Urdorf
Gemeinde will das Chilstig-Gehöft verkaufen – mit Bedingungen

2014 hat die Gemeinde den Hof vom Kanton gekauft. Nun verkauft sie ihn für mindestens 590 000 Franken.

David Egger
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590'000 Franken: So viel beträgt der Mindestverkaufspreis für das Chilstig-Gehöft in Urdorf. Im Bild der obere Hauseingang.
14 Bilder
Das Grundstück wurde 1914 erbaut und ist total 3403 Quadratmeter gross.
Das über 100 Jahre alte Haus ist stark renovationsbedürftig. Auch Heizung und Isolation sollten erneuert werden.
Der Scheunenanbau (rechts im Bild) ist hingegen in besserem Zustand.
Bis Ende August sind Kaufangebote möglich. Im Oktober informiert der Gemeinderat, wer den Zuschlag erhielt. Im Bild: der idyllische untere Hauseingang.
Zur Liegenschaft gehört neben dem Wohnhaus und dem Scheunenanbau (links) auch eine zusätzliche Scheune (rechts). In Kantonsbesitz ist hingegen ein von Bäumen und Gebüsch umwachsener Bunker, der sich mitten innerhalb der Liegenschaft «Chilstig» befindet.
Chilstig Urdorf
Hier lag schon lange keine Post mehr drin: Die Liegenschaft ist schon länger unbewohnt.
Zur Liegenschaft gehört auch ein grosser schöner Garten, der relativ gut im Schuss ist, wie die nächsten Bilder zeigen.
So wachsen zum Beispiel schöne Rosen...
...und die Bäume tragen derzeit Früchte.
Die Bienen allerdings, die zurzeit im «Chilstig» umherschwirren, werden nach dem Verkauf der Liegenschaft nicht mehr da sein.
Urdorfer Bauern-Idylle: Blick über das Nachbargrundstück hinab ins Limmattal.
50 Meter von der Autobahn entfernt: Das «Chilstig» mit dem weissen Haus ist links im Bild zu erkennen.

590'000 Franken: So viel beträgt der Mindestverkaufspreis für das Chilstig-Gehöft in Urdorf. Im Bild der obere Hauseingang.

Limmattaler Zeitung

Als im Jahr 1914 Gavrilo Princip auf der Lateinerbrücke in Sarajevo den österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand erschoss, schwitzten im damaligen Oberurdorf die Männer vom Bau: Am südöstlichen Ausläufer des Honerets, zwischen dem Reppischtal und dem alten Oberurdorf, bauten sie im Gebiet Chilstig neben einem bereits bestehenden Bauernhof ein weiteres Gehöft. Das Gebiet ist benannt nach dem Weg zur im 12. Jahrhundert erstmals erwähnten Kirche St. Georg im Reppischtal, die nach der Reformation in ein Bauernhaus umgebaut wurde (im 19. Jahrhundert lautete die Schreibweise noch «Kilchstig»).

1932, 1943 und 1955 wurde das Chilstig-Gehöft erweitert, verschiedene Nebengebäude kamen hinzu. 2014, also hundert Jahre nach der Erbauung, kaufte dann die Gemeinde Urdorf das Gehöft dem Kanton Zürich ab, für gut 550 000 Franken. Dafür war keine Abstimmung nötig. Denn der Gemeinderat darf alleine über Grundeigentumsgeschäfte entscheiden, solange diese den Betrag von zwei Millionen Franken nicht überschreiten und die Liegenschaft nicht der Erfüllung einer öffentlichen Aufgabe dient – das sieht Artikel 23 der Gemeindeordnung so vor. Jetzt soll das Chilstig-Gehöft verkauft werden.

Zeitzeuge des früheren Urdorfs

Liegenschaftenvorstand Roland Stämpfli erklärt, warum der Gemeinderat die Liegenschaft überhaupt gekauft hatte: «Mit dem Erwerb sicherten wir die Einflussnahme darauf, wie die Nutzung dieser Liegenschaft erfolgt.» Die besondere Lage des Gehöfts im Einzugsbereichs des Siedlungs- und Naherholungsgebiets am Fusse des Honerets habe dafür gesprochen. Zudem wolle man diesen «Zeitzeugen des bäuerlichen Urdorfs» erhalten, so wie auch der Kanton seinen Bunker innerhalb der Liegenschaft erhalten will (siehe Zusatztext). Um ihre Ziele auch in Zukunft durchzusetzen, stellt die Gemeinde zudem die Bedingung, dass sie ein Vorkaufsrecht hat, sollte der Käufer dereinst einen Wiederverkauf in Erwägung ziehen.

155 Quadratmeter

gross ist ein rechteckiges Grundstück in Kantonsbesitz, das sich inmitten des zum Verkauf stehenden 3403 Quadratmeter grossen Chilstig-Grundstücks befindet. Es handelt sich um einen 1939 erbauten Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Zusammen mit weiteren Bunkergebäuden und Betonhindernissen hätte die Sperrstelle Urdorf die Durchfahrt der deutschen Panzer verhindern sollen. So war die Sperrstelle ein wichtiger Teil der Limmatstellung. Der Kanton behält den Bunker, um ihn als Zeitzeugen zu bewahren. Der Käufer der Liegenschaft Chilstig wird also sagen können, dass sich innerhalb seines Gartens ein Bunker befindet – eine Aussage mit Seltenheitswert.

Kein Ziel war die Nutzung der Liegenschaft durch die Gemeinde selbst. Auch Geld hat Urdorf praktisch keines investiert: Bedeutende Unterhaltskosten seien nicht entstanden, sagt Daniel Brunner, Bereichsleiter Liegenschaften der Gemeinde Urdorf. Dennoch will die Gemeinde mindestens 590 000 Franken vom Käufer, also 40 000 Franken mehr, als sie vor zwei Jahren selber bezahlt hat. Der Grund dafür ist aber nicht etwa Spekulation, wie Daniel Brunner erklärt: «Die Gemeinde verpflichtet sich, den notwendigen Anschluss der Liegenschaft an die öffentliche Kanalisation und die Elektro-Hauszuleitung gemäss den gesetzlichen Anforderungen vorzunehmen.» Die dafür nötigen Gelder seien im Mindestverkaufspreis enthalten.

Nicht nur das Geld entscheidet

Wer die historische Liegenschaft kaufen will, muss sich an einem einstufigen Bieterverfahren beteiligen, das heisst: Interessierte müssen ein schriftliches Kaufangebot von mindestens 590 000 Franken unterbreiten. Das höchste Angebot hat zwar grundsätzlich bessere Chancen, erhält aber nicht zwingend den Zuschlag. Denn die Gemeinde stellt neben des Mindestpreises und ihrem Vorkaufsrecht auch weitere Bedingungen – schliesslich geht es ihr nicht nur ums Geld, sondern auch um die Dorfgeschichte. Deshalb verlangt sie, dass der Käufer einen persönlichen Bezug zu Urdorf und zur Region aufweist. Ende Oktober teilt der Gemeinderat mit, wer den Zuschlag erhalten haben wird.

Zonenwidrig, aber erhaltenswert

Ein weiterer Ausbau des «Chilstig» ist übrigens nicht möglich, da es sich um eine erhaltenswerte zonenwidrige Baute in der Landwirtschaftszone handelt. Umbauten sind aber erlaubt. So ist das Wohnhaus stark renovationsbedürftig. «Die sanitären Installationen müssen gesamtheitlich erneuert werden. Auch energetische Massnahmen bezüglich Heizung und Isolation sind nötig, um ein zeitgemässes Wohnen zu ermöglichen», sagt Daniel Brunner.

Momentan sind im Haus noch alte Kachelöfen installiert. In einem besseren Zustand sind hingegen der Scheunenanbau und die zusätzliche Scheune. Diese könnten zum Beispiel in ein Atelier oder eine Galerie umgebaut werden, heisst es in der Verkaufsdokumentation. In den letzten Jahren war das Gehöft übrigens unbewohnt. Ohne etwas bezahlen zu müssen, darf aber ein Bienenzüchter das Gelände nutzen und ein Landwirt lagert Heu und Stroh in der Scheune – diese Nutzungen waren schon mit dem Vorbesitzer, dem Kanton Zürich, vereinbart und werden mit dem Kauf hinwegfallen.

Wenn der Käufer dann eines Abends im Garten sitzt und bei geschlossenen Augen die Gedanken in die Vergangenheit schweifen lässt, hört er vielleicht, untermalt vom Rauschen der 50 Meter nahen Autobahn, wie die Kirche St. Georg über die Höhen des Honerets zur Messe ruft und wie Soldaten die Zementsäcke für den Bunkerbau von knattrigen Militärwagen hieven.

Besichtigung: 4. August, 17-19 Uhr.
Anmeldung: liegenschaften@urdorf.ch. Unter dieser Adresse ist auch die Verkaufsdokumentation und das Formular für Kaufangebote zu bestellen. Diese sind einzureichen bis 31. August 2016.