Reisebericht

Gemeinschaftssinn, Tradition und tausend Tänzer

Romy Müller und Miro Slezak treffen in Kanada auf ein Pow Wow. Dort lernen sie, wie das indianische Volk den Gemeinschaftssinn stärkt und die Traditionen pflegen.

Kanada — nach Russland das grösste Land der Erde — liegt vor uns. Mit fast 10 Millionen Quadratkilometern misst es 242 Mal die Grösse der Schweiz. Von der Grenze Alaskas bis an die Ostküste nach Halifax, von wo aus unser Auto nach Hamburg verschifft werden soll, sind es 10 000 Kilometer. Mir wird bange, wenn ich mir diese Distanz vor Augen führe. Hatten wir in Australien noch das Gefühl, die West - Ost Durchquerung mit 4000 Kilometern sei ein gewaltiges Unternehmen, stellt Kanada alles bisherige in den Schatten. Die Hälfte der Landesfläche besteht aus Wald, die andere aus Seen — so kommt es mir zumindest vor. Alleine in der Provinz Ontario liegen 250 000 Seen, in ganz Kanada sind es rund zwei Millionen.

Auf dem Alaska-Highway, der sich weit nach Kanada hinein zieht, haben wir eine spannende Begegnung. Zwei Kanadier, Bill und Len, sind mit ihren Pferden unterwegs. «Wir sind in den letzten zwei Monaten rund 2000 Kilometer von der äussersten Spitze Alaskas bis hierher geritten. Unser Ziel liegt im Norden von Mexiko», erzählt uns Len. «Das sind noch einmal 9 000 Kilometer». Rund ein Jahr wollen sie unterwegs sein. Die Reise dient aber nicht dazu ihre Abenteuerlust zu stillen, die beiden sammeln Geld für ein Kinderheim in Kambodscha. Da die meisten Gönner pro zurückgelegten Kilometer einen bestimmten Betrag spenden, kommt mehr Geld zusammen, wenn sie eine möglichst grosse Distanz bewältigen. Es ist nicht ihre erste «Dienstreise» dieser Art, nein, sie haben schon sechs Mal ein ähnliches Projekt realisiert. Einmal ist Len mit seinem Pferd in 24 Stunden 243 Kilometer geritten. Von Bill erfahren wir: «Die Bären hier sind für uns das grösste Problem. Gestern Nacht sind drei um unser Lager geschlichen. Zum Glück sind unsere Pferde gute Wächter. Sie werden unruhig, sobald sich ein Bär nähert». Len ist bewaffnet und hat einen Gürtel mit über 30 Patronen um die Hüfte. Bis jetzt konnte er die Bären mit Schreckschüssen in die Flucht jagen. Wir spenden einen Obolus und machen uns auf den weiten Weg nach Halifax.

Mehr als ein indianisches Volksfest

In Winnipeg haben wir das Glück, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein: An diesem Wochenende findet ein Pow Wow statt. Dabei handelt es sich eine Veranstaltung der «First Nation» — die grösste in ganz Kanada. So der politisch korrekte Name für Indianer. Es ist jedoch mehr als ein indianisches Volksfest. Der Zweck besteht darin, den Gemeinschaftsgeist zu stärken und die Zugehörigkeit zur indianischen Kultur aktiv zu leben. Den Ureinwohnern ist es wichtig, ihre Traditionen zu pflegen. Solche Anlässe dienen aber auch dazu, Kompromisse für unterschiedlichste Probleme zu finden.

Rund tausend Tänzer sind anwesend, die viel Zeit aufgewendet haben, um sich zu schmücken. Das oft schon ergraute Haar tragen sie offen und mit Federn geschmückt. Die farbenprächtige, mit Glasperlen verzierte Kleidung ist bei jedem Stamm unterschiedlich. Später kommen die jungen Krieger hinzu, wild bemalt und in prächtige Federmäntel gekleidet. Während die älteren Indianer eher bedächtig und mit ernster Miene tanzen, wirbeln die Jungen wild herum. Am Rand sitzen Indianer mit grossen Trommeln. Ihren Kehlen entrinnt ein durchdringendes «He ja, he ja». Bevor die Weissen ins Land kamen, hörte man diese Klänge von Küste zu Küste, durch die Wälder und über die Weiten der Seen und Prärien. Das Spektakel geht unter die Haut und es gibt ausser uns keine Touristen hier.

In Kanada leben noch ungefähr 700000 Indianer, das sind nur gerade noch 0,02 Prozent der gesamten Bevölkerung. Erst 1960 erhielten sie das Wahlrecht und auch heute noch kommt es zwischen der First Nation und der Regierung zu Auseinandersetzungen wegen Landrechten und Bodenschätzen.

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