Franziska Ernst steigen die Tränen in die Augen, wenn sie das Foto ihres Katers Lenny betrachtet: «Er ist ein Familienmitglied. Nicht zu wissen, ob er noch lebt, macht mich traurig.» Am 22. Mai hat Ernst ihren Gefährten zuletzt gesehen. Seither ist er verschwunden, spurlos. Doch Lenny ist nicht die einzige Hauskatze in Birmensdorf, die in den letzten Wochen von ihren Streifzügen nicht zurückkehrte: Im ganzen Dorf sind an Strassenkandelabern und Gartenzäunen Steckbriefe mit Fotos von vermissten Büsis angebracht. Vier Kater – drei davon haben ihr Zuhause wie Lenny im Dörfliquartier – sind seit kurzem wie vom Erdboden verschluckt.

Lisa Vaias Kater Tiger ist zwar bereits mehrfach für zwei bis drei Tage ausgeflogen: «Er kam aber immer wieder zurück. Bis jetzt.» Seit dem 17. Mai ist Tiger nicht mehr in seinem Zuhause erschienen. Ariane Zahnd glaubt schon gar nicht mehr daran, dass ihr Kater Micky wieder auftauchen könnte. Zuletzt gesehen hat sie ihn am Osterwochenende. Mehrere Anrufe bei der Gemeindeverwaltung und den Tierärzten der Umgebung sowie eine Vermisstenanzeige auf der Website der Schweizerischen Tiermeldezentrale (STMZ) hätten bisher keine neuen Erkenntnisse gebracht, sagt Zahnd: «Nach fünf Wochen beschlossen wir, den Eintrag wieder zu löschen. Wir haben keine Hoffnung mehr.»

Die Vermissten tragen einen Chip

Alle vier vermissten Katzen waren mit einem Identifikationschip versehen. Tierärzte oder die Polizei hätten die Tiere also problemlos ihren Halterinnen zuordnen können, wären sie aufgefunden worden. Dies geschah bisher aber nicht. Die vier Familien entschlossen sich nun, bei der Polizei Anzeige gegen unbekannt zu erstatten. «Wir befürchten, dass ein Mensch hinter dem Verschwinden unserer Tiere steht», sagt Ernst.

Doch was lässt die Katzenhalterinnen darauf schliessen, dass ihre Haustiere nicht überfahren worden oder Fremden zugelaufen sind? Sie habe zuerst auch an diese Möglichkeiten gedacht, sagt Marianne Hurni, die ihren Kater Rooney am 1. Juni zuletzt gesehen hat: «Als ich jedoch feststellte, dass sich die Vermissten-Flyer aus dem Dörfliquartier häuften, war ich mir sicher, dass es sich nicht um einen Zufall handeln kann.» Nach Aussagen der vier Frauen waren ausserdem alle verschwundenen Katzen sehr verschmust und anhänglich. Habe etwa ein Katzenhasser die Tiere mitnehmen wollen, so wären sie leichte Beute gewesen, glauben sie.

Die Theorie vom Katzenhasser ist nicht so leicht zu entkräften. Dass die Katzen unter den Rädern von Autos verendet seien, sei nämlich nicht möglich, sagt zumindest der Birmensdorfer Werkdienstleiter Viktor Meyer: «Wäre dem so, so müsste ich es wissen: Denn wird eine tote Katze auf der Strasse gefunden, informiert mich die Gemeindeverwaltung umgehend. Ich sammle den Kadaver danach ein.» Seit Anfang Jahr sei ihm allerdings keine einzige verunfallte Katze gemeldet worden, so Meyer.

Die Schweizerischen Tiermeldezentrale (STMZ) teilt hingegen auf Anfrage mit, dass sie «keine signifikante Häufung» von vermissten Katzen in Birmensdorf habe feststellen können. «Seit einem Jahr gingen bei uns insgesamt 15 Meldungen ein. Davon haben sich zwischenzeitlich 11 bereits wieder erledigt, weil die Tiere zurückgekehrt sind, oder den Weg über Dritte zu den Haltern zurückgefunden haben», sagt Fabienne Eyermann, Sachbearbeiterin bei der STMZ. Allerdings würden auch nicht alle Fälle auf ihrer Datenbank gemeldet, räumt sie ein.

Eine Wiederholung von 2012?

Verschwundene Katzen sorgten in der Region schon mehrfach für Aufregung: Zuletzt war dies 2012 in Geroldswil der Fall. Damals verschwanden innert weniger Wochen mindestens 16 Katzen. Der Grund dafür kam nie ans Licht. Und 2009 kam es im Limmattal zu mehreren mutmasslichen Diebstählen von Rassekatzen. Silvia Zihlmann, die Frau des Dietiker Tierarztes Josef Zihlmann, beschäftigte sich damals intensiv mit diesen Fällen. Parallelen zu den Vorkommnissen in Birmensdorf sieht sie allerdings nicht: «Hauskatzen können im Gegenteil zu Rassekatzen nicht für die Zucht missbraucht werden. Sie werden also eher nicht gestohlen. Und ich glaube auch nicht, dass in Birmensdorf ein Katzenhasser umgeht», sagt Zihlmann. Dass Katzen verschwinden, gebe es immer wieder. Meist täten sie dies aber aus freien Stücken, erklärt sie.