Schauplatz
Geschichten und ein Schieber: Beim Jass- und Erzählnachmittag zählt nicht nur der Stich

Beim Jass- und Erzählnachmittag im Alterszentrum in Birmensdorf geht es um das Zusammensein. Gemeinsam lauschen die Senioren den Geschichten aus der Schlussphase der Industrialisierung oder messen sich im Schieber.

Christian Tschümperlin
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Jass- und Erzählnachmittag
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Hanna Lampert (90) und Hans Rüedi (75) spielen gegeneinander. Hany Lampert sagt, es sei nicht schlimm, wenn man verliere. Hauptsache sei das Zusammensein. Sie sagt: «Wir sind immer das gleiche Grüppchen.»
Irene Illi (85) fungiert als Schreiberin. Sie lebt noch selbstständig und jasst nur mit, wenn ein Spieler ausfällt. Sie sagt, sie jasse etwa seit 80 Jahren. «In Luzern können die Mädchen schon in den Windeln jassen.»
Handschlag der beiden Sieger Margrit Hügli (80) und Hans Rüedi (75), die gerade alle Stiche gemacht haben. Margrit Hügli (80) sagt: «Wir gewinnen gerne ,aber wir sind nicht hässig, wenn wir nicht gewinnen.» Wichtig seien die Unterhaltung und Abwechslung.
Elisabeth Schweingruber vom Frauenverein Birmensdorf stöbert gerne in Buchhandlungen und liest den Senioren seit vielen Jahren Geschichten vor. Für einmal stehen aber keine Blumen auf dem Tisch, sondern Maggi- Produkte wie Bouillon, Minestrone oder Würzmittel. Die Maggis schrieben Schweizer Geschichte. So war Julius Maggi im Jahr 1900 der grösste Grossgrundbesitzer im Land. Zudem habe er als Erster einen Gesamtarbeitsvertrag eingeführt, erzählt Schweingruber. Die Senioren lauschen gespannt den Geschichten und tauschen sich später beim Kaffee darüber aus.
Irene Suter (80, l.) liest ab und zu Tageszeitungen, besonders den Sportteil. Ihre Mutter habe damals auch in einer Fabrik gearbeitet. «Die Minestrone-Suppe von Maggi kenne ich schon seit Kind auf und auch die Knorr-Produkte», sagt sie. Dass die Maggi-Produkte so einfach in der Zubereitung seien, sei damals für die Fabrikarbeiter ein grosser Vorteil gewesen.
Andrea Streif vom Frauenverein Birmensdorf hält ein Maggi-Produkt in die Runde. Sie sagt: «Die Geschichten, die wir erzählen, haben die Anwesenden noch selber erlebt. An Maggi können sich noch alle erinnern.»

Jass- und Erzählnachmittag

Christian Tschümperlin

Die Zeiten, von denen Elisabeth Schweingruber vom Birmensdorfer Frauenverein erzählt, sind den Senioren wohlvertraut. Gemeinsam lauschen sie immer neuen Erzählungen aus der Schlussphase der Industrialisierung. Zu diesem Zweck finden sie sich an jedem dritten Dienstag im Monat im Aktivierungsraum des Birmensdorfer Alterszentrums am Bach ein. Einige von ihnen leben noch selbstständig, andere wohnen im Haus.

An diesem Dienstag handeln alle Episoden von den Anfängen der weltbekannten Schweizer Familie Maggi. Derweil sitzt im Mehrzweck-Raum nebenan ein Grüppchen langjähriger Jasser zusammen. Das Spiel steht ganz im Zeichen des Schiebers. Nach etwa zwei Stunden disloziert auch die Erzählrunde in den Mehrzweck-Raum. Beim Kafi tauschen sie sich über das Gehörte aus und erzählen von früher. Einige reden nicht mehr und geniessen einfach das Zusammensein. Die Kosten für den Jass- und Erzählnachmittag teilen sich der Frauenverein Birmensdorf und das Alterszentrum.