Lebensmittel gibt es in der Schweiz im Überfluss. Für die meisten Menschen, die hier leben, sind sie leicht erschwinglich, anders als in ärmeren Ländern, wo durchschnittlich fast drei Viertel des Einkommens fürs Essen draufgehen. In reichen Ländern wie der Schweiz kosten die Waren – relativ gesehen – zehn Mal weniger. Kein Wunder also, wirft hier im Schnitt jährlich jeder Einzelne 94 Kilogramm Essen weg – im Gegensatz etwa zu Indien, wo es «nur» 11 sind.

Ob dieser Zahlen, mit denen die Wanderausstellung «Lebensmittel wegwerfen. Das ist dumm» die Besucher ihr eigenes Konsumverhalten überdenken lassen will, wird es auch Hélène Vuille ungeheuer. Die Birmensdorferin ist mit dem Thema bestens vertraut, wenn auch in lokaleren Dimensionen.

Für ihren jahrelangen Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung und ihr Engagement für Obdachlose wurde sie zuletzt zur «Limmattalerin des Jahres» gewählt. Sie schaffte es, einen Vertrag zwischen der Migros Genossenschaft Zürich und der Caritas aufzugleisen, der Detailhändler verpflichtet, nach Ladenschluss übrig gebliebene Tagesfrischprodukte Sozialwerken abzugeben.

Umdenken findet langsam statt

«Es ist unheimlich wichtig, die Bevölkerung für dieses Thema zu sensibilisieren», sagt Vuille beim gemeinsamen Begehen der Wanderausstellung des Bundes, die noch bis zum 29. Juni in der Umwelt-Arena in Spreitenbach gastiert. «Obwohl langsam ein Umdenken stattfindet, wissen einfach immer noch viel zu wenige, welche Massen von Lebensmitteln täglich verschwendet werden.» Lebensmittel, die für weniger Privilegierte unschätzbaren Wert hätten, würden sie nicht im Abfall landen.

Eindrücklich und leicht verständlich wird in der Ausstellung dargelegt, wo die Gründe für die zunehmende Essensverschwendung liegen, und wie jeder Einzelne dagegen angehen kann. Denn besonders in der Schweiz liegt das Problem weniger im Nichtvorhandensein von effizienten Technologien, wie das in Entwicklungsländern der Fall ist, sondern in der Wegwerfmentalität der Konsumenten (siehe Grafik in Bildergalerie).

«Auch ich werfe zu Hause mal Esswaren weg», gesteht Vuille. «Doch dann denke ich immer: Jetzt nimm dich mal an der Nase!» Ohnehin ist sie überzeugt, dass nicht nachhaltiges Konsumverhalten schon viel früher als beim Konsumenten selbst anfängt, nämlich beim Überangebot in den Läden. «Diese argumentieren immer, dass sie ein grosses Angebot bereitstellen müssen, weil sonst niemand mehr bei ihnen einkauft. Doch so muss nach Ladenschluss auch mehr weggeworfen werden, wenn es nicht abgeholt wird», so Vuille.

Auch ein weiteres Problem, auf das die Ausstellung hinweist, kennt Vuille von ihrer Arbeit im Dienste der Schwächsten der Gesellschaft nur zu gut: die abschreckende Wirkung von Haltbarkeitsdaten. Sie sind verantwortlich für manches Joghurt, das in der Schweiz im Eimer landet.

Und sie waren es auch, die Vuille in ihrem Kampf um die Abgabe von Tagesfrischprodukten lange behinderten: Die Detailhändler argumentierten, dass man aus Garantiegründen keine abgelaufenen Waren herausgeben kann. «Dabei liegt es doch im Ermessen jedes Einzelnen, ob er eine Cremeschnitte noch essen will oder nicht», sagt Vuille. «Der Bäcker kontrolliert ja auch nicht, ob man sie zu Hause noch drei Tage im Kühlschrank stehen lässt.»

Die unnachgiebige Vuille, die mit Lieferfahrten und deren Koordination eigentlich bereits genug ausgelastet wäre, wartet zurzeit übrigens auf Antwort der Migros-Genossenschaft Aare. Sie hofft, dass bald auch deren Filialen in den Kantonen Aargau, Solothurn und Bern ihre Tagesfrischprodukte an Bedürftige abgeben.

«Lebensmittel wegwerfen. Das ist dumm», noch bis zum 29. Juni in der Umwelt-Arena in Spreitenbach.