Zürcher Obergericht

«Gehen Sie einander aus dem Weg»: Hündeler-Streit kann nicht geklärt werden

Nachdem die Hunde aufeinander losgingen, kam es auch zwischen den Hündeler zu einer Auseinandersetzung.

Nachdem die Hunde aufeinander losgingen, kam es auch zwischen den Hündeler zu einer Auseinandersetzung.

Schon zum zweiten Mal in einem Jahr begegneten sich zwei verfeindete Limmattaler «Hündeler» und Nachbarn vor Gericht.

Was an diesem Oktobertag im Jahr 2013 wirklich geschah, wird wohl für immer das Geheimnis der beiden Limmattaler Hundebesitzer bleiben. Bereits das Dietiker Bezirksgericht hielt im Februar 2016 fest, dass «die vorhandenen Beweismittel und Indizien kein schlüssiges Bild darüber erlauben, wie sich das Aufeinandertreffen abgespielt hat». Es sprach den Beschuldigten deshalb frei.

Zum gleichen Schluss kam gestern das Zürcher Obergericht, welches sich mit dem Fall befassen musste, nachdem der Privatkläger Berufung eingelegt hatte. Gerichtspräsident Daniel Bussmann sprach von einem «klassischen Vier-Augen-Delikt» und betonte, die Glaubwürdigkeit beider Parteien sei mit «grösster Vorsicht» zu würdigen.

Faustschlag und Todesdrohung?

Unbestritten ist, dass die beiden schon länger zerstrittenen Nachbarn an jenem Herbsttag um den Mittag aufeinandertrafen und es, nachdem ihre Hunde aufeinander losgegangen waren, zu einer heftigen Auseinandersetzung kam. Der heute 49-jährige Kläger beschuldigte seinen Kontrahenten, einen 55-jährigen IV-Rentner, ihn übel beschimpft und mit dem Tod bedroht zu haben. Zudem habe er ihm einen Faustschlag auf den Mund verpasst, der eine zwei Zentimeter lange Wunde hinterlassen habe. Noch heute leide sein Mandant an einer Sensibilitätsstörung der Lippe, machte sein Anwalt gestern vor Gericht geltend. Diese führe zu einem teilweise unkontrollierbaren Ausfluss des Speichels, weshalb sein Mandant nicht mehr arbeiten könne. «Der Faustschlag und die Drohung führten zu einer erheblichen Verschlechterung seines physischen und psychischen Zustands», so der Anwalt.

Anders klang die Version des Beschuldigten. Er schilderte gestern, wie sein Nachbar einem seiner beiden Hunde das Knie in den Hals gehauen habe. Daraufhin habe er den Hund zu sich gerufen, denn es wäre, sagte er, für ihn «das Schlimmste», wenn dieser jemanden beissen würde. Den Nachbarn, der «völlig ausgerastet» sei, habe er weggestossen, um sich zu schützen. Wie dieser sich die Verletzung an der Lippe, die auch durch das damals aufgesuchte Spital Limmattal dokumentiert wurde, zugezogen habe, wisse er nicht. «Nie im Leben» jedoch habe er zugeschlagen oder mit dem Tode gedroht, sagte der Beschuldigte. Seinen Nachbarn beschrieb er als aggressiven Mann, der Lügen über ihn verbreite und ihn einschüchtere.

Der Anwalt des Beschuldigten wies zudem darauf hin, dass der Kläger bereits zwei Mal rechtsgültig wegen Drohungen oder Tätlichkeiten verurteilt worden sei – beide Male im Zusammenhang mit einem Streit, bei dem es um seinen Hund ging. Zudem leide er an einer Boderline-Störung.

Gerichtspräsident gibt Ratschlag

Dies stritt auch dessen Rechtsanwalt nicht ab. Dass sein Klient an einer paranoiden, emotional instabilen und narzisstischen Persönlichkeitsstörung leide, heisse aber noch lange nicht, dass er lüge, betonte er. Es gebe «keine erheblichen Zweifel» daran, dass der Faustschlag und die Drohung stattgefunden hätten.

Das Gericht sah das anders. Aufgrund mangelnder Beweise sprach es den Beschuldigten frei und verpflichtete den Kläger, die Kosten des Berufungsverfahrens zu tragen und dem Beschuldigten eine Prozessentschädigung von 6300 Franken zu entrichten. «Abschliessend möchte ich ihnen noch einen Ratschlag erteilen», sagte Präsident Bussmann den beiden Streithähnen: «Gehen Sie einander in Zukunft konsequent aus dem Weg.» Dass sich die beiden jedoch demnächst wieder vor Gericht treffen werden, ist nicht ausgeschlossen: Ein weiterer Streitfall, bei dem es zu einer Anzeige kam, ist zurzeit noch pendent.

Autorin

Bettina Hamilton-Irvine

Bettina Hamilton-Irvine

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