Unterengstringen
Geschichtsunterricht unter der Russenlinde: Erstmals waren Primarschüler an der Gedenkfeier dabei

Die Gedenkfeier in der Rüti zu Ehren der über 1000 Russen, welche vor fast 220 Jahren dort ihr Leben gelassen haben, fand bereits zum 14. Mal statt – erstmals war auch eine Schulklasse dabei.

Sibylle Egloff
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Russenlinde
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Klarer Favorit: Wodka durfte nicht fehlen.
Links Unterengstringer Ehrenbürger Dr. Jakob Meier und Unterengstringer Ehrenbürger Willy Haderer, beide haben den Rang eines Oberst im Kosaken-Heer.
Links Pater Michail von der russischorthodoxen Kirche in Zürich und rechts Kopelan Mark des zentralen Kosakenheers.
Dmitry Andrienko vom Kasaken-Heer (links) und alt Gemeindepräsident Willy Harderer.
Sie gedenken den in 1799 gefallenen Russen (zweite Schlacht bei Zürich, die Franzosen gewannen damals dank eines guten Überraschungsangriffs).
Die Sechstklässler lauschten gespannt Jakob Meiers (rechts) Anekdoten.

Russenlinde

Sibylle Egloff

Der Wind peitscht durch die Linde, die einsam auf einer Anhöhe ruht. Unter ihr steht vor einem grossen, dunklen Stein ein weisses Körbchen. Die Gladiolen, Lilien und Gerbera darin tanzen bei jedem Luftstoss. Die weiss-blau-rote Schleife, auf der «Im Gedenken an die 1799 Gefallenen» zu lesen ist, tut es ihnen gleich. «Vor 219 Jahren, am 25. September 1799, war hier, wo wir stehen, buchstäblich die Hölle los», sagte der Unterengstringer Gemeindepräsident Simon Wirth (FDP).

Zum 14. Mal fand die Gedenkfeier in der Rüti oberhalb des Klosters Fahr zu Ehren der über 1000 Russen statt, die in Unterengstringen ihr Leben gelassen hatten. Frankreich verübte damals von Dietikon her einen Überraschungsangriff, um die in Unterengstringen stationierten Kosaken zu bekämpfen. Die List des französischen Generals Masséna ging auf. Die russischen Truppen wurden im Anschluss an das Manöver zum Rückzug gezwungen.

Zugegen waren an der Gedenkfeier bei der Russenlinde, die 2002 extra für diesen Anlass gepflanzt wurde, aber nicht nur Vertreter der Gemeinde, eine Delegation des Zentralen Kosaken-Heers Russlands und der russischen Botschaft, sondern erstmals auch eine 6. Klasse des Schulhauses Büel in Unterengstringen. «Uns ist wichtig, dass das Wissen um die Dorfgeschichte und Traditionen nicht vergessen geht. Deshalb haben wir den Schulunterricht heute Morgen hierher verlegt», sagte Klassenlehrer Roland Schürch. Man werde schauen, ob man künftig jedes Jahr dabei sein könne.

Schlacht vor der Haustüre

Die 23 Schülerinnen und Schüler hatten trotz bissigem Wind Freude an der Geschichtsstunde unter freiem Himmel. «Ich habe sehr viel Neues erfahren. Zuvor wusste ich nicht, dass hier vor unserer Haustüre eine Schlacht stattgefunden hat», sagte der zwölfjährige Benjamin. Eingefädelt hatte den Besuch der Jugendlichen alt Gemeindepräsident Jakob Meier. Dem 87-Jährigen gehört auch das Land, auf dem der Gedenkstein steht. Er erzählte im Anschluss an die Reden des Gemeindepräsidenten und des Attaché der russischen Botschaft, Alexey Nikolaev, mehr über die zweite Schlacht bei Zürich — so wird der Kampf im Limmattal in den Geschichtsbüchern genannt.

«Als ich mich mit Jugendlichen aus Unterengstringen unterhielt, musste ich mit Schrecken feststellen, dass sie keine Ahnung haben», sagte Meier. Abhilfe schaffen wollte er mit der Einladung zur Gedenkfeier und einem Besuch vor dem Anlass in der Schule, um die Jugendlichen in die Materie einzuführen. Am Anlass vermochte Meier dann nicht nur die Schülerinnen und Schüler, sondern auch die restlichen Anwesenden mit seinen historischen Anekdoten in den Bann zu ziehen. Als er etwa erzählte, dass die Russen das Kloster Fahr in Ruhe liessen, die Franzosen hingegen den Klosterkeller leer tranken und das Restaurant und die Kirche plünderten. «Sogar vor den liturgischen Geräten, die man für die heilige Messe brauchte, machten sie keinen Halt», erzählte er. Grosse Augen machten die Anwesenden, als der Senior eine rund acht Kilo schwere Kanonenkugel herumgab, mit der die Franzosen unter Napoleon das Kloster Fahr bombardierten.

Bemüht war Meier zudem, nicht nur die Geschichte von 1799 zu rezitieren, sondern auch neue Erkenntnisse zu liefern. So habe er herausgefunden, wo das Massengrab der Russen genau liege. Er zeigte Richtung Oberengstringen. «Dort auf dem Sparrenberg beim Grünwald, an der Grenze zwischen Regensdorf, Oberengstringen und Zürich, sind sie begraben.» Warum nicht in der Nähe des Klosters, wusste Meier auch zu erklären. «Das katholische Kloster hatte kein Interesse daran, Russisch-Orthodoxe auf ihrem Land zu beerdigen.»

Mit dem Anlass gedachte man aber nicht nur der Gefallenen, sondern zelebrierte gleichzeitig die Freundschaft zwischen Russland, der Schweiz und Unterengstringen. Am besten ging das mit einem zünftigen Schluck russischen Wodka. Dass das französische Pendant kaum ausgeschenkt wurde, dafür brauchte es keine Erklärung.