Limmattal
Gemeinden gehen bei der Integration von Sozialhilfeempfängern eigene Wege

Mit einer neuen Stelle reagieren die Gemeinden der Region auf die Alleingänge der Städte Dietikon und Schlieren.

Alex Rudolf
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Seit 2011 bietet das Dock Limmattal niederschwellige Arbeitsplätze für Sozialhilfeempfänger an.

Seit 2011 bietet das Dock Limmattal niederschwellige Arbeitsplätze für Sozialhilfeempfänger an.

Alex Spichale

Während mehr als acht Jahren setzten die Limmattaler Gemeinden in Bezug auf die Integration von Sozialhilfeempfängern auf gemeinsame Institutionen. Per Anfang 2017 gehen die elf Bezirksgemeinden die Probleme wieder auf unterschiedlichen Wegen an.
Mit der Einführung der Richtlinien der Schweizer Sozialhilfekonferenz (Skos) wurden die Gemeinden dazu verpflichtet, Integrationsmassnahmen für Sozialhilfeempfänger ins Leben zu rufen. Dabei setzte man im Bezirk auf gemeindeübergreifende Zusammenarbeit.

In Dietikon wurde mit der Fachstelle Autark die Wiedereingliederung von Sozialhilfeempfängern in den ersten Arbeitsmarkt gefördert, wovon alle Limmattaler Gemeinden Gebrauch machten. Jene Sozialhilfeempfänger, denen dafür geringere Chancen eingeräumt wurden, kamen in Schlieren unter. Bei Check-in wurden Bezüger an die Hand genommen, die über ungenügende Ausbildungen verfügen oder gesundheitliche Probleme haben. Weil sich also eine Integration schwer gestaltet, wurde auf Schulungen oder Beschäftigungsprogramme gesetzt.

Mit der Gründung der neuen Fachstelle Integration holte Dietikon Mitte 2015 alle Aufgaben wieder zurück zu sich in den Bezirkshauptort. Autark, das bis dahin allen Anschlussgemeinden offengestanden hatte, wurde in die neue Stelle integriert. In der Folge hinterfragte auch Schlieren die Zusammenarbeit: Im vergangenen August wurde es offiziell, dass sämtliche Check-in-Aufgaben künftig nur noch Schlieremer Sozialhilfebezügern zur Verfügung stehen sollten.

Frühzeitige Auflösung

Geplant war, den Check-in-Zugang für andere Gemeinden auf Ende 2017 einzustellen. «Nachdem aber bereits im vergangenen November alle ehemals Schlieren und Dietikon angeschlossenen Gemeinden eine neue Lösung gefunden hatten, wurde die Leistungsvereinbarung frühzeitig aufgelöst», sagt Claude Chatelain, Abteilungsleiter Soziales der Stadt Schlieren, auf Anfrage.

Die Lösung für die neun Gemeinden, die nach den Rückzügen von Schlieren und Dietikon ohne Partner dastanden, heisst Start Plus. Ende November gründete die Ostschweizer Sozialfirma Dock-Gruppe gemeinsam mit der Caritas Schweiz die Firma, wie Lynn Blattmann, operative Leiterin der Dock-Gruppe, auf Anfrage sagt. Vielen dürfte «Dock» ein Begriff sein. Seit 2011 ist ein Ableger, das Dock Limmattal, im Dietiker Silbern-Quartier tätig und bietet dort Langzeitarbeitslosen niederschwellige Arbeitseinsätze – etwa in einem Brockenhaus oder im Bereich Qualitätskontrolle.

Seit diesem Januar ist das neu gegründete Unternehmen Start Plus nun tätig, bereits wurden zwölf Personen von den Gemeinden überwiesen. Langfristig sollen es bis zu 150 sein, so Blattmann. Ohne Sockelbetrag bezahlen die Gemeinden pro Zuweisung 1200 Franken. Darin enthalten sind Abklärungen mit dem Sozialhilfebezüger sowie verschiedene Massnahmen wie etwa Arbeitstrainings, interne Bewerbungsunterstützung oder die Vermittlung an externe Deutschkurse. «Wir bedienen uns verschiedener Methoden aus dem Personalwesen», sagt Blattmann. So wolle man sicherstellen, dass möglichst viele Teilnehmer Fuss im ersten Arbeitsmarkt fassen können.

Angebote für jene, die bis anhin im Schlieremer Check-in gemeldet waren – also geringe Aussichten haben, wieder eine Arbeitsstelle zu finden –, bietet die Dock-Gruppe den Start-Plus-Klienten mit den Arbeitseinsätzen des Dock Limmattal ebenfalls. Aber: «Für Menschen, die ein intensives Coaching benötigen, schliessen die Gemeinden Verträge mit anderen Firmen ab, die sich auf diesem Gebiet spezialisiert haben», sagt Veronika Neubauer (SVP), Präsidentin der regionalen Sozialvorständekonferenz.

Weil die Limmattaler Gemeinden rasch eine Anschlusslösung fanden, zog auch Schlieren die Strukturänderung vor. Die 40 Sozialhilfebezüger, die zuvor im Autark in Dietikon gemeldet waren, werden nun im Check-in betreut. Bislang habe man positive Erfahrungen gemacht, sagt Chatelain. Er unterstreicht, dass Check-in und Start Plus nicht als Konkurrenten betrachtet werden. «Start Plus ist sehr nahe am Arbeitsmarkt, was seine Stärke ist. Wir haben viel Erfahrung mit Langzeitarbeitslosen, was unsere Stärke ist. Punktuell kann man sich ergänzen», sagt er.

So könne er sich durchaus vorstellen, gewisse Arbeitsprogramme von Start Plus für seine Klienten in Anspruch zu nehmen. Andererseits hätten auch bereits verschiedene Gemeinden an seine Türe geklopft und Anfragen für Check-in-Leistungen deponiert. «Wir befinden uns in Verhandlungen. Details kann ich noch keine bekannt geben», so Chatelain. Der Schlieremer Sozialvorstand Christian Meier (SVP) gab im vergangenen Sommer bereits bekannt, dass man auch Klienten anderer Gemeinden betreuen würde: aber zum Vollkostenpreis und nur, falls das Check-in-Team auch ausreichend Kapazität hat.

Zusammenarbeit nicht sistiert

Aus welchen Gründen gehen die Limmattaler Städte und Gemeinden wieder ihre eigenen Wege in Sachen Arbeitsintegration? Der Grund liegt in den vergleichsweise hohen Sozialhilfequoten der Städte. «Wir haben im Lauf der vergangenen Jahre gemerkt, dass wir die Klienten gerne nahe begleiten würden, was am besten in-house funktioniert», sagt Chatelain. Dies unter anderem aus Gründen der Kostenkontrolle.

Auch für Neubauer steht fest, dass die grosse Anzahl Sozialhilfeempfänger in den Städten der Grund für diese neue Struktur ist. «Die Zusammenarbeit ist nun aber nicht völlig sistiert», sagt sie. Im Rahmen der Sozialvorständekonferenz sind die Gemeinden des Bezirks noch immer in einem engen Kontakt und gehen Probleme gemeinsam an», sagt sie.

«Das Angebot steht auch den Städten offen»

Die Präsidentin der Sozialvorständekonferenz, Veronika Neubauer (SVP), gibt Auskunft zur neuen Integration von Sozialhilfeempfängern.

Frau Neubauer, mit Start Plus werden Sozialhilfeempfänger der Gemeinden im Bezirk ohne Beteiligung der Städte Schlieren und Dietikon integriert. Ist dieses Angebot nach dem Rückzug der Städte aus der Not geboren?
Veronika Neubauer: Ganz und gar nicht. Seit längerem wollten wir die Aufgaben von Autark in Dietikon und Check-in in Schlieren in einer neuen Organisation zusammenführen. Durch die Trennung der Integration von arbeitsmarktnahen und arbeitsmarktfernen Klienten gingen Synergien in der operativen Ebene und bei den Zuständigkeiten verloren. Dies führte hin und wieder zu Reibungen.

Unterm Strich sollten die Wege kürzer werden. Dass Schlieren und Dietikon die Arbeitsintegration wieder in die eigenen Hände nehmen wollten, hat den Prozess beschleunigt. Eine Arbeitsgruppe der Sozialvorständekonferenz machte sich auf die Suche nach alternativen Angeboten und wurde bei der Dock-Gruppe, von der Start Plus gegründet wurde, fündig.

Diese setzt es sich zum Ziel, Sozialhilfeempfänger in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Wie sieht es mit Bezügern aus, bei denen die Aussichten darauf gering sind?
Auch hier finden künftig Abklärungen bei Start Plus statt und es ist geplant, auch Angebote für jene Klienten aufzubauen, die nur schwer vermittelbar sind. Der Fokus liegt jedoch bei der Vermittlung von arbeitsmarktnahen Klienten.

Warum wurde die regionale Zusammenarbeit im Bezirk Dietikon nun nach gut acht Jahren abgebrochen?
Die organisatorischen Rahmenbedingungen haben sich verändert. Mit Start Plus haben wir noch immer ein regionales Angebot für alle Gemeinden des Bezirks. Ob diese einen Anschlussvertrag abschliessen, ist natürlich ihnen überlassen. Die Zusammenarbeit wurde also nicht abgebrochen, viel eher wurde sie abgeändert und optimiert. Die Gemeinden des Bezirks werden weiterhin eng zusammenarbeiten.
Wird Start Plus demnach auch von Schlieren und Dietikon in Anspruch genommen?
Dies steht den Städten offen. Von der Schlieremer Sozialabteilung weiss ich, dass man dem Angebot positiv gegenübersteht und im Fall von Engpässen beim Check-in durchaus auf Start Plus zurückgreifen würde.

Aktuell sind 12 Sozialhilfeempfänger bei Start Plus angemeldet. Die Kapazität reicht aber für bis zu 150 Personen. Wann ist das neue Angebot ausgelastet?
Abschätzen lässt sich dies nicht, denn die Gemeinden haben noch andere Angebote, die sie parallel nutzen. Es hängt davon ab, was die aktuellen Sozialhilfeempfänger brauchen. Sie benötigen teilweise Aufsicht, Coaching, Betreuung. Sie sehen, die Ansprüche und Bedürfnisse sind vielfältig. Die Gemeinden holen sich die Leistungen dort, wo das beste Angebot gemacht wird.

Schliessen Gemeinden mit Start Plus eine Leistungsvereinbarung ab, müssen sie keinen Sockelbetrag, vergleichbar mit einer Grundgebühr, entrichten, sondern bezahlen lediglich pro Überweisung. Sparen die Gemeinden so auch Geld?
Dem ist nicht so. Muss ein Sockelbeitrag geleistet werden, ist dieser für Sozialvorstände nur schwer zu rechtfertigen als Budgetposten. Wegen der Fluktuationen meldet eine Gemeinde in einem Jahr drei Bezüger, im darauffolgenden können es deren zehn sein. Bezahlt man hingegen nur die beanspruchten Leistungen, ist dies leichter zu vertreten, da ein direkter Nutzen daraus resultiert.

Mitte Dezember veröffentlichte der Kanton die Sozialhilfezahlen der Gemeinden. Erstmals seit 2010 sank die Sozialhilfequote im Bezirk von 4,4 auf 4,3 Prozent. Ist dies eine Trendwende oder ein statistischer Ausreisser?
Dies heisst, dass sich die langjährige Arbeit, welche die Sozialabteilungen und die diversen Leistungsanbieter im Limmattal verrichten, auszahlt. Grosse Anstrengungen in Sachen Arbeitsintegration, aber auch eine verstärkte und verschärfte Kontrolle bezüglich des Sozialhilfeanspruchs zeigen Wirkung. Zudem zeigt es mir, dass wir mit der Zeit gegangen sind und uns auf die aktuellen Entwicklungen eingestellt haben. Vor zehn Jahren wurde noch völlig anders gearbeitet als heute.

Veronika Neubauer

Veronika Neubauer

zvg