Gefängnis Limmattal
Gefängnischef Pedro Wyss begeht Weihnachten gemeinsam mit den Insassen

An Weihnachten ist Pedro Wyss, Chef Vollzug im Gefängnis Limmattal mit seinem Team speziell gefordert. Viele Insassen im Gefängnis Limmattal leiden dann besonders darunter, eingesperrt zu sein.

Sandro Zimmerli
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Pedro Wyss ist als Chef Vollzug im Gefängnis Limmattal sowohl Aufseher als auch Betreuer. Dabei erfährt er von den Insassen auch sehr persönliche Dinge.

Pedro Wyss ist als Chef Vollzug im Gefängnis Limmattal sowohl Aufseher als auch Betreuer. Dabei erfährt er von den Insassen auch sehr persönliche Dinge.

Patricia Schoch

Pedro Wyss, die Menschen bringen sich in Stimmung für die Festtage. Ist im Gefängnis auch schon Weihnachtsstimmung eingekehrt?

Pedro Wyss: Bei den Insassen herrscht insofern Weihnachtsstimmung, als sie Pakete von ihren Angehörigen erhalten. Anders als unter dem Jahr werden sie zurzeit vermutlich mit weihnachtstypischen Dingen beschenkt. Was sie genau erhalten, sehe ich persönlich nicht. Unsere Mitarbeitenden kontrollieren aber jedes Paket. Die Insassen dürfen nicht mit Selbstgebackenem beschenkt werden.

Weshalb nicht?

Weil in selbst gebackenen Produkten fremde Stoffe, beispielsweise Drogen, oder nicht erlaubte Gegenstände verarbeitet werden können. Nur original verpackte Produkte sind erlaubt. Mittlerweile gibt es unzählige fertig abgepackte Weihnachtsprodukte.

Der Dezember ist für die Insassen also ein spezieller Monat?

Er ist vor allem deshalb speziell, weil die Insassen über Weihnachten nicht zu Hause im Kreise ihrer Lieben sein können. Die Behörden, die einen Fall bearbeiten, können sich nicht nach Weihnachten oder Ostern richten.

Erhalten die Insassen dafür mehr Besuch als unter dem Jahr?

Natürlich stellen wir eine vermehrte Nachfrage nach Besuchsterminen an Weihnachten fest. Viele Angehörige wissen jedoch, dass es in dieser Zeit eine reduzierte Besuchszeit gibt. Wir müssen die Anfragen möglichst gleichmässig auf unsere Insassen verteilen. Deshalb kann es vorkommen, dass bei Insassen mit grossem Besucherkreis Besuchsanfragen auf nach den Feiertagen verschoben werden müssen.

Wie läuft ein Besuch ab?

Wir haben spezielle Besucherräume. Weil wir ein Untersuchungsgefängnis sind, befindet sich zwischen dem Besucher und dem Insassen eine Trennscheibe. Manchmal muss jemand von uns bei den Besuchen dabei sein, wenn dies von der Staatsanwaltschaft so angeordnet ist.

In welchen Fällen wird eine Begleitung angeordnet?

Beispielsweise dann, wenn ein Insasse mit den Strafverfolgungsbehörden nicht kooperiert und alles abstreitet. Es darf dann nur Deutsch und nicht über den Fall gesprochen werden. Der Aufseher stellt sicher, dass bei solchen Gesprächen beispielsweise keine Zeugen beeinflusst werden. Zwar werden die Gespräche aufgezeichnet, aber erst im Nachhinein abgehört. Deshalb wird eine Aufsicht angeordnet.

Die Insassen erhalten nicht mehr Besuche als üblich, können aber an Weihnachten auch nicht nach Hause. Sind Sie als Betreuer in einer solchen Situation speziell gefordert?

Als Aufseher und Betreuer nehmen wir eine Doppelfunktion wahr. Einerseits müssen wir als Aufseher die Sicherheit gewährleisten. Dazu gehört, dass wir sicherstellen, dass niemand flüchtet. Auf der anderen Seite ist es unsere Aufgabe, das persönliche Befinden der Insassen im Auge zu behalten. Wenn sich beispielsweise jemand zurückzieht, dann schenkt man ihm etwas mehr Aufmerksamkeit als üblich.

Suchen Sie dann das Gespräch?

Ja, es kann sein, dass wir ein längeres Gespräch führen. Einige leiden darunter, dass sie eingesperrt sind. An Weihnachten kann sich dieses Gefühl verstärken. Allerdings können wir nicht allen Insassen jeden Tag eine Sonderbehandlung zukommen lassen.

Wieso geht das nicht?

Pro Stockwerk sind rund 20 Insassen untergebracht. Für jede Etage ist nur ein Mitarbeiter zuständig. Es ist deshalb zeitlich gar nicht möglich. Allerdings können sich die Insassen auch untereinander aufbauen. Die meisten sind in Doppelzellen untergebracht. In den Arbeitsräumen können sie sich zudem in grösseren Gruppen unterhalten.

Wie gehen Sie vor, wenn das alles nichts bringt?

Wenn sich jemand komplett zurückzieht, oder sogar suizidale Äusserungen macht, dann schalten wir umgehend unseren Psychiatrisch-Psychologischen Dienst ein. In gewissen Fällen kann es auch zur Einweisung in eine psychiatrische Klinik kommen.

Sie haben erwähnt, dass die Insassen die Gelegenheit haben, Zeit miteinander zu verbringen. Wird Weihnachten auch gemeinsam gefeiert?

Ja, in den Gefängnissen des Kantons Zürich haben gemeinsame Weihnachtsfeiern Tradition.

Wie ist die Feier gestaltet?

Mit der Unterstützung unseres Pfarrers konnten wir für dieses Jahr zwei Gospelsänger für unser Fest gewinnen. Die Feier dauert rund zwei Stunden. In der ersten Hälfte wird Musik gespielt und der Pfarrer spricht zu den Teilnehmern. Er hält aber keine eigentliche Predigt, weil wir auch muslimische Insassen haben.

Die Muslime nehmen auch teil?

Ja, alle, die teilnehmen wollen. Auch der Imam nimmt an der Feier teil. Zur Feier gehört auch, dass alle noch eine Stunde zusammensitzen, Kaffee trinken und Kuchen essen. Das dürfte auch der Hauptgrund für die Teilnahme sein. Wobei die Feier nicht an Weihnachten, sondern ein paar Tage vorher stattfindet.

Warum das?

An den Weihnachtstagen haben wir einen reduzierten Dienst im Gefängnis. Für die Insassen heisst das, dass sie die Zelle nur für einen einstündigen Spaziergang im Gefängnishof verlassen können.

Normalerweise halten sich die Insassen aber länger ausserhalb ihrer Zelle auf, weil sie arbeiten müssen?

Wir sind ein Untersuchungsgefängnis. Für Untersuchungshäftlinge gilt die Unschuldsvermutung, solange sie nicht rechtskräftig verurteilt sind. Sie müssten also nicht arbeiten. Viele arbeiten jedoch, weil sie sich so ihre internen Wocheneinkäufe finanzieren können. Dabei erhalten sie kein Bargeld, sondern ein Guthaben, von dem eine begrenzte Auswahl an Lebensmitteln, Raucherwaren und Hygieneprodukten im internen Kiosk eingekauft werden kann.

Was arbeiten die Insassen?

Vielfach handelt es sich um Verpackungsarbeiten für verschiedene Firmen.

Sie haben es mit Untersuchungshäftlingen zu tun. Wie lange bleibt ein Insasse im Durchschnitt bei Ihnen?

Der Schnellste wurde bereits nach einer Stunde wieder entlassen. In der Regel sind es aber mehrere Wochen. Ein Insasse blieb über ein Jahr bei uns.

Das heisst aber, dass es relativ viele Wechsel gibt. Ist es eine Herausforderung, sich auf die dauernden Veränderungen einzustellen?

Ja. Man baut eine Beziehung auf zu den Insassen. Manche erzählen einem sehr private Dinge. Das führt manchmal dazu, dass man ein gewisses Mitgefühl für sie entwickelt, natürlich ohne dabei ihre Tat zu rechtfertigen. Gewisse Insassen leben in prekären Situationen.

Ist es schwierig, jeden Tag mit solchen Schicksalen konfrontiert zu sein und nach der Arbeit abzuschalten?

Ich habe zum Glück einen Arbeitsweg von einer halben Stunde. Die Zeit reicht, um den Kopf durchzulüften. Es gehört aber zur Realität, dass wir mit Menschen in schwierigsten Situationen zu tun haben. Ich habe zehn Jahre in der Psychiatrie gearbeitet und kenne diese Umstände. Wir sind auch ein junges Gefängnis. Zwei Drittel unseres Teams arbeitet zum ersten Mal in einem Gefängnis. Für sie kann der Arbeitsalltag manchmal belastend wirken. In solchen Fällen unterstützen wir unsere Mitarbeitenden. Wir haben aber ein wirklich gut arbeitendes Team aus durchwegs fähigen Mitarbeitern.

Sie haben bereits Erfahrung mit Arbeit im Sozialbereich. Wie wichtig ist das für Ihren aktuellen Beruf?

Es hilft. Der Direktor der Gefängnisse Kanton Zürich legt Wert darauf, dass alle Mitarbeitenden neben dem Sicherheitsauftrag auch eine gewisse Empathie für die Insassen, nicht für den Fall, wahrnehmen. Natürlich sanktionieren auch wir internes Fehlverhalten, aber auf menschenwürdige Art.