24 Stunden in...
Geroldswil: Hier machen selbst die Tessiner Ferien

24 Stunden in der Gemeinde Geroldswil lassen erahnen, weshalb Felix Stauffacher der Gemeinde einst ein Lied widmete. Die Gemeinde ist heute ein Zuhause für junge Flüchtlinge, kleine Indianer und alteingesessene Tennisliebhaber.

Anina Gepp
Merken
Drucken
Teilen
Im Treffpunkt der reformierten Kirchgemeinde servieren Flüchtlinge den Kaffee
13 Bilder
Abdullhaleim Suleiman aus Afghanistan ist die Zubereitung des Kaffees zuständig
Sechs Eiswürfel kommen in den Eiskaffee
24 Stunden Geroldswil
Anke Hannemann der reformierten Kirche hatte die Idee dazu, dieFlüchtlinge im Treffpunkt der Gemeinde zu beschäftigen. Ab und an gibt sie den jungen Männern auch Deutschunterricht.
Anke Hannemann der reformierte Kirche und die beiden Flüchtlinge aus Syrien und Afgahnistan im Gespräch mit der Journalistin Anina Gepp
Ein Zelt im Garten der Kindertagesstätte zeigt das Motto des Nachmittags
Jedem Kind der Kindertagesstätte gehört ein Indianerstein
In der Kindertagesstätte Stärneland dürfen sich die Kinder als Indianer verkleiden
Diesen Ausblick über Dietikon geniesst man von der Grillanlage Im Moos aus
Einchecken im Hotel Geroldswil bei Rezeptionistin Jessica Wüthrich
Luzia Häfliger der Dorfbäckerei räumt in der Früh die frischen Waren ein
Hans-Ulrich Härtsch und Corinne Zellweger des Tennisclubs Geroldswil sind bereit für ein Spiel

Im Treffpunkt der reformierten Kirchgemeinde servieren Flüchtlinge den Kaffee

Sandra Ardizzone

Mach doch bitte noch einen sechsten Eiswürfel in den Kaffee», sagt Anke Hannemann und streckt gleichzeitig die entsprechende Anzahl Finger in die Luft. Mohammed Jawid Yawar nickt der Finanzvorsteherin der reformierten Kirchgemeinde Weiningen freundlich zu und lässt einen zusätzlichen Würfel ins Glas fallen. Es ist zehn Uhr morgens. Seit einer Stunde hat der Treffpunkt der Kirchgemeinde geöffnet. Einmal in der Woche hilft Yawar hier am Morgen aus. Der 19-jährige Flüchtling aus Afghanistan wohnt seit Februar in Geroldswil und ist mittlerweile gut ins Dorfleben integriert. Die Idee, ihn im Café zu beschäftigen, hatte Hannemann. Zusammen mit sieben weiteren jungen Männern wohnt Yawar nämlich direkt oberhalb des Gemeindezentrums in einer Wohnung.

Tessiner besuchen Geroldswil

Auch Abdullhaleim Suleiman aus Syrien arbeitet gerne im Café. Der 21-jährige Flüchtling nimmt den fertigen Eiskaffee am Tresen entgegen und serviert ihn den Gästen, die draussen im Schatten Platz genommen haben. Esther und Hans Gall bedanken sich für den Service und entlocken dem jungen Mann ein Lächeln. Dass im Café der reformierten Kirchgemeinde Flüchtlinge arbeiten würden, sei eine tolle Idee, so Esther Gall. «So haben sie eine Beschäftigung.»

Das Ehepaar aus Muralto ist gerade in Geroldswil in den Ferien. «Wir hüten eine Woche lang das Haus unserer Tochter», so Hans Gall. Diese verbringe dafür mit ihrer Familie Ferien im Tessin und hause in ihrer Wohnung. «Das ist für beide ein Gewinn», sagt Gall.

Kurz vor Mittag schliesst das Café. Hier, mitten im Dorf, ist während den Sommerferien nicht viel los. Ab also zum Grillplatz Im Moos: Oberhalb von Geroldswil am Waldrand der Gemeinde lässt es sich gemütlich Picknicken und Grillieren. Nach einem kurzen aber steilen Fussmarsch ist das schöne Plätzchen erreicht. Von hier oben ist ganz Dietikon zu überblicken. Trotz des schönen Wetters herrscht aber auch hier tote Hose. Abgesehen von den tieffliegenden Flugzeugen, die Geroldswil während ihrem Startflug überqueren, ist es ruhig.

Das Kontrastprogramm wird einem in der Kindertagesstätte Stärneland geboten. Es ist kurz nach 14 Uhr, schon von draussen sind Kleinkinder zu hören. «Sie sind gerade aus dem Mittagsschlaf erwacht und deshalb noch etwas müde», erklärt Mitarbeiterin Jasmina Berz und wiegt ein Baby in ihren Armen hin und her. Heute sei ein strenger Tag, obwohl einigeSprösslinge in den Ferien seien.

Die älteren Kinder sind dabei sich die Schuhe anzuziehen. «Wir gehen auf Indianersuche», verkündet ein Mädchen. Jedes der Kinder darf sich an diesem Nachmittag ein Indianershirt überziehen, das sie selbst mit Federn und Kettchen beklebt haben. Nur wenige Minuten vergehen, bis eines der Kinder die Indianerfrau «Blaue Feder» gefunden hat. Die Handpuppe mit den langen Zottelhaaren kennen die Kleinen bisher nur aus Erzählungen. «Endlich kann ich euch besuchen», sagt Berz mit hoher Stimme stellvertretend für die Indianerfrau. Die Kinder sind aufgeregt. Lange haben sie sich auf diesen Moment gefreut.

Es geht nicht nur um Tennis

Szenenwechsel: Es ist mittlerweile früher Abend und die ersten Geroldswiler machen Feierabend. So auch Corinne Zellweger, die eine Autovermietung in der Gemeinde leitet. Die Abendstunden verbringt sie gerne im Tennisclub Geroldswil unweit des Limmatufers. Zum Tennis spielen sei sie vor vier Jahren gekommen, erzählt sie. Damals habe sie lediglich etwas für die Gesundheit tun wollen doch mittlerweile sei es für sie mehr als nur ein Sport. Das gesellige Beisammensein nach einem Training sei sehr wertvoll.

Kaum gesagt, setzt sich auch schon Hans-Ulrich Härtsch neben sie. «Genau so ist es», sagt der Vizepräsident des Tennisclubs. «Bei uns sitzen alle an einem Tisch.» Das Klischee, Tennis sei ein Sport für Versnobte, sei längst überholt, sind sich beide einig. Vor allem in Geroldswil, so Härtsch, sei jeder willkommen. Vor dreissig Jahren, als er als Tennislehrer hier angefangen habe, sei das aber durchaus noch anders gewesen. «Inzwischen sind wir froh um jedes Mitglied. Seit Fussball so populär ist, ist Tennis nicht mehr so attraktiv für junge Leute», sagt er. Dennoch könne er sich nicht vorstellen, an einem anderen Ort zu unterrichten. Dass er seit kurzem in Oetwil wohne liege nur daran, weil er in Geroldswil keine passende Wohnung gefunden habe. Auch Zellweger will nirgendwo anders leben. Sie sei bereits in der Gemeinde aufgewachsen und erlebe, dass immer mehr ihrer Jugendfreunde ebenfalls zurückkehren würden.

Lange könnte man im Tennisclub verweilen, die Mitglieder sind redselig. Doch die unzähligen Stechmücken sind hier inmitten der Natur schliesslich ausschlaggebend dafür, bereits gegen 22 Uhr den Weg ins Hotel Geroldswil zu suchen. Ausgebucht ist die Unterkunft für diese Nacht nicht. Und doch huschen auf den Gängen immer wieder einmal andere Gäste vorbei. «Sie kommen aus China, Japan oder Indien», sagt Rezeptionistin Jessica Wüthrich. Viele würden sich zuerst den Rheinfall ansehen und danach auf dem Weg nach Luzern in Geroldswil übernachten. Somit bin ich wohl die Einzige, die am nächsten Tag nicht das nächste Ausflugsziel, sonder das Zuhause in den Aargau anpeilt.

Frische Gipfeli gibt es, sobald morgens das Licht brennt

Es ist früh am Morgen, kurz nach fünf Uhr. Das Dorf schläft noch, einzig bei der Bäckerei Frei brennt Licht. Luzia Häfliger und ihr Team sind bereits dabei die Theke mit allerlei Backwaren aufzufüllen und die frischen Wähen in Stücke zu schneiden. Seit drei Uhr morgens stehe der Beck bereits in der Backstube, so Häfliger. Schon kurz vor halb sechs Uhr erscheint der erste Kunde, der einen Kaffee und einen Buttergipfel bestellt. Eigentlich hätte die Bäckerei um diese Uhrzeit noch gar nicht geöffnet. «Die offiziellen Öffnungszeiten sind nicht so wichtig», so Häfliger. Wenn sie bereits früher jemanden mit frischen Backwaren verwöhnen könne, dann mache sie das gerne, sagt sie. Am beliebtesten seien morgens die belegten Brote. Vor allem Bauarbeiter kämen, die sich für das Mittagessen eindeckten. Momentan viel gekauft würden im Sommer auch die Spitzbuben. «So kann man etwas Süssen mit auf den Weg nehmen, das in der Hitze trotzdem nicht verläuft», sagt Häfliger. Die Uitikerin arbeitet seit der Eröffnung im Jahre 2010 in der Bäckerei Frei. «Für ein Dorf wie Geroldswil ist der Beck auch ein Ort der Begegnug», sagt sie. Das schönste an ihrem Beruf sei es, mit Menschen in Kontakt zu stehen und sich gleichzeitig kreativ ausleben zu können. «In Geroldswil leben so viele gute Menschen, dass es mich jeden Tag freut, hier zu arbeiten», so Häfliger.