Millionen von Europäerinnen und Europäern wanderten in den Jahrzehnten um 1900 in die USA aus. Geleitet vom Mythos, der Aufstieg vom «Tellerwäscher zum Millionär» sei dort möglich und die liberale amerikanische Demokratie gewähre mehr Freiheiten, wagten auch viele Limmattaler die Schiffspassage über den Atlantik. Unter ihnen war der Schlieremer Johann Rütschi (1862–1944), der über sein Leben eine Autobiografie verfasst hat.

Rütschi war der Sohn eines Fabrikarbeiters, Gemeindenachtwächters, Kleinbauern und Tagelöhners aus altem Schlieremer Geschlecht. Sparsamkeit und Fleiss erlaubten es den Eltern, Land zu kaufen und eine Ziege sowie eine Kuh anzuschaffen. Die Kinder mussten früh mithelfen und auch Geld verdienen mit Stroh- und Korbflechten in Heimarbeit: «So brachten meine Eltern die Familie durch: ärmlich, aber ehrlich.» Nach Schulabschluss arbeitete Rütschi in einer Ziegelhütte, dann in einer Färberei (Abteilung Seidenputzerei), vermisste aber die «freie Natur». An eine Lehre war aus finanziellen Gründen nicht zu denken. Zu dieser Zeit war es üblich, Lehrgeld zu entrichten. Rütschi schlug sich mehr schlecht als recht durch, mal als Hafnergehilfe, mal als Tagelöhner.

Basel – New York für 200 Franken

Nachdem sein Vater der Brandstiftung verdächtigt wurde, prozessierte er wegen Ehrverletzung. Rütschi war gekränkt, wollte wegen der «Ehrabschneider» nicht mehr im Dorf bleiben. Inspiriert vom Freund Johann Schneider fasste er 1882 den Entschluss, nach Amerika auszuwandern. Von den Eltern erhielt er 300 Franken, von Bekannten weitere 40 Franken. Die Reise von Basel nach New York kostete 200 Franken. Sein Begleiter hatte einen Bekannten in Chicago. Oft bereiteten Verwandte und Bekannte die Auswanderung vor: Die Migrationsforschung spricht in solchen Fällen von «Kettenwanderung». Tatsächlich fanden sich immer wieder Schweizer Wirte oder Schweizer Vereine, die den Neuankömmlingen behilflich waren. Trotzdem: Da sein Englisch zu Beginn lediglich aus ein paar Brocken bestand, wurde er als «Greenhorn» zum Opfer von Spott.

Rütschi versuchte sich in verschiedenen, anstrengenden und schlecht bezahlten Jobs – etwa als Gärtner, als Möbelpacker oder als Fuhrmann für eine Brauerei. «Schutzvorrichtungen, wie sie heute vorgeschrieben sind, kannte man damals noch nicht.» Unfälle waren somit an der Tagesordnung. Deshalb trat Rütschi als Schreiner in Chicago einer religiösen «Loge» bei, die mit einer Versicherung bei Krankheit, Unfall und Todesfall verknüpft war. In einer Billardfabrik fertigte Rütschi Tische an und montierte sie in den «Saloons» der Stadt. Ein irischer Wirt namens O’Neal, der nicht zahlen wollte, bedrohte Rütschi einmal mit dem Revolver – ein Beispiel für die notorische Gewalt in dieser boomenden Grossstadt.

Nachdem die Firma von einer Konkurrentin übernommen worden war, fand Rütschi Arbeit bei einem Schweizer Wein- und Likörgeschäft («Billeter und Steinmann»), das unter anderem Alpenkräuter-Bitter herstellte. Rütschi sollte unter anderem neue Kunden anwerben. Der Schlieremer wurde auch zum Zeugen der sozialen Unruhen in Chicago, die von deutschstämmigen Anarchisten um Johannes Most ausgingen. Die Arbeiter organisierten sich und forderten höhere Löhne sowie einen Achtstundentag und drohten mit einem Generalstreik. Bald streikten auch die Arbeiter der Erntemaschinenfabrik McCormick; ihnen schloss sich die Belegschaft der «Stokyards» (Schlachthäuser) an. Die Fabrikherren warben Streikbrecher und Detektive von «Pinkerton» an, es kam zu Ausschreitungen und Schiessereien, anschliessend zu den legendären «Haymarket-Riots» mit vielen Toten.

Er hatte Unkraut zu entfernen

Weil er Ärger mit dem Chef hatte, kündigte Rütschi seine Stelle. Er arbeitete nun in
St. Louis, rund 480 km südlich von Chicago, dann in Port Clinton am Eriesee. Der aufstrebende Ort mit seinem Strandbad zog im Sommer Touristen, meist Lehrer und Kaufleute, aus den städtischen Zentren Cleveland und Pittsburgh an. Rütschi arbeitete bei einem Schweizer namens Furrer im Wein- und Obstbau. Er hatte das Unkraut in den Reben zu entfernen und als Vorarbeiter die Knechte zu beaufsichtigen. Er leistete viel, erhielt dafür nur wenig Dank, sodass er nach Chicago zurückkehrte. Da er an chronischen Fieberanfällen zu leiden begann, entschloss sich Rütschi zur Rückkehr ins Limmattal. Dies auch, zumal ein Brief des Bruders angekommen war, wonach er «sehr willkommen» sei zu Hause. In Schlieren angekommen, kaufte der «Rückwanderer» Land und heiratete Louise Locher. Dank seiner Englischkenntnisse fand er bis 1932 eine Anstellung bei der Waggonfabrik als Portier beim Empfang.

Scheitlin, Kurt (Hg.). Ein Schlieremer erlebt Amerika. Erinnerungen von Johann Rütschi (1862-1944) an seine Amerikajahre (15. Jahrheft von Schlieren 1992). Schlieren: Druckerei Maier AG 1992.