Dietikon
Gemeinderat lehnt Fusion mit Zürich ab: «Die Braut muss erst geschminkt werden»

Dietikons Gemeinderat hält den Zeitpunkt für eine Eingemeindung in die Stadt Zürich für verfrüht.

Tobias Hänni
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«Auch Stadtzürcher Quartiere haben eine eigene Identität»: AL-Gemeinderat Ernst Joss

«Auch Stadtzürcher Quartiere haben eine eigene Identität»: AL-Gemeinderat Ernst Joss

Sandra Ardizzone/HO

Ernst Joss (AL) ist mit seiner Idee, Dietikon mit der Stadt Zürich zu fusionieren, im Gemeinderat gescheitert. Sein Postulat, das den Stadtrat verpflichten sollte, Gespräche mit Zürich über eine Eingemeindung aufzunehmen, wurde am Donnerstagabend von einer grossen Mehrheit der Parlamentarierinnen und Parlamentarier abgelehnt. Der Vorschlag wurde einzig von der SP/AL- und der Grünen-Fraktion unterstützt. Bei den bürgerlichen Parteien traf er zwar vereinzelt auf Sympathien, wurde aber auch als verfrüht bezeichnet.

Für Joss hingegen ist nun «der richtige Zeitpunkt», die Eingemeindung anzugehen, wie er zu Beginn der Debatte sagte. Wer heute von Zürich aus ins Limmattal fahre, merke nicht, wo die Grenzen der Gemeinden liegen, so der AL-Politiker. «Es ist eine zusammenhängende Siedlung bis nach Dietikon.» Schlieren werde schon bald mit der Tramlinie 2 und Dietikon dereinst mit der Limmattalbahn ans Zürcher Tramnetz angeschlossen.

Die faktische Verschmelzung der Städte ist für Joss deshalb schon weit fortgeschritten, die politische Entwicklung hinke ihr hinterher. «Es sind immer noch die gleichen, alten Strukturen, obwohl die Gemeinden heute viele Aufgaben gemeinsam lösen müssen.» Zweckverbänden sind für Joss nicht der richtige Weg, um die Zusammenarbeit zu organisieren. «Diese Verbände haben Nachteile: Sie sind intransparent und wenig demokratisch.» So könne Dietikons Legislative – im Gegensatz zum Stadtzürcher Parlament – etwa bei der regionalen Richtplanung nicht mitreden. «Die Planung wird von der Zürcher Planungsgruppe Limmattal gemacht.»

Joss forderte seine Kollegen auf, mit der Überweisung des Postulats «die Diskussion anzustossen». Es sei wichtig, dass Dietikon den ersten Schritt mache und mit Zürich das Gespräch suche. «Wie dann eine Fusion genau aussieht, darüber entscheidet letztlich ohnehin das Volk.» Der AL-Gemeinderat versuchte, die «oft genannten Nachteile» einer Fusion zu entkräften. So sagte er zum befürchteten Identitätsverlust Dietikons: «Auch Stadtzürcher Quartiere haben eine eigene Identität.» Dem pflichtete Catherine Peer (SP), die in Zürich-Wiedikon aufgewachsen ist, bei: «Ich war sowohl Wiedikerin als auch Stadtzürcherin.» Für Peer bietet eine Fusion die Möglichkeit, jene Synergien zu nutzen, «von denen heute immer geredet wird». Bei einer Eingemeindung könne Dietikon viel effizienter Kosten sparen und profitiere von einem tieferen Steuerfuss.

Stadtrat sieht keine Notwendigkeit

Stadtpräsident Otto Müller beantragte dem Parlament, den Vorstoss nicht an den Stadtrat zu überweisen. Nach intensiver Diskussion darüber, ob eine Eingemeindung notwendig, machbar und umsetzbar sei, sei der Stadtrat «ganz klar» zu einem negativen Schluss gekommen: «Zum jetzigen Zeitpunkt sehen wir die Notwendigkeit für diesen Schritt nicht.» Fragen zur Zusammenarbeit der Gemeinden, etwa bei der Raum- und Verkehrsplanung, könnten zudem unabhängig von der Fusionsfrage angegangen werden.

Die bürgerliche Ratsmehrheit schloss sich der Meinung des Stadtrats an. Die SVP als grösste Fraktion bekundete ihre Ablehnung des Postulats damit, dass sie gar nicht erst Stellung dazu nahm. Andere Parteien sprachen sich grundsätzlich für eine Eingemeindung aus. So sagte Olivier Barthe (FDP), die Diskussion über eine Eingemeindung könne in zehn Jahren ernsthaft geführt werden. «Das gibt uns Zeit, unsere Hausaufgaben zu machen», sagt Barthe. Denn: «Bevor man sie an den Altar führt, muss eine Braut erst geschminkt werden.» Er habe drei Schminktipps für Dietikon: Die Sozialhilfequote senken, den Anteil an hochwertigem Wohnraum und damit besseren Steuerzahlern erhöhen, und dafür sorgen, dass die Stadt sauberer werde.

Auch für Reto Siegrist (CVP) ist die Zeit noch nicht reif für einen Zusammenschluss mit Zürich. «Zuerst muss die Stadt die Dietiker Bevölkerung für eine Fusion gewinnen.» Der derzeitige Trend zu Gemeindezusammenschlüssen habe verschiedene Gründe, etwa der fehlende Steuerfussausgleich, die Schwierigkeit, öffentliche Ämter zu besetzen oder das Vorgehen des Kantons, Gemeinden aktiv zum Zusammenschluss zu bewegen. «Sachliche Gründe reichen aber nicht aus, auch das Herz muss Ja sagen.»