Sie kamen aus den Wirren des Zweiten Weltkriegs, aus der Kälte der sowjetischen Unterdrückung oder nach lebensgefährlicher Flucht übers Mittelmeer. Gemein ist ihnen, dass sie ihre Flucht nach Uitikon geführt hat – für kurze Zeit oder auch für immer. Diesen Menschen und der Geschichte, wie die Gemeinde mit ihnen umgegangen ist, widmet sich nun der Uitiker Weihnachtskurier. «Wo Fluchtwege sich kreuzen» heisst die Schrift von Sonja Furger.

Sie hat die Geschichte der Unterbringung von Flüchtlingen in Uitikon und Ringlikon trotz teils magerer Quellenlage umfassend aufgearbeitet – von den internierten polnischen Soldaten, die sich, von deutschen Panzerverbänden bedrängt, im Sommer 1940 über die Schweizer Grenze retten konnten und im Herbst ihr Barackenlager im damaligen Uitiker Ortsteil Ringlikon bezogen, bis zu den heutigen 28 Asylsuchenden, die der Gemeinde vom Kanton zur Unterbringung zugewiesen wurden.

Das Lager Plenterplatz, gezeichnet von Leo Yeni.

Das Lager Plenterplatz, gezeichnet von Leo Yeni.

«Die Aufnahme von und ein respektvoller Umgang mit Menschen, die vor Krieg, Armut, Hunger und Verfolgung fliehen, hat in unserer Gemeinde durchaus Geschichte und Tradition», schreibt Gemeindepräsident Chris Linder in seinem Vorwort. Das heisst aber nicht, dass in Uitikon Gestrandete hier immer nur paradiesische Verhältnisse vorfanden, wie Historikerin Furger aufzeigt. Über das im Oktober 1943 für Zivilflüchtlinge eröffnete und militärisch geführte Lager in Ringlikon etwa schreibt sie: «Nicht alle Lagerkommandanten waren gleichermassen in der Lage, die Vielzahl organisatorischer Schwierigkeiten zu meistern und den ihnen überantworteten erschöpften, traumatisierten, sich um Angehörige und Zukunft sorgenden Flüchtlingen mit Takt, Empathie und dem nötigen Respekt zu begegnen.»

Die Lebensbedingungen im Lager müssen schlecht gewesen sein: Flüchtlingskommissär Ulrich Wildbolz beschrieb es als «eng und primitiv» und nur für den Notfall zu gebrauchen. Auch deshalb wurde Ringlikon vor allem als Quarantänelager benutzt, in dem die meisten nicht lange blieben. Im 1943 eröffneten Lager Plenterplatz, das im Wald hinter dem heutigen Schulhaus Schwerzgrueb lag, war es nicht besser. Es wurde bereits 1944 wieder geschlossen; der Lagerarzt konnte den weiteren Betrieb in den finsteren, feuchten Baracken nicht bewilligen.

Kontaktverbote wurden missachtet

Kontakte zwischen Flüchtlingen und Dorfbevölkerung versuchte man zu unterbinden, sofern sie für die verordneten Arbeitseinsätze nicht vonnöten waren. Vor allem bei den polnischen Internierten fürchtete man, dass ihnen dadurch zur Flucht verholfen werden könnte; das den Deutschen zu erklären, wollte man sich in den ungewissen Zeiten lieber ersparen. Die Liste der Verbote war lang: «Das Herumspazieren mit Internierten, das gemeinsame Schlitteln, das Einladen in Wohnungen, das Bewirten in öffentlichen Lokalen oder in Wohnungen (hauptsächlich mit Schnaps) von Internierten ist verboten. ... Es ist den Internierten sowie der Zivilbevölkerung verboten, sich in öffentlichen Lokalen gemeinsam an die Tische zu setzen. Es ist verboten, mit den Internierten zu sprechen und sie auszufragen.»

Doch selbst unter Androhung, dafür vor Militärgericht gestellt zu werden, scheinen viele Uitikerinnen und Uitiker diesem Befehl nicht gefolgt zu sein, wie Furger unter Berufung auf Augenzeugenberichte schreibt. Davon, dass viele Uitiker von dieser Segregation nicht viel hielten, zeugt auch die Bekanntmachung des Lagerkommandanten vom 13. Januar 1941: «Es muss leider festgestellt werden, dass die Bevölkerung und die Internierten diesen Befehlen nicht nachleben», rügte er das Dorf. Als die polnischen Soldaten den mehrheitlich aus Italien stammenden Zivilflüchtlingen – Juden, Antifaschisten, Kriegsdienstverweigerern – wichen, wechselten auch die Gründe für die Kontaktverbote. «Die Schweiz verstand sich als Transitland und suchte alles zu unterbinden, was die Flüchtlinge – geretteten, aber ‹häufig nur geduldeten› Gästen – von der Weiterreise in einen Drittstaat hätte abhalten können.»

Für eine Rekonstruktion der Zustände in den Uitiker Lagern waren Furger auch diverse schriftliche Zeugnisse von damals Internierten behilflich. So studierte sie etwa das Lagertagebuch von Arturo Lanocita, dem späteren Chefredaktor des «Corriere della Sera» oder Briefe von Giulio Mortara, einem Florentiner Bankdirektor. Weitere wertvolle Zeitdokumente fand sie in Zeichnungen von Leo Yeni, einem Sohn griechischstämmiger Juden aus Mailand, die das United States Holocaust Memorial Museum heute teils online zugänglich gemacht hat.

Nicht in einem Lager, aber dennoch in Uitikon fand der jüdische Schriftsteller Manès Sperber mit seiner Familie Unterschlupf. Von März 1944 bis September 1945 lebten sie in einer kleinen Wohnung, die ihnen die sogenannte Freiplatzaktion der Evangelischen Flüchtlingshilfe und des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks vermittelte. Über das damalige Konkubinatsverbot im Kanton schaute man grosszügig hinweg, auch mithilfe der Gemeinde. Auf der Einwohnerkontrolle vermerkte man trotz der wegen der Kriegswirren noch nicht vollzogener Scheidung von der ersten Ehefrau auf Sperbers Karteikarte den Status «verheiratet (aber formell noch nicht in Ordnung, weil Papiere nicht erhältlich)». Über seine Zeit in Uitikon berichtete der unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Sperber später auch in seiner Autobiografie.

Solidaritätswelle im Kalten Krieg

Auf die Flüchtlinge des Zweiten Weltkriegs folgten jene aus dem Kalten Krieg. Die Stimmung im Land war eine andere, als die Ungarnkrise im Jahr 1956 und der Prager Frühling im Jahr 1968 Hunderttausende zur Flucht zwang. Die grosszügige Flüchtlingspolitik von damals war nebst anderem auch dem Bestreben des Bundesrates geschuldet, «den infolge der restriktiven Aufnahmepraxis der Jahre 1933 bis 1945 beschädigten Ruf der Schweiz als Hüterin humanitärer Tradition wiederherzustellen».

Die Solidaritätswelle erreichte auch Uitikon, wo sich der Gemeinderat 1956 zur Aufnahme einer ungarischen Familie bereit erklärte. Gekommen ist dann keine Familie, sondern ein «älterer ungarischer Schauspieler und Sänger» sowie ein Student. Obwohl beide nicht lange in der Gemeinde lebten, griff ihnen diese noch Jahre finanziell unter die Arme. Einem weiteren Studenten, diesmal einem tschechischen, ermöglichte die Gemeinde später mit finanzieller Unterstützung eine Ausbildung in der Schweiz.

Ab den 1980er-Jahren begann die Stimmung allmählich wieder zu kippen. Es war die Zeit des Inkrafttretens des Asylgesetzes (1981), einer steigenden Anzahl Gesuche aus Brandherden auf der ganzen Welt und der Einführung kantonaler Zuteilungsquoten (1988). Letzteres stellte Uitikon vor eine Herausforderung. Zuerst hoffte man noch, die der Gemeinde zugeteilten Flüchtlinge in privaten Liegenschaften unterbringen zu können. Als die Gemeinde merkte, dass dieser Plan angesichts mangelnder Angebote und stetig wachsender Zuteilungszahlen nicht aufgehen wird, musste sie zwischenzeitlich auf eine Zivilschutzanlage zurückgreifen.

Im November 1990 genehmigte die Gemeindeversammlung dann einen Kredit für den Bau einer Asylunterkunft im Spilhöfler. Das bereits im Mai 1991 bezugsbereite Mehrfamilienhaus bot 24 Menschen Platz und war im selben Sommer schon voll belegt, was die Frage nach einer weiteren Einrichtung aufwarf. Doch die Gesuche brachen nach einer Verschärfung des Asylgesetzes nach 1991 drastisch ein, sodass auch im Uitiker «Asyl-Pavillon» ein Jahr darauf nur noch sieben Männer wohnten. Platz war nun zuhauf vorhanden, auch in privatem Wohnraum.

Auch als die Asylgesuche im Zuge des Kosovokriegs gegen Ende des letzten Jahrhunderts erneut anstiegen, fand Uitikon Lösungen, die keinen Neubau bedingten. Damals hatte der Kanton die Zuteilungsquote auf ein Rekordhoch von einem Prozent hochgeschraubt, womit Uitikon 35 Flüchtlinge zugeteilt wurden; danach aber sanken die Zahlen wieder. 2007 zog im Spilhöfler schliesslich eine Kinderkrippe ein; die damals 19 dort wohnhaften Asylsuchenden konnten wie die aktuell in Uitikon untergebrachten 28 Personen auf private oder gemeindeeigene Wohnungen verteilt werden.

«Die menschliche Seite» im Fokus

Ein rotes Band durch Furgers Schrift bildet das zivilgesellschaftliche Engagement der Uitikerinnen und Uitiker, das von Sammelaktionen über Appelle an die Gemeinde bis zur Integrationsbegleitung reichte. Es gab zwar wie andernorts auch jene, die sich mit Händen und Füssen gegen die Bereitstellung «attraktiven Wohnraums» für Flüchtlinge wehrten. Doch «die menschliche Seite» sei sowohl in den Erwägungen der Gemeinde wie auch in der Anteilnahme von Einwohnern und Organisationen nicht zu kurz gekommen. Dem widersprechen auch die im Buch porträtierten Menschen aus Vietnam, Bosnien und Afghanistan nicht, die in Uitikon Zuflucht fanden und teils heute noch hier leben.