Dietikon
Gemeinderat reicht Schwarzen Peter herum

Die Schuldfrage steht bei der Schulhausplanung im Fokus

Tobias Hänni
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Geht es nach dem Stadtrat, soll das Schulhaus für die Kinder im Limmatfeld hier in der Stierenmatt gebaut werden. hae

Geht es nach dem Stadtrat, soll das Schulhaus für die Kinder im Limmatfeld hier in der Stierenmatt gebaut werden. hae

Tobias Hänni

Eigentlich wollte es ja niemand spielen, das Spiel mit dem Schwarzen Peter. Trotzdem wurde dieser in der letzten Sitzung vor der Sommerpause im Gemeinderat fleissig hin- und hergeschoben. Und irgendwie passte das bei Schulkindern beliebte Spiel ja zum Thema, an dem aufgrund zweier Vorstösse eine angeregte Diskussion entbrannte: die Schulraumplanung. Rochus Burtscher (SVP) und Max Wiederkehr (CVP) hatten diese mit je einem eigenen Vorstoss erneut in den Gemeinderat eingebracht.

In seiner Stellungnahme zur stadträtlichen Beantwortung seines Postulats zeigte sich Rochus Burtscher «sehr enttäuscht» von Schlieren. Burtscher hatte in seinem Vorstoss um Klärung der Frage gebeten, ob sich Dietikon bis zur Realisierung eines eigenen Neubaus im geplanten Schulhaus Reitmen in Schlieren einmieten könne. Der Stadtrat hatte schlechte Nachrichten: Schlieren biete keine Hand, brauche den Schulraum selber. Trotz seiner Enttäuschung schob Burtscher den Schwarzen Peter nicht Schlieren, sondern der Dietiker Bauabteilung zu. «Diese Patsche ist hausgemacht», sagte er. Die Bauabteilung habe es versäumt, einen Plan B für das gescheiterte Mietschulhaus im Limmatfeld auszuarbeiten. Stattdessen müssten nun Pavillons für 5,7 Millionen Franken beim Schulhaus Steinmürli erstellt werden, die auf 20 Jahre ausgelegt seien. «Das ist kein Provisorium, sondern ein Providurium.»

Angriff auf Tonini «absolut daneben»

In seinem Votum zu Max Wiederkehrs Interpellation sandte Burtscher den Peter dann direkt an Bauchefin und SP-Stadträtin Esther Tonini. Notabene nicht, ohne kurz vorher darauf hinzuweisen, dass das Schwarz-Peter-Spiel und Däumchendrehen «definitiv der falsche Weg» seien. «Ist die jetzige Stadträtin die richtige Person?», fragte Burtscher rhetorisch mit Blick auf die Schulraumplanung. Er müsse diese Frage frustriert mit einem Nein beantworten. Kritik äusserte Burtscher auch am Vorgehen bei der Planung des Schulhauses auf dem Stierenmatt-Areal. «Glauben Sie ja nicht, dass es keine Einsprachen gibt», sagte der SVP-Politiker mit Blick auf das angrenzende Moor und die absehbare Bekämpfung des Projekts durch den Vogelschutz.

Die linke Ratshälfte liess den Angriff auf Tonini nicht unbeantwortet. «Das ist absolut daneben», sagte Samuel Spahn (Grüne). Der Entscheid, in der Stierenmatt ein Schulhaus zu bauen, sei schliesslich vom gesamten — bürgerlich dominierten — Stadtrat gefällt worden. Mit Blick auf die 2017 geplanten Pavillons beim Steinmürli bot sich der Architekt alsdann als Retter in der (Zeit-)Not an: «Ich habe eine fixfertige Offerte. Die Pavillons könnten schon 2016 bezugsbereit sein.»

Der parteilose Peter Wettler tat ebenfalls munter beim Spiel um die Schuldfrage mit. Er habe schon vor der Mietschulhaus-Abstimmung auf das freie Areal der Firma Balteschwiler hingewiesen. «Der Stadtrat hatte aber kein Musikgehör für einen Landabtausch.» Dies wiederum veranlasste Stadtpräsident Otto Müller (FDP) dazu, die Schuld von der Exekutive zu weisen: «Wir haben zahlreiche Gespräche mit der Firma Balteschwiler geführt. Diese hat sich aber anders entschieden.

Vögel wichtiger als Schüler?

Max Wiederkehr verzichtete in seiner Stellungnahme zur stadträtlichen Beantwortung seines «Plan B»-Postulats darauf, jemandem die Schuld zuzuschieben. Allerdings stellte er die zeitgerechte Inbetriebnahme des Schulhauses Stierenmatt aufs Schuljahr 2021/22 infrage. Mit seinen Ausführungen wolle der Stadtrat aufzeigen, «dass ein Plan B überhaupt nicht erforderlich ist», sagte Wiederkehr. Wenn aber der Vogelschutz die Baubewilligung dereinst juristisch bekämpfe und damit bis vor Bundesgericht gehe, bedeute dies eine Verzögerung von rund fünf Jahren. «In fünf bis sechs Jahren würden wir mit der Suche nach einem Plan B frisch anfangen», sagte Wiederkehr, und: «Das Geld für die Planung wäre für die Vögel gewesen.» Es erstaune ihn, dass der Stadtrat dieses Risiko eingehe. Auch Esther Sonderegger (SP) forderte den Stadtrat auf, sich noch einmal intensiv nach einer möglichen Alternative fürs Stierenmatt umzuschauen, und schlug vor, dafür das frei werdende Areal von Koenig Feinstahl zu prüfen. Was wiederum FDP-Gemeinderat Werner Hogg zur Aussage verleitete, dass der SP und den Grünen die Vögel wichtiger seien, als das Wohlergehen der Dietiker Schüler. «Das Areal liegt zwischen einer vierspurigen Strasse und den Gütergeleisen. Da sind die Staub- und Lärmemissionen sehr hoch.»

Auch Bauvorständin Esther Tonini schloss das Feinstahl-Areal als möglichen Standort für ein Schulhaus «aus verschiedenen Gründen» aus, wie sie sagte. Und fügte an: «Wir machen demnächst eine Auslegeordnung, welche Raumbedürfnisse die Schule, aber auch die gesamte restliche Verwaltung hat.» Die Angriffe auf ihre Person schienen sie kalt zu lassen — sie ging gar nicht erst darauf ein und unterliess es auch, jemandem den Schwarzen Peter zuzuschieben.