Lebensmittelverschwendung
Gegen die Verschwendung: Food Waste fängt beim Überangebot an

Die Umwelt-Arena will Konsumenten mit einer Wander-Ausstellung sensibilisieren, mit ihren Lebensmitteln nicht verschwenderisch umzugehen. Die Birmensdorferin Hélène Vuille freuts - sie kennt sich in diesem Thema sehr gut aus.

Sophie Rüesch
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Hélène Vuille kämpft weiter gegen die Lebensmittelverschwendung. rue

Hélène Vuille kämpft weiter gegen die Lebensmittelverschwendung. rue

Sophie Rüesch

Lebensmittel gibt es in der Schweiz im Überfluss. Für die meisten Menschen, die hier leben, sind sie leicht erschwinglich, anders als in ärmeren Ländern, wo durchschnittlich fast drei Viertel des Einkommens fürs Essen draufgehen. In reichen Ländern wie der Schweiz kosten die Waren – relativ gesehen – zehn Mal weniger. Kein Wunder also, wirft hier im Schnitt jährlich jeder Einzelne 94 Kilogramm Essen weg – im Gegensatz etwa zu Indien, wo es «nur» 11 sind.

Ob dieser Zahlen, mit denen die Wanderausstellung «Lebensmittel wegwerfen. Das ist dumm» die Besucher ihr eigenes Konsumverhalten überdenken lassen will, wird es auch Hélène Vuille ungeheuer. Die Birmensdorferin ist mit dem Thema bestens vertraut, wenn auch in lokaleren Dimensionen.

Plakat der Food-Waste-Ausstellung
10 Bilder
Plakat der Food-Waste-Ausstellung
Plakat der Food-Waste-Ausstellung
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Plakat der Food-Waste-Ausstellung
Plakat der Food-Waste-Ausstellung

Plakat der Food-Waste-Ausstellung

ZVG

Für ihren jahrelangen Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung und ihr Engagement für Obdachlose wurde sie zuletzt zur «Limmattalerin des Jahres» gewählt. Sie schaffte es, einen Vertrag zwischen der Migros Genossenschaft Zürich und der Caritas aufzugleisen, der Detailhändler verpflichtet, nach Ladenschluss übrig gebliebene Tagesfrischprodukte Sozialwerken abzugeben.

Food waste: Das können Sie dagegen tun

Sich um einen nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln zu bemühen, lohnt sich. Nicht nur, weil diese weltweit knapp sind. Auch weil man so viel Geld sparen kann: Laut Bundesamt
für Statistik sind es nämlich stolze Fr. 2010.27, die der durchschnittliche 4-Personen-Haushalt jedes Jahr an Esswaren wegwirft.

Mit diesen Anpassungen im Konsumverhalten können Sie dazu beitragen, dass weniger wertvolle Lebensmittel sinnlos im Abfall landen:

Planen Sie Ihren Einkauf sorgfältig: Wer planlos durch den Supermarkt eilt, ist schneller versucht, grosse Mengen an Produkten zu kaufen, die er dann später gar nicht verwendet.

Verwerten Sie Essensreste:
Überbleibsel vom Menü des Vorabends können oft problemlos noch einmal aufgewärmt oder neu verwertet werden.

Lernen Sie Ablaufdaten interpretieren: «Verbrauchsdatum» ist nicht gleich «Mindesthaltbarkeitsdatum»: Ersteres kommt bei leicht verderblichen Waren zum Zug, die nach Ablauf des angegebenen Datums aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr konsumiert werden sollten. Anders verhält es sich aber beim «Mindesthaltbarkeitsdatum»: Bis zu diesem Zeitpunkt garantieren die Anbieter eine einwandfreie Qualität, in vielen Fällen ist das Produkt aber auch nach Ablauf des Datums noch geniessbar. Riechen Sie daran und schauen Sie es genau an, und Sie werden merken, ob es noch konsumierbar ist.

Kaufen Sie «missgebildete» Produkte: Viele Produkte, die den hohen ästhetischen Standards der Käufer nicht genügen, schaffen es gar nicht erst in den Laden. Indem Sie auch unperfektes Gemüse oder Obst kaufen, etwa beim Coop, setzen Sie bei den Händlern ein Zeichen.

Bewahren Sie Esswaren korrekt auf:
Trockene Lebensmittel gehören in den Schrank, kälteempfindliche Gemüse und Früchte in den Keller, verderbliche Produkte in den Kühlschrank.

Bestellen Sie auswärts nicht zu viel: Wer weiss, dass er mit grossen Portionen kämpft, bestellt besser eine halbe Portion oder lässt die Vorspeise aus.

Verwerten Sie hartes Brot wieder: Mit etwas Wasser benetzt, lässt sich ein altes Brot im Backofen schnell wieder taufrisch machen. Oder machen Sie selber Paniermehl daraus.

Verwenden Sie alle Teile von Gemüse:Vom Broccoli etwa sind nicht nur die Röschen essbar, sondern auch der Strunk.

Frischen Sie lampiges Gemüse auf: Viele Gemüsesorten muss man nur in kaltem Wasser einlegen, dann werden sie wieder frisch und knackig. (rue)

Umdenken findet langsam statt

«Es ist unheimlich wichtig, die Bevölkerung für dieses Thema zu sensibilisieren», sagt Vuille beim gemeinsamen Begehen der Wanderausstellung des Bundes, die noch bis zum 29. Juni in der Umwelt-Arena in Spreitenbach gastiert. «Obwohl langsam ein Umdenken stattfindet, wissen einfach immer noch viel zu wenige, welche Massen von Lebensmitteln täglich verschwendet werden.» Lebensmittel, die für weniger Privilegierte unschätzbaren Wert hätten, würden sie nicht im Abfall landen.

Eindrücklich und leicht verständlich wird in der Ausstellung dargelegt, wo die Gründe für die zunehmende Essensverschwendung liegen, und wie jeder Einzelne dagegen angehen kann. Denn besonders in der Schweiz liegt das Problem weniger im Nichtvorhandensein von effizienten Technologien, wie das in Entwicklungsländern der Fall ist, sondern in der Wegwerfmentalität der Konsumenten (siehe Grafik in Bildergalerie).

«Auch ich werfe zu Hause mal Esswaren weg», gesteht Vuille. «Doch dann denke ich immer: Jetzt nimm dich mal an der Nase!» Ohnehin ist sie überzeugt, dass nicht nachhaltiges Konsumverhalten schon viel früher als beim Konsumenten selbst anfängt, nämlich beim Überangebot in den Läden. «Diese argumentieren immer, dass sie ein grosses Angebot bereitstellen müssen, weil sonst niemand mehr bei ihnen einkauft. Doch so muss nach Ladenschluss auch mehr weggeworfen werden, wenn es nicht abgeholt wird», so Vuille.

Auch ein weiteres Problem, auf das die Ausstellung hinweist, kennt Vuille von ihrer Arbeit im Dienste der Schwächsten der Gesellschaft nur zu gut: die abschreckende Wirkung von Haltbarkeitsdaten. Sie sind verantwortlich für manches Joghurt, das in der Schweiz im Eimer landet.

Und sie waren es auch, die Vuille in ihrem Kampf um die Abgabe von Tagesfrischprodukten lange behinderten: Die Detailhändler argumentierten, dass man aus Garantiegründen keine abgelaufenen Waren herausgeben kann. «Dabei liegt es doch im Ermessen jedes Einzelnen, ob er eine Cremeschnitte noch essen will oder nicht», sagt Vuille. «Der Bäcker kontrolliert ja auch nicht, ob man sie zu Hause noch drei Tage im Kühlschrank stehen lässt.»

Die unnachgiebige Vuille, die mit Lieferfahrten und deren Koordination eigentlich bereits genug ausgelastet wäre, wartet zurzeit übrigens auf Antwort der Migros-Genossenschaft Aare. Sie hofft, dass bald auch deren Filialen in den Kantonen Aargau, Solothurn und Bern ihre Tagesfrischprodukte an Bedürftige abgeben.

«Lebensmittel wegwerfen. Das ist dumm», noch bis zum 29. Juni in der Umwelt-Arena in Spreitenbach.