Die alte Dame, die in einem Armsessel am Fenster sitzt, strahlt, als Jana Marovic (Name geändert) den Aufenthaltsraum betritt, einen Stuhl heranzieht und sich neben sie hinsetzt. Die beiden wirken vertraut, während sie plaudern und lachen. Die jüngere, blonde Frau legt ihre Hand auf den Unterarm der alten Dame mit den kurzen grauen Haaren und fragt: «Soll ich Ihnen etwas vorlesen?»

Dreimal die Woche arbeitet Marovic für jeweils vier Stunden im Alters- und Gesundheitszentrum Dietikon. Als sie begann, war alles neu für sie: Ursprünglich ist sie Lehrerin; in ihrem Heimatland Montenegro hat sie studiert und zehn Jahre lang Biologie und Chemie unterrichtet. Doch in der Schweiz findet die alleinerziehende Mutter keinen Job und ist seit fünf Jahren auf Sozialhilfe angewiesen.

Gegenleistung für Sozialhilfe

«Auch eigentlich hoch qualifizierte Personen zu vermitteln, ist nicht immer einfach», sagt Jeannette Schläpfer. Sie ist gemeinsam mit Veronika Mensching für das Integrationsangebot Travo der Dietiker Sozialabteilung zuständig, das auch Marovic mit dem Altersheim zusammengebracht hat. Travo ermöglicht Menschen, die schon länger aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden sind, stundenweise bei einer städtischen Einrichtung oder bei einer Non-Profit-Organisation in Dietikon auszuhelfen.

Die Einsätze kommen dem Gemeindewohl zugute und bauen auf dem Prinzip von Gegenleistung für Sozialhilfe auf. Die Teilnehmenden werden für ihre Leistungen nicht entlöhnt, bekommen aber eine kleine Integrationszulage. Travo sei eine «Win-win-Lösung», sagt die Leiterin der Sozialabteilung, Liliane Blurtschi: Einerseits könnten Sozialhilfebeziehende so der Stadt Dietikon etwas zurückgeben. Gleichzeitig hätten alle etwas davon, wenn sie wieder langfristig integriert werden könnten.

Ein Gewinn für alle

Im Altersheim sind zurzeit im Rahmen von Travo sieben Frauen im Einsatz. Für Pflegeleiterin Karin Ament ein Glücksfall: «Sowohl für uns als auch für die Bewohner ist das ein deutlicher Gewinn.» Jedoch müsse der Betrieb auch ohne die Frauen aus dem Travo laufen, betont Ament: In der Pflege kann man die Frauen aufgrund der fehlenden Qualifikationen zwar nicht einsetzen. Dafür erledigen sie hauswirtschaftliche Arbeiten, helfen im Service aus, holen die Post, spazieren mit den Bewohnern oder lesen ihnen vor.

Doch nicht nur die Stadt Dietikon hat etwas von den Einsätzen, sondern auch die Sozialhilfebezüger. «Sie profitieren, indem sie etwas lernen, unter die Leute kommen und wieder Struktur in ihr Leben bringen können», sagt Schläpfer. Denn wer sich wieder daran gewöhne, einer regulären Arbeit nachzugehen, erleichtere sich den Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt. Zudem sei es sehr wertvoll, wenn fremdsprachige Personen in einem Arbeitsumfeld ihr Deutsch trainieren könnten.

«Ruhiger als in der Schule»

Das sieht auch Marovic so: Sie wolle ihr Deutsch verbessern, sagt sie. Und sie wolle unbedingt arbeiten. Dass sie im Ruggacker eingesetzt werde, sei ein Glück für sie: «Die Arbeit und der Kontakt mit den Leuten gefällt mir», sagt sie: «Es ist ruhiger hier als in einer Schule.»

Motivation ist eine wichtige Voraussetzung, um im Travo eingesetzt zu werden. «Ganz ohne geht es definitiv nicht», sagt Schläpfer. Es sei aber auch wichtig, sorgfältig zu eruieren, wer an welchen Einsatzort passe, so Schläpfer. Eingeteilt würden die Personen je nach Ressourcen, die sie mitbringen: «Dabei frage ich mich: Wo passt die Person hin, wie kann sie sich entwickeln, wo ist das Konfliktpotenzial gering?»

Wird jemand für das Programm als geeignet erachtet, aber weigert sich, daran teilzunehmen, kann das durchaus Konsequenzen haben. Möglich ist zum Beispiel die Kürzung der Sozialhilfe, wie Blurtschi sagt.

Bei der hoch motivierten Marovic war das nie nötig: Sie war immer mit Begeisterung dabei. Trotzdem wäre es Schläpfer nun lieber, sie würde Travo langsam verlassen: «Es wird Zeit, dass sie eine Stelle findet.» Perspektiven gebe es durchaus: «Vorher hatte sie keine Chance. Jetzt haben sich ihre Chancen auf eine Stelle definitiv verbessert.»