Leichtathletik-EM

Geroldswilerin schaut Athleten beim Weitsprung genau auf die Beine

Im Element: Kampfrichterin Esther Beck erlebt die Weltstars beim Weitsprung hautnah – schlechte Erfahrungen hat sie bisher noch nie gemacht.

Im Element: Kampfrichterin Esther Beck erlebt die Weltstars beim Weitsprung hautnah – schlechte Erfahrungen hat sie bisher noch nie gemacht.

Die Leichathletik-EM in Zürich ist das Highlight für Esther Beck aus Geroldswil, die seit 14 Jahren Kampfrichterin bei Leichtathletik-Events ist. Sechs Tage lang wird sie den Athleten beim Weitsprung ganz genau auf die Beine schauen.

Stolz wedelt Esther Beck mit ihrem Akkreditierungs-Ausweis für die anstehende EM. «Ich kanns kaum erwarten», strahlt die Limmattalerin. Sie stand schon an über 100 Anlässen als Kampfrichterin im Einsatz – sowohl an den UBS Kids Cups, Schweizer Meisterschaften wie auch an Weltklasse Zürich. Mittlerweile kennt sie die Abläufe an solchen Events in- und auswendig. «Trotzdem ist sie vor jedem Einsatz immer wieder nervös», sagt Ehemann Jörg mit einem Schmunzeln. Denn für Esther Beck ist ihr Engagement eine Leidenschaft, die auch nach 14 Jahren nicht an Herzblut eingebüsst hat.

Esther Beck, wissen Sie, dass Sie eine Exotin im Limmattal sind?

Esther Beck: Wieso denn das?

Weil neben Ihnen nur noch zwei weitere Regionale unter den 290 EM-Kampfrichtern sind.

Das wusste ich nicht. Darauf kann ich also stolz sein. (lacht) Für mich ist es selbstverständlich, sich für solche ehrenamtlichen Anlässe zu engagieren. Irgendwie war das schon immer so.

Und dann entschieden Sie, Kampfrichterin zu werden?

Die Leichtathletik hat mich schon immer fasziniert. Unsere ganze Familie ist sportverrückt. Früher war ich auch aktiv – als Speerwerferin und Läuferin. Heute schaue ich lieber zu. So habe ich mich entschlossen, einen eineinhalbtägigen Kurs zu besuchen, um danach als Kampfrichterin im Einsatz stehen zu können.

Mittlerweile sind Sie seit 14 Jahren dabei und stoppen die einminütige Wettkampfzeit und die Windmessung beim Weitsprung und Dreisprung. Böse Zungen könnten von einer eintönigen Arbeit sprechen?

Im Gegenteil. In dieser Minute, in der sich die Weitspringer auf ihren Sprung vorbereiten können, passiert immer eine Menge. Wie sich die Athleten fokussieren und sich genau auf den Moment einstellen können, ist immer wieder faszinierend.

An Weltklasse Zürich sind Sie jeweils für die absoluten Spitzenathleten verantwortlich. Keine leichte Aufgabe.

Mittlerweile ist der Job Routine geworden. Egal ob ich bei einem Event für Kinder oder bei den Profis im Einsatz bin, die Arbeit ist meist ähnlich. Es ist auch noch nie etwas Schlimmes oder Negatives passiert.

Also keine Starallüren oder Spezialwünsche unter den Weitspringern?

Gar nicht. Überhaupt geben sich die Athleten wegen der hohen Konzentration eher verschlossen und nehmen mich als Person oft gar nicht richtig wahr. Trotzdem gibt es immer wieder schöne Szenen, dass sich Topspringer am Ende eines Wettkampfes persönlich per Handschlag bei mir bedanken. So zum Beispiel Brittney Reese aus den USA. Allüren zeigen vor allem die Sprinter, dort decken sich meine Eindrücke mit dem Klischee der divenhaften Selbstdarsteller.

Sie erleben Siege, Niederlagen, Tränen und Glücksgefühle hautnah. Wie intensiv leiden Sie mit den Sportlern mit?

Als Kampfrichter ist man zur Neutralität verpflichtet. Klatschen oder sonstige Emotionen sind nicht erlaubt. Innerlich fühle ich aber mit den Sportlern mit. Vor allem den Schweizer Athleten drücke ich natürlich die Daumen. Weil bei den Wettkämpfen alles Schlag auf Schlag geht, komme ich oft nicht einmal dazu, die gesprungenen Weiten zu sehen. Entsprechend bin ich während des Wettkampfs gar nicht im Bilde, wer nun wo platziert ist.

In zehn Tagen steht mit der EM in Zürich sowohl für die Schweizer Leichtathleten wie auch für Sie das ganz grosse Highlight an. In der Bevölkerung scheint diese Euphorie aber noch nicht angekommen zu sein.

Das spüre ich leider auch. Auch der Vorverkauf läuft eher unter den Erwartungen. Vor allem am Morgen sind noch viele Plätze frei. Wieso der Funke noch nicht wirklich auf die Öffentlichkeit überspringt, ist schwer zu sagen. Vielleicht wurde ein wenig zu spät Werbung gemacht. Immerhin kommen in den Medien nun öfter Beiträge über die Leichtathletik-EM. Ansonsten dominiert halt vor allem der Fussball, auch die WM hat sich auf den Vorverkauf nicht unbedingt positiv ausgewirkt.

Oder es fehlen die Aushängeschilder bei den Schweizer Athleten?

Es ist sicher so, dass bei uns die ganz grossen Weltklasse-Namen fehlen. Vielleicht fällt es so vielen schwer, sich irgendwie mit der Sportart identifizieren zu können. Ich glaube dennoch, dass die Leichtathletik bei den Jungen nach wie vor beliebt ist. Beim UBS Kids Cup machten 2011 rund 54 000 Kinder mit, 2014 waren es mit 115 000 doppelt so viele. Und das ohne Aushängeschilder. Wir hoffen, dass aus diesem Nachwuchsreservoir einige Topathleten hervorgehen.

Was trauen Sie den Schweizern an der Heim-EM zu?

An der Schweizer Meisterschaft in Frauenfeld von letzter Woche haben sich etliche Athleten in starker Form gezeigt. Kariem Hussein (Anm. d. Red.: Hürdenläufer über 400 Meter) traue ich einen Top-Rang zu. Auch die Schweizer Frauenstaffel kann vorne mitmischen. Viktor Röthlin, Tadesse Abraham und Nicola Spirig sind ebenfalls für eine Medaille gut. Und wer weiss: Vielleicht schaffen Noemi Zbären, Lisa Urech oder Mujinga Kambundji einen Exploit? Der Schweizer Leichtathletik-Szene würden viele Finalplätze sicher guttun.

Nach der EM ist das Highlight vorbei. Folgt dann der grosse Kater?

Bei mir sicher nicht, es folgen ja noch der UBS-Kids-Cup-Final und Weltklasse Zürich. Leider haben bereits diverse Kampfrichter angetönt, dass sie nach der EM aufhören werden. Ich mache jedenfalls noch so lange weiter, bis ich irgendwann keine Lust mehr habe. Aber es wird noch ein paar Jahre dauern, bis dieser Moment eintritt (lacht).

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