Dietikon
Gemeinderäte sind stinksauer wegen Müsli-Standort

Dietiker Stadtrat bezieht vom Parlament Prügel wegen der Standortentscheidung für das Limmattalbahn-Depot

Gabriele Heigl
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Das LTB-Depot kommt ins Dietiker Müsli. Auch nachdem der Entscheid gefallen ist, treibt das Thema den Gemeinderat um.

Das LTB-Depot kommt ins Dietiker Müsli. Auch nachdem der Entscheid gefallen ist, treibt das Thema den Gemeinderat um.

Visualisierung Architron

Er sprach langsam und mit ruhiger Stimme. So, als ob es ihm eigentlich nicht nahe ginge. Aber innerlich musste der grüne Gemeinderat Lucas Neff auf der gestrigen Sitzung des Dietiker Gemeinderats gekocht haben. Keine Beantwortung eines Postulats habe ihn seitdem er in der Lokalpolitik aktiv sei, weniger zufriedengestellt als diese, meinte er.

Das klang noch ganz moderat, aber dann wurde er deutlicher: «Ich fühle mich vom Stadtrat komplett veräppelt, nach Definition von Wikipedia kann man auch sagen verarscht.» Der Stadtrat sei aufgefordert gewesen, alles Notwendige zu tun, damit das LTB-Depot nicht auf das Dietiker Müsli kommt. Aber der Stadtrat habe das einfach hingenommen.

Neff: «Mein Eindruck: Wenn es ernst wird, zieht der Stadtrat den Schwanz ein.» Er habe gar nicht dagegen kämpfen wollen. «Ich kann nur spekulieren, warum. War es Unvermögen? Ein Tauschgeschäft im Hintergrund?»

"Wenn es ernst wird, zieht der Stadtrat den Schwanz ein."

Lucas Neff, Dietiker Gemeinderat der Grünen

Neff zählte noch einmal auf, warum der Standort eine sehr schlechte Entscheidung für Dietikon ist. Es handele sich um bestes Ackerland, sogar eine Freihaltezone, hinzu käme eine immens lange Zufahrtsstrasse. «Man hat gar nicht nach einer Alternative gesucht. Nichts wurde evaluiert. Mir scheint, es ist nur nach Ausreden gesucht worden», so Neff.

«Hoffentlich sind Sie stolz»

Besonders verärgert sei er aber darüber, dass der Stadtrat die Beantwortung in die Länge gezogen und dadurch gar keine Diskussion zugelassen habe. «Das finde ich wirklich schlimm», so Neff.

Auch die Interpellation von Sven Johannsen (GLP) hatte die Standortwahl für das Depot zum Thema. Inhaltlich gehe er gar nicht mehr drauf ein. «Die Würfel sind gefallen», so der Interpellant. Aber es bleibe ein bitterer Nachgeschmack, weil es jetzt so aussieht, als sei Kulturland dem öffentlichen Verkehr geopfert worden. «Schuld sind aus meiner Sicht unsere Vorgänger, die in den 1940er Jahren blauäugig Zivilisationsabfälle in der Erde gelagert haben. Wir sollten überlegen, dass auch unser Handeln Folgen für nächste Generationen haben wird.»

"Wer den Kampf verschläft, ist selber schuld."

Martin Müller, Gemeinderat DP

Auch Catalina Wolf-Miranda (GP) zeigte sich verärgert über die Arbeit des Stadtrats. Er habe «auf stur gestellt», und kein Interesse gehabt, wertvolles Kulturland zu erhalten. «Es fehlt dem Stadtrat an Vision, Mut und Engagement. Bravo, hoffentlich sind Sie stolz darauf.»

«Der Aargau ist schlauer als Zürich»

Charlotte Keller (SVP) zeigte neben allem Ärger über die Arbeit des Stadtrats auch Ansätze von Selbstkritik an die Adresse des Gemeinderats. Man habe den Kampf verschlafen, das Thema unterschätzt, und man habe «es nur halbherzig angegangen».

Ihr Fazit: «Der Aargau ist schlauer als der Kanton Zürich.» Jener habe nur ein Stückchen vom Joosäcker angeboten, unter dem Altlasten lagern. So habe er es durchgesetzt, dass das Depot auf Zürcher Gebiet landet. «Und das Tüpfli vom i: Dietikon hat zugestimmt und hat sich nicht parteiübergreifend gegen den Standort gewehrt», so Keller.

Die Hoffnung noch nicht ganz aufgeben will Martin Christen (CVP). «Alternative Lösungen zum Müsli sollen und können trotzdem weiter verfolgt werden», meldete er sich zu Wort. Der Erhalt von bestem Kulturland im Limmattal solle und müsse nach wie vor das Ziel sein. «Wir erwarten vom Stadtrat, dass er sich aktiv und fordernd für Verbesserungen des Limmattalbahn-Projekts einsetzt.»

Martin Müller (DP), ein Kritiker der Limmattalbahn im Allgemeinen, liess seiner Genugtuung an der Diskussion freien Lauf: «Wer den Kampf verschläft, ist selber schuld», meinte er sarkastisch und schaute mit breitem Lächeln in die Runde seiner Gemeinderatskollegen. «Ich habt euch das hart erarbeitet. Und jetzt habt ihr den Salat.»