anderen wieder wahrzunehmen.

Wie ist es im Tivoli, Herr Stäuble, erleben Sie da besinnliche Momente?

Stäuble: Man erlebt schöne Momente, weil das Tivoli ein Ort der Begegnung ist. Gerade ältere Leute, die sonst niemanden mehr haben, kommen gerne in die Mall, um sich zu treffen und mit den Angestellten zu plaudern. Aber besinnlich kann ein Einkaufszentrum nicht sein. Es ist ein Bienenhaus zu dieser Jahreszeit. Vielleicht erlebt aber der einzelne Kunde besinnliche Momente, wenn er Zeit und Gedanken investiert, um Geschenke zu kaufen, und dies als schönen Akt empfindet.

Das Tivoli hat pro Jahr rund 4,5 Millionen Besucher, der katholische Seelsorgeraum Schlieren-Dietikon um die 16 000 Mitglieder. Ist der Konsum die neue Religion, das Einkaufszentrum die neue Kirche?

Stäuble: Nein, ich glaube, das darf man nicht vergleichen.

Vogt: Konsum und Religion müssen sich nicht widersprechen. Ich bin selber auch froh, wenn ich die Möglichkeit habe, einkaufen zu gehen, um jemandem eine Freude zu bereiten. Die Frage, in welchem Verhältnis Konsum und Religion zueinander stehen und ob das eine das andere verdrängt, ist bei jedem Menschen wieder anders. Klar ist aber: Konsum kann nie Wertvorstellungen ersetzen. Bedauerlich ist, was sich Verkäuferinnen und Verkäufer in der Weihnachtszeit alles gefallen lassen müssen. Da denke ich: Hoppla, die Leute kaufen etwas für Weihnachten und zeigen keinen Respekt gegenüber dem, der sie bedient. Respekt, Achtung und Würde – diese christlichen Werte gehen in der Hektik manchmal verloren.

Könnte das auch daran liegen, dass die Kirche die Deutungshoheit über das Fest verloren hat?

Vogt: Das die Kirche vor 50 Jahren einen anderen Stellenwert hatte, ist klar. Heutzutage haben die Menschen viel mehr Möglichkeiten, ihre freie Zeit zu verbringen; die Kirche hat ihre Nische in der Gesellschaft. Das heisst aber nicht, das wir alles andere verteufeln müssen, auch wenn die Wertvorstellungen gelegentlich in den Hintergrund treten. Unsere Aufgabe ist es dann, hin und wieder darauf hinzuweisen.

Haben Sie das Gefühl, die Kirche nimmt diese Aufgabe heutzutage genügend wahr?

Vogt: Die Kirche als Institution ist oftmals zu stark mit sich selbst beschäftigt. Aber die Glaubensgemeinschaft engagiert sich auf vielfältige Weise in der Gesellschaft und vermittelt christliche Werte. Es wird einfach nicht immer als kirchliches Engagement wahrgenommen, sondern zum Beispiel als das des Nachbarn oder eines Vereins. Für mich ist es gelebter Glaube, wenn zum Beispiel Dietiker Schulklassen ein Weihnachtssingen auf die Beine stellen, um Geld für einen guten Zweck zu sammeln.

Gibt es in Ihrem Einkaufszentrum Spendenaktionen, Herr Stäuble ?

Stäuble: Die Einnahmen aus unseren Päcklihäuschen, in denen wir einen Geschenk-Einpackservice anbieten, fliessen vollumfänglich in den Aufbau eines Kindergartens auf Haiti. Und wir bieten gewissen Aktionen eine Plattform. Etwa Kindern, die Geld sammeln wollen. Ausserdem unterstützen wir unter dem Jahr beispielsweise Clowns, die Kinder im Spital besuchen. Wichtig ist für uns aber, dass Spenden direkt für die Hilfe verwendet werden und nicht in die Werbung fliessen.

Apropos Werbung: Das deutsche Warenhaus Edeka hat einen Werbe-Clip produziert, der recht umstritten ist. Ein alter Mann täuscht darin seinen Tod vor, damit seine Kinder an Weihnachten wieder mal zu ihm nach Hause kommen. Sehr rührend, aber trotzdem Werbung. Gibt es nicht Grenzen bei der Vermarktung des Weihnachtsgeschäfts?

Stäuble: Wenn man heute Aufmerksamkeit möchte, muss man plakativ werden. Ich bin der Meinung, dass jeder Kunde selbst entscheiden kann: Möchte ich auf die Werbung hineinfallen oder nicht? Und wenn jemand aus diesem Clip herausnimmt, dass er wieder einmal seine Tante oder Grossmutter besuchen könnte, hat er ja auch etwas Gutes bewirkt.

Vogt: Eigentlich vermittelt diese Werbung ja eine wunderbare, positive Botschaft. Die Kirche profitiert zum Teil von gut gemachter Werbung mit religiösen Symbolen. Etwa von jener, in der George Clooney Gott seine neue Nespresso-Maschine schenkt, damit er wieder auf die Erde zurückkehren kann. Diese Werbung ist lustig und sie vermittelt eine religiöse Botschaft.

Welche denn?

Vogt: Dass Gott barmherzig ist und zu mir schaut.

Wenn er eine Nespresso-Maschine erhält?

Vogt: Das ist die oberflächliche Aussage. Aber Kinder zum Beispiel, die noch offener dafür sind, nehmen die Botschaft anders wahr. Für mich wird Werbung dann gefährlich, wenn sie manipuliert oder auf Kosten anderer geht. Etwa als die Firma Benetton ihre Kleider mit Aidskranken und Magersüchtigen beworben hat.

Aber gerade während Weihnachten spielt die Werbung ganz gezielt mit Gefühlen, der Konsument wird ständig berieselt und unter Druck gesetzt. Mangelt es da dem Detailhandel nicht an sozialer Verantwortung, Herr Stäuble?

Stäuble: Das ist nur eine Seite der Verantwortung. Im Tivoli arbeiten rund 1500 Menschen. Und in dem Moment, in dem wir nicht mehr um den Kunden buhlen, geht es auch um Arbeitsplätze. Und ja, dahinter steckt eine wirtschaftliche Überlegung. Es ist unser Job, möglichst viel Umsatz zu generieren. Letztlich wird aber das Angebot durch die Nachfrage geschaffen. Und man kann sich schon Fragen, wo hier die Grenzen sind. Das erlebe ich auch als Vater, etwa bei der Frage, ob meine Kinder schon ein Handy haben müssen. Dieser Entscheid liegt aber bei uns Eltern. Wir sind dafür genug kompetent.

Vogt: Aber die Nachfrage wird schon auch gefördert. Man weiss, wie man dem Konsumenten dazu bringt, ein neues Produkt haben zu wollen. Wenn aber die Grenzen von Moral und Ethik eingehalten werden und ich als Konsument nicht gezielt manipuliert werde, kann ich auch entscheiden, ob ich

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