Dietikon
Geschichtenerzählerin Sibylle Baumann: Anderswo ist der Froschkönig eine Frau

Sibylle Baumann will, dass das Geschichtenerzählen in der Schweiz wieder beliebter wird. Mit ihrem aktuellen Programm «Danse Macabre» tritt sie am 31. Januar im Zunfthaus zur Waag zur Vorpremiere an.

Alex Rudolf
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Sibylle Baumann im alten botanischen Garten.

Sibylle Baumann im alten botanischen Garten.

ARU

Den Froschkönig kennen alle. Kaum eine Schweizer Kinderstube würde ohne das Märchen der Gebrüder Grimm auskommen. Was jedoch nur die Wenigsten wissen, ist, dass dieselbe Erzählung auch in anderen Kulturen äusserst beliebt ist. In Burma beispielsweise wird seit Jahrhunderten beinahe dieselbe Geschichte mündlich weitergegeben. Einziger Unterschied: Die Prinzessin und nicht der Prinz agiert als Frosch. «Das zeigt, dass das Geschichtenerzählen etwas Universales ist», sagt Sibylle Baumann. Die Geschichtenerzählerin spricht die Emotionen an, die den Menschen antreiben, wie Liebe, Hass, Neid und ergänzt: «Obwohl einige Geschichten in meinem Repertoire mehr als tausend Jahre alt sind, haben sie noch immer etwas Brandaktuelles.»

Makaberer Tanz

Die Geschichtenerzählerin Sibylle Baumann holt sich in ihrem aktuellen Programm «Danse Macabre» Musiker und Lichtgestalter mit an Bord. Ziel sei es gewesen, ein magisches Erlebnis zu kreieren. «Die japanische Geistergeschichte von Camille Saint-Saëns wird von einer Violine, einer Harfe, von unterschiedlichen Lichtstimmungen und natürlich von mir erzählt», so Baumann. Dies ermögliche den Zuschauern das gänzliche Abtauchen in die Geschichte.

Am 31. Januar findet im Zunfthaus zur Waag die Vorpremiere statt. Im Mai folgt mit der urbanen Geschichtenoase ein mehrtägiges Erzählfestival im alten botanischen Garten. Weitere Informationen und Tickets finden Sie unter www.geschichtenoase.ch. (aru)

Drei Berufe in einem

Mit der Berufsbezeichnung Erzählerin ist Baumann aber nicht ganz glücklich. «Die Leute haben Schwierigkeiten, sich darunter etwas Konkretes vorzustellen», sagt sie. Eine Mischung aus Schauspielerin, Regisseurin und Bühnenbildnerin komme dem, was sie tue, am nächsten. Drei Berufe in einem also. Während sie die Geschichten erzählt, schlüpft sie durch Stimme, Mimik und Gestik in verschiedene Charaktere. Weder liest sie die Geschichten ab, noch lernt sie die Texte auswendig. «Immer wenn ich etwas lese oder höre, läuft ein Film vor meinem inneren Auge ab», sagt Baumann. So bereitet sie auch die ausgewählten Geschichten vor, damit sie frei sprechen kann. Kein Abend sei gleich wie ein anderer.

Nach einer Lehre als medizinische Praxisassistentin bildete sich Sibylle Baumann als Kosmetikerin weiter. Heute hat sie ihr eigenes Geschäft in Zürich.

Penis und Vagina beim Fischen

Für die Zukunft wünscht sich Baumann, dass das Geschichtenerzählen auch in der Schweiz an Beliebtheit gewinnt – in England sei das Storytelling etabliert. «Hier hingegen denkt man oft, dass es etwas für Kinder ist.» Dass dem nicht so ist, zeigt Baumann in einem anderen Programm: die erotischen Märchen. In diesem erzählt sie Geschichten, ebenfalls aus sämtlichen Kulturkreisen, die subtil oder weniger subtil das Thema Sexualität aufgreifen. «Der spielerische Umgang mit dem Thema lässt anrüchige Gedanken gar nicht erst aufkommen», glaubt Baumann. Wie spielerisch, das zeigt sich bei einer alten, afrikanischen Geschichte, die sie als Beispiel herbeizieht. Darin gehen ein Penis und eine Vagina fischen.

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