Jahresrückschau
Geschichten, die 2012 die Limmattaler Redaktore bewegten

Geheimnisvolle Schuhdiebe, Wochenkommentare, die zu Tränen rührten, Übernachten im Kloster und andere Anekdoten: Die Redaktorinnen und Redaktoren der Limmattaler Zeitung erinnern sich an ihre eindrücklichste Geschichte des Jahres.

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Im Kloster Fahr gab es bei Katja Landolts Besuch Riz Casimir.

Im Kloster Fahr gab es bei Katja Landolts Besuch Riz Casimir.

Besitzer von Schuhen gesucht

Es sind nicht immer die grossen Geschichten, die in der Jahresrückschau hängen bleiben. Mitte Juni staunten wohl viele Fussgänger nicht schlecht, ob der Ansammlung an Schuhen vor dem Haus Nummer 17 an der Buebenaustrasse in Geroldswil.

Fein säuberlich aufgereiht standen dort entlang des Gartenzauns insgesamt 25 Treter verschiedener Grösse und Farbe. Einige davon waren Einzelstücke, andere standen paarweise auf dem kleinen Mäuerchen. Manche hatten schon bessere Zeiten erlebt. Einzelne waren dagegen fast neuwertig. Gemein war ihnen, dass es sich um Fundstücke aus dem Garten von Werner Lehmann handelte.

Schon seit einigen Jahren ist die Grünfläche hinter Lehmanns Haus ein beliebter Spielplatz von jungen Füchsen. «Die Tiere bringen die Schuhe in den Garten, um mit ihnen zu spielen», sagte Lehmann bei einem Besuch. In der Nacht höre man die Füchse. Manchmal sehe man sogar einen. Am Morgen würden dann jeweils Schuhe im Garten liegen.

Lehmann war deshalb auch nicht sonderlich überrascht über die Tatsache, dass er jeden Morgen neues Schuhwerk in seinem Garten fand. Aussergewöhnlich war dagegen die Anzahl der Fundstücke. «So viele Schuhe habe ich noch nie in meinem Garten gefunden», stellte Lehmann fest. Speziell war auch, dass zuerst nur an vereinzelten Tagen Schuhe an der Buebenaustrasse auftauchten. Mit der Zeit wiederholte sich das Treiben der jungen Füchse jede Nacht. Das führte dazu, dass Einzelstücke wieder zu Paaren zusammengeführt wurden.

Wem all diese Schuhe gehörten, konnte bis jetzt nicht restlos geklärt werden. Einzelne Paare wurden von ihren rechtmässigen Besitzern abgeholt. Andere landeten irgendwann in der Kleidersammlung. Von Sandro Zimmerli

Das Geroldswiler Lied

Es war schon seit jeher unser Redaktionslied. Als ich vor gut vier Jahren als Redaktorin zur Limmattaler Zeitung kam, wurde mir in den ersten Tagen von meinen neuen Kollegen erklärt, was es denn so alles zu beachten gäbe. Unter anderem: Man bitte mich, das «Geroldswiler Lied» auswendig zu lernen. Das gehöre nicht nur zum guten Ton, sondern zum obligatorischen Repertoire der Limmattaler Zeitung. Und: Wenn immer das Lied gespielt werde, gelte es, aufzustehen und mitzusingen. Mit der Hand auf der Brust, notabene.

Dass das nicht nur ein Witz war, wurde mir bald klar. Tatsächlich lief das Lied hin und wieder. Und tatsächlich sprangen wir dann grinsend auf und posaunten die von Felix Stauffer aufgenommene Geroldswiler Hymne in die Redaktionsstube: «Mir händ e Hostellerie und au e Drogerie, mir hände e Metzgerei und au e Bäckerei. Sogar es Postbüro, en eigne Polizist, das alles bruched mir zum glücklich si.»

Als ich im Mai 2012 einen Wochenkommentar zur Schliessung der Oetwiler Post schrieb, zitierte ich das Lied, da es so gut zur Thematik passte. Wann ist ein Dorf ein Dorf, fragte ich. Braucht es dafür eine eigene Post?

Kurz danach ereignete sich ein schöner Zufall, der für mich zum Highlight wurde. Wir beschlossen, unserem langjährigen Redaktor Matthias Kessler - er wuchs in Geroldswil auf und war daher der leidenschaftlichste Fan des Geroldswiler Lieds - zum Abschied mit einer besonderen Version des beliebten Songs zu überraschen. Wir wollten Felix Stauffer, finden, und ihn bitten, das Lied live bei uns auf der Redaktion zu singen. Ihn zu finden, war einfacher, als ich mir vorgestellt hatte: Er rief mich nämlich kurz darauf an. Er wohne zwar nicht mehr im Limmattal, aber als Heimweh-Geroldswiler lese er noch immer die Limmattaler Zeitung - und sei fast ausgeflippt, als er seinen Namen in meinem Wochenkommentar gelesen habe. Ob er einmal bei uns vorbeikommen würde, um uns ein Ständchen zu singen? «Von Herzen gern», rief er aus: «Damit machen Sie mir die grösste Freude, ich habe Tränen in den Augen.»

Als er dann tatsächlich kam und in unserem Büro mit Inbrunst das Geroldswiler Lied sang, da war es, als hätten wir einen alten Freund getroffen. Wir waren gerührt. Was so ein simpler Wochenkommentar in seltenen Fällen nicht alles auslösen kann. Von Bettina Hamilton-Irvine

Verlaufen in Klostergängen

«Du? Ins Kloster? Zum Übernachten?» Die Palette an Gesichtsausdrücken reichte von entgeistert bis belustigt. Zugegeben, ich habe mit Religion wenig am Hut. Aber an Neugierde und Offenheit mangelt es mir nicht. Und im Nachhinein betrachtet war das Übernachten im Kloster Fahr mein Highlight des Jahres. Wir waren aufgeregt, Fotograf Chris Iseli und ich, als wir an einem Nachmittag im November an der Klosterpforte läuteten. Unter dem Arm Fotoausrüstung, Laptop und Block - und jede Menge dicke Kleidung. Es werde kalt, hatte Priorin Irene Gassmann uns gewarnt. Was uns sonst noch alles erwarten würde, wussten wir nicht.

Wir haben die Schwestern innert 21 Stunden fünfmal in die Kirche begleitet und uns einmal in den Kloster-Gängen verlaufen. Wir durften den Schwestern in der Klausur bei der Gesangsprobe zuhören und mit ihnen Riz Casimir essen. Und in der Nacht, als im Klausur-Trakt die Lichter in den Fenstern erloschen, irrten wir mit der Kamera auf den Feldern vor dem Kloster herum und suchten Sujets - und Schlaf. Erschlagen von der kurzen Nacht schleppten wir uns in aller Herrgottsfrühe auf die Empore und lasen die Chorgebete mit. Wir sassen am Tisch mit den Schwestern und sprachen über geheime Wünsche und das Leben als Klosterfrau, die Berufung und den Drang, übers Reisen und Streitereien. Im Gegenzug wollten die Schwestern allerlei von mir wissen; wo ich wohne und wie meine Wohnung eingerichtet ist, und was ich in der Freizeit so mache. Und ich habe ihnen mindestens viermal gezeigt, wie man einen Schlauchschal trägt.

Ja, wir sind in diesen 21 Stunden in manches Fettnäpfchen getreten. Aber die Schwestern sahen mit einer stoischen Gelassenheit lächelnd darüber hinweg. Selten sind mir Menschen mit einer solch geballten Ladung an Neugier, Offenheit, Wärme und erfrischendem Humor begegnet. Das bleibt unvergessen. Von Katja Landolt

Ein Tunnel, der die Zeit verbindet

Eine fast schon kindliche Vorfreude verspürte ich im vergangenen Oktober, als die SBB zu einer Begehung der Baustelle im Landikontunnel zwischen Birmensdorf und Bonstetten einlud. Ich erklärte mich sofort bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. Als dann der Tag der Begehung gekommen war, fragte ich mich allerdings, warum: Die Führung begann erst kurz vor Mitternacht - ich wusste, es würde eine lange Nacht werden. Trotz dieser Vorahnung verspürte ich eine diffuse Aufregung bei dem Gedanken, bald auf den Gleisen herumzuturnen.

Als ich dann spätabends bei den Baucontainern beim Eingang des Tunnels eintraf, begrüsste mich Dumeng Claglüna, der Projektleiter «Instandsetzung Landikontunnel» der SBB. Kurz erklärte er uns Medienvertretern, welche Sanierungsarbeiten im zweitältesten Tunnel im Kanton Zürich anstehen. Durch den 1864 erbauten Stollen brausen heute täglich 130 Züge. Weil der Pendlerverkehr nicht behindert werden soll, wird im Tunnel nur zwischen dem letzten und dem ersten Zug gearbeitet.

Schliesslich schritten wir gemeinsam durch das Eingangsportal auf der Birmensdorfer Seite. Plötzlich war mir wieder klar, weshalb ich mich für diese Aufgabe freiwillig gemeldet hatte: Der Lärm, der Staub und die schweren Maschinen katapultierten mich zurück in meine Kindheit: Mein Grossvater war seiner Zeit Bahnhofvorstand in Wattwil SG. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich ihm als kleiner Junge bei der Arbeit zusehen durfte, wenn ich zu Besuch war. Die Gleisarbeiter mit ihren ölverschmierten Händen und grossen Maschinen faszinierten mich von allen Mitarbeitern auf dem Gelände immer am meisten. Und ihre Kollegen im Landikontunnel erwiesen sich denn auch als freundliche und stolze «Büezer», wie jene, die ich in meiner Kindheit kennen gelernt hatte. Die spektakulärste Sanierungsmassnahme bekamen wir ganz am Schluss zu sehen. Mit einem Laservisier und einer überdimensionalen Kreissäge schnitten die Männer Rippen aus dem alten Gemäuer, in die sie Stahlträger einpassten, an denen später das neue Betongewölbe befestigt wird. Zwischen den neuen Stahlträgern war noch immer das über hundert Jahre alte Gemäuer zu sehen. Im Gewölbe wurden so Gegenwart und Geschichte sichtbar. Und als ich die Gleisarbeiter beobachtete, wurde mir plötzlich bewusst, dass der Tunnel die Gegenwart nicht nur mit seiner, sondern auch mit meiner eigenen Geschichte und vielen schönen Erinnerungen an meine Kindheit verband. Von Florian Niedermann

Wie das Kunstwerk in der katholischen Kirche Urdorf erhalten bleibt

Ich wurde kurz vor der katholischen Kirchgemeindeversammlung Ende dieses Jahren vom Architekten zur Seite genommen. Der Architekt sollte, wenn die Stimmberechtigten dem Betrag zustimmen, die Marienkapelle und das Gotteshaus Bruder Klaus sanieren.

Er sprach mich auf das meiner Ansicht wunderbare Wandbild an, das den Altarraum beherrscht: Wattig rot auf wattig blau stellt das Gemälde der Künstlerin Eva Pauli ein symbolisches Kreuz dar. Man habe ihm gesagt, ob man das Bild nicht einfach überstreichen könne, sagte mir der Architekt. Überstreichen? Ich war schockiert, war ich doch vor rund zwanzig Jahren mal mit zwei Kindern in der Kirche; und diese waren entzückt vom Gesehenen.

Nun, der Architekt dachte wohl wie meine jungen Begleiter. Nein, überstreichen werde er das nicht, da weigere er sich standhaft. Schliesslich sollten spätere Generationen sich überlegen, wie sie das den Altarraum zu gestalten wünschten. Dieser Altarraum war vor rund 25 Jahren sichtbarster Streitpunkt in einer zerstrittenen Kirchgemeinde. Während der Versammlung jüngst frage denn tatsächlich ein Stimmbürger, was mit dem Wandbild geschehe. War das ein Aufflackern längst vergangener Stimmungen? Sollte sich darüber erneut eine grosse Diskussion entfalten?

Nein. Dem Fragesteller wurde ruhig beschieden, dass das Bild erhalten bleiben werde. Keine weiteren Diskussionen. Nicht nur die Kirchenpflege, der Architekt und ich atmeten auf. Der Altarraum bleibt ein modernes Kunstwerk. Urdorf hat eine kulturelle Attraktion weiterhin auf sicher. Es ist wohl eine alte Geschichte, nichtsdestotrotz bin ich froh, dass die Gesellschaft heute einen Schritt weiter ist. So kann ich jedermann und jederfrau empfehlen, einmal in die Bruder-Klaus-Kirche zu gehen und sich das Wandbild anzuschauen. Auf dass es noch lange von der Vielfalt der Menschen Zeugnis ablegen wird. Von Flavio Fuoli