Rettung in letzter Sekunde, hiess es am Donnerstag für ein neugeborenes Kalb. Dieses hatte sich direkt nach seiner Geburt auf die Gleise oberhalb des Rütirains in Schlieren verirrt. Ein Zug musste anhalten, weil das Jungtier nicht auf der Weide, sondern auf den Gleisen lag. 

«Einen Einsatz wie diesen erleben wir selten», sagt Marco Weissenbrunner, Chef der Stadtpolizei Schlieren/Urdorf. Nachdem die Meldung eines SBB-Mitarbeiters bei der Einsatzzentrale der Kantonspolizei am Donnerstagmittag eingetroffen war, rückte die Polizei sofort mit einem Streifenwagen und zwei Bike-Patrouillen aus. Unter der Zugnase versteckt fanden die vier Polizisten das Jungtier unverletzt vor. Es habe riesiges Glück gehabt, denn der Zug konnte rechtzeitig bremsen. «Da das Kalb längsseitig im Gleisbett lag, kam es nicht unter die Zugräder», sagt Weissenbrunner.

Da die Weide an die Gleise angrenzt, vermutet der Polizeichef, dass das Kalb dort heruntergerutscht ist. «So klein wie das Tier ist, konnte es wahrscheinlich noch gar nicht recht stehen», sagt er. Für die Polizisten war es deshalb ein Leichtes, das nur 50 Kilogramm schwere Tier in Sicherheit zu bringen. «Es stand unter Schock und bewegte sich darum nicht vom Fleck», so Weissenbrunner.

70 Meter heruntergerutscht

Unter Schock stand auch Heinz Rütschi, als er erfuhr, dass sein Kalb ausgebüxt war. Obwohl es heute wohlauf im Stall liegt, sah für den Landwirt gestern alles ganz anders aus. «Mein Nachbar informierte mich als Erster, dass mein Kalb ausgerissen sei», so Rütschi. Kurz darauf kam ein Anruf der Stadtpolizei, die sich dem kleinen Abenteurer bereits angenommen hatte.

Ohne gross zu überlegen, habe er sofort seinen Transportwagen geholt und sich auf den Weg zu den Gleisen gemacht, erzählt Rütschi. «Ich rechnete mit dem Schlimmsten.» Denn bis zu den Gleisen hinunter erstreckt sich eine Böschung von 60 bis 70 Metern. «Das Kalb muss unter mehreren Zäunen hindurch heruntergerutscht sein, bis es auf dem Gleis landete», sagt er.

Mutter rief nicht nach Kalb

Dass Rütschi nichts von dem Vorfall bemerkte, lag daran, dass die Kuh nicht nach ihrem Jungen rief. «Normalerweise muht eine Kuh lautstark, wenn etwas mit ihrem Kalb nicht stimmt», sagt er.

Als Rütschi das Ausreisserkalb von den Gleisen nach Hause gebracht hatte, entdeckte er auf der Weide den Grund dafür. Die Kuh gebar im Verlauf des Morgens Zwillinge, wobei eines davon verstarb. «Die Mutter hatte das verstorbene Kälblein bei sich und vermisste darum das andere nicht», sagt er. Es sei ein unglücklicher Zufall gewesen, dass die Kuh die Kälblein auf der Weide zur Welt brachte. Normalerweise geschehe dies sicher und in aller Ruhe im Stall.

Die ganze Aufregung scheint aber nach ein paar Stunden bereits wieder verflogen zu sein, wie Rütschi bestätigt. Das Kälblein trinke, als hätte es keinerlei Abenteuer erlebt.