Abstimmung
Gegner der Limmattalbahn werfen Regional-Politikern Versagen vor

Die Limmattalbahn-Gegner erlebten gestern ein Wechselbad der Gefühle: Die Enttäuschung über das klare Ja im Kanton wechselte sich ab mit der Freude über die Ablehnung des Projekts im Bezirk.

Sophie Rüesch und Tobias Hänni
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Die Gegner der Limmattalbahn sehen sich mit der Ablehnung im Bezirk bestätigt, dass die regionalen Behörden am Volkswillen «vorbeipolitisiert haben».

Die Gegner der Limmattalbahn sehen sich mit der Ablehnung im Bezirk bestätigt, dass die regionalen Behörden am Volkswillen «vorbeipolitisiert haben».

Visualisierung: Architron

Eigentlich wäre Christian Meier an diesem kalten Sonntag gerne mit einem Tuk-Tuk von Dietikon nach Zürich gefahren, um dort im Walcheturm vor die Medien zu treten. Es hätte ein letztes, laut knatterndes Zeichen sein sollen gegen jene Vorlage, die er als Präsident des Referendumkomitees «Masslose Limmattalbahn Nein» die letzten Monate so intensiv bekämpft hatte.

Doch angesichts der Hochrechnungen, die schon früh an diesem Abstimmungssonntag auf eine deutliche Zustimmung zur Bahn hinwiesen, verzichtete Meier auf den Auftritt. «Wäre das Resultat knapper ausgefallen, hätten wir die Show gemacht», sagt er, als er kurz vor 13 Uhr beim Zentrum erscheint – ohne Tuk-Tuk, aber in Begleitung zweier Komiteemitglieder.

Wenig später steht Meier für ein erstes Gespräch mit SVP-Nationalrat Hans Egloff vom Pro-Komitee vor den Kameras von Tele Züri. Trotz seiner herben Niederlage, die zu diesem Zeitpunkt schon feststeht, wirkt er gefasst – wenn auch etwas erschöpft. Sollte Meier verärgert über das Resultat sein, lässt er es sich in diesem Moment nicht anmerken. Auch als er während des Gesprächs erfährt, dass das Bahnprojekt im Bezirk Dietikon abgelehnt wurde, behält er seine Gefühlslage für sich.

Unaufgeregt erklärt er dem Moderator, was er danach in zahlreiche andere Mikrofone sagen wird: «Mit dem Nein haben die Limmattaler gezeigt, dass sie keine weitere Verschlechterung ihrer Lebensqualität wollen.» Die Ablehnung im Bezirk wertet Meier in einer ersten Analyse nicht als Verdienst des Referendumkomitees. «Trotz dem grossen Einsatz unserer Helfer glaube ich nicht, dass wir viel zum Resultat beigetragen haben.» Vielmehr erklärt er das Nein damit, dass die Limmattaler mit der jetzigen Verkehrserschliessung zufrieden seien. «Und weil für sie die mit der Bahn angestrebte Urbanisierung einem Zubetonieren gleichkommt.»

Spurensuche bei Befürwortern

Bald nach Bekanntwerden des Resultats suchen auch die Befürworter nach Gründen für die Ablehnung im Bezirk. Dass diese hier höher ausfallen würde als im Rest des Kantons, damit haben zwar viele gerechnet. Das klare Nein vor allem in den Standortgemeinden Dietikon und Schlieren, aber auch in den rechtsufrigen Gemeinden, hat so dann aber doch niemand erwartet. «Es ist den vielen Befürwortern offenbar nicht gelungen, dem Dietiker Stimmvolk die Notwendigkeit des Projekts zu vermitteln», sagt Stadtpräsident Otto Müller (FDP) ernüchtert.

Urdorfs Gemeindepräsidentin Sandra Rottensteiner (EVP) kann sich das Nein in ihrer Gemeinde nur damit erklären, dass die Urdorfer «den Nutzen für sich persönlich nicht klar erkannt haben» – dies vor allem deshalb, weil die Bahn nur auf einer kurzen Strecke auf Urdorfer Boden fahren wird. Für den Schlieremer Stadtpräsidenten Toni Brühlmann-Jecklin (SP) sind für die Ablehnung in seiner Stadt und im Bezirk eine Summe von vielen verschiedenen Gründen verantwortlich.

Vor allem aber führt er das Nein auf Ängste zurück: davor, dass die Bahn die ohnehin schon mit Skepsis beobachtete Entwicklung Schlierens noch verstärke; davor, dass eine mühsame Bau-Phase bevorsteht. Ähnlich sieht es der Unterengstringer alt SVP-Kantonsrat Willy Haderer, gerne auch «Vater der Limmattalbahn» genannt: Die «Angstmacherei» der Gegner habe grösseren Anklang gefunden als erwartet, sagt er. SVP-Nationalrat Hans Egloff sieht die Ablehnung in den Standortgemeinden als Folge des Streites um die Linienführung. Sie reflektiere aber «wohl auch allgemeine Bedenken» gegenüber der Verkehrszunahme im Limmattal.

Stadtrat in Erklärungsnot

Im Restaurant Heimat in Dietikon werden später an diesem Nachmittag vor allem Bedenken zum Zustand der regionalen Politik geäussert. «Die Behörden haben versagt», sagt ein wütender Alt-Stadtrat Arthur Hess, der wie andere Mitglieder, Helfer und Sympathisanten des Referendumskomitees in die «Heimat» gekommen ist, um die Abstimmung zu verfolgen.

Die Stimmung schwankt hier zwischen der Enttäuschung ob der Niederlage und der Freude über den «Teilerfolg» im Limmattal. Überrascht, dass die Bahn angenommen wurde, ist kaum jemand. «Wir waren ja nicht blauäugig. Realistischerweise mussten wir damit rechnen», sagt Martin Müller (DP), der sich im Dietiker Gemeinderat einsam gegen die Bahn gestellt hatte.

Er sieht Dietikons Stadtrat nun in Erklärungsnot: «Er hat die Vorlage zur Überlebensfrage hochstilisiert. Doch nun zeigt sich, dass dies überhaupt nicht dem Volkswillen entspricht.» Bruno Pfister vom Dietiker Komitee «Limmattalbahn Nein» sieht im Bezirksresultat ebenfalls den klaren Beweis, «dass unsere Politiker frappant an den Wählern vorbeipolitisiert haben.» Er kann ihm trotzdem etwas Positives abgewinnen: «Es gibt das gute Gefühl, etwas erreicht zu haben.»

Ein schwarzer Tag fürs Tal

Christian Meier findet in einer kurzen Ansprache in der «Heimat» ebenfalls positive Worte. «Auch wenn das an einem so schwarzen Tag für das Limmattal schwierig ist.» Doch immerhin habe das Resultat im Bezirk dem Komitee recht gegeben. Es gebe ihm ein Gefühl der Genugtuung, sagt Meier später. «Es bestätigt, dass wir die Meinung der Bevölkerung vertreten haben.» Gegen das Ja des Kantons nun anzukämpfen, etwa mit einer Initiative, kommt für ihn nicht infrage. «Wir akzeptieren den demokratischen Entscheid.»

Das Komitee sei aber bereit, sein Fachwissen in die weitere Bearbeitung des Projekts einfliessen zu lassen. Denn für Meier hat die Vorlage teilweise «noch sehr viel Spielraum». So seien die geplanten Strassenausbauten bislang erst rudimentär festgelegt. Doch auch dort, wo der Spielraum nicht mehr so gross sei, «etwa in den Zentren Dietikon und Schlieren» wünscht sich Meier, dass der Kanton noch einmal über die Bücher geht. «Und dass er die Betroffenen miteinbezieht.» Grundsätzlich ist für Meier dabei «jede Massnahme wünschenswert, die zu einer Entflechtung des Verkehrs und zu mehr Sicherheit führt».