Dietikon
Gefängnis Limmattal versucht mit neuem Projekt, Suizide zu verhindern

Die neue Abteilung Krisenintervention bietet mehr Raum und Bewegung.

Lina Giusto
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Der Eingang zum Gefängnis Limmattal, das einen neuen Chef und eine neue Abteilung für Krisenintervention erhält. DEG

Der Eingang zum Gefängnis Limmattal, das einen neuen Chef und eine neue Abteilung für Krisenintervention erhält. DEG

David Egger

Die neue Abteilung Krisenintervention im Gefängnis Limmattal soll für Insassen aller Untersuchungsgefängnisse im Kanton Zürich, die suizidal gefährdet sind, in der zweiten Jahreshälfte bezugsbereit sein. Dies teilten Roland Zurkirchen, Leiter Gefängnis Limmattal, und Jacqueline Fehr, Justizdirektorin des Kantons Zürich, gestern den Medien in Winterthur mit. Die Abteilung bietet für elf männliche oder weibliche Untersuchungshäftlinge Platz.

Die baulichen Massnahmen für die neue Abteilung sollen in den nächsten zwei Monaten in Angriff genommen werden. Insgesamt soll die neue Abteilung über drei Zellenformen verfügen: Eintrittszellen, Aufenthaltsräume und Akutzellen. Die Infrastruktur der Krisenintervention verfügt über mehr Begegnungsräume. Die suizidgefährdeten Insassen sollen die Möglichkeit erhalten, miteinander zu essen und zu arbeiten.

Zudem sollen die Räume über den Spazierhof miteinander verbunden sein. Für die Betreuung sind vier zusätzliche Pfleger zum bisherigen Mitarbeiterstab im Gefängnis Limmattal geplant. Betreut wird die Abteilung von einem Oberarzt. Tägliche Besuche durch den Psychiater sind ebenfalls vorgesehen. Durch den gezielten Einsatz von medizinisch geschultem Personal kann die Entwicklung des Verhaltens von gefährdeten Personen besser überwacht werden, so Zurkirchen über die neue Gefängnisabteilung. Für die ersten baulichen Schritte sind einmalige Investitionen in der Höhe von 250 000 Franken budgetiert. Jährlich wiederkehrend sind 600 000 Franken für die Abteilung veranschlagt.

Eine Reaktion auf Kritik

«Dieses Projekt soll ein Leuchtturm sein, Suizid in Gefängnissen zu verhindern», sagte Justizdirektorin Fehr, im Wissen, dass dieses Ziel vollständig kaum zu erreichen ist. Dennoch sei es die Aufgabe des Justizdepartementes des Kantons Zürich alle möglichen Massnahmen nach diesem Ziel auszurichten. Was sich ausserhalb des Gefängnisses abspiele, akzentuiere sich besonders im Gefängnis drinnen, so Fehr weiter. Damit spricht die Justizdirektorin die landesweit hohe Suizidrate an.

Das Projekt im Gefängnis Limmattal ist das Ergebnis einer Analyse über Selbsttötung im Gefängnis, die das Justizdepartement in Auftrag gegeben hat. Auslöser dafür war die Selbsttötung einer Mutter in Untersuchungshaft, die vorgängig in Flaach ihre beiden Kinder getötet hatte.

Selbsttötung verhindern

Über die Bedingungen in Untersuchungsgefängnissen im Kanton Zürich wurde mehrfach Kritik geübt. Selbstmorde von Insassen in den Zellen gaben zu reden. Justizdirektorin Fehr versprach, die Hintergründe zu analysieren. Und die Abteilung Krisenintervention im Gefängnis Limmattal, einem von fünf kantonalen Untersuchungsgefängnissen, ist die erste Folge davon.

Zurkirchen erklärt die Notwendigkeit der Krisenintervention: «Die Untersuchungshaft reisst Personen aus ihrem alltäglichen Leben heraus.» Und betont: «In der Untersuchungshaft gilt die Unschuldsvermutung.» In ausserordentlichen Situationen treten bei den Insassen Fragen auf, wie ihr Leben weitergehe und was draussen in der Zwischenzeit passiere. Solche Gedanken können suizidale Absichten auslösen.

Auf die Frage, wie man mit gefährdeten Personen umgeht und wie man ihre Absichten verhindern kann, ist die Abteilung Krisenintervention im Gefängnis Limmattal nun eine erste Antwort. Zellen würden laut Zurkirchen grundsätzlich so eingerichtet, dass sich niemand etwas antun kann. Auch der psychologische Dienst kann medikamentös unterstützen. In Extremsituationen aber würden gefährdete Insassen in Kliniken eingewiesen. Bei suizidalen Zwischenstufen sei dies aber nicht möglich. Dann wird eine besondere Behandlung, die die Krisenintervention ermöglicht, notwendig.

Geldnot verzögert Aufbau muslimischer Seelsorge

Imame wollen bei der Seelsorge mitwirken. Der Bedarf ist vorhanden, aber die Lohnfrage ist unklar.

Rat geben, trösten und zuhören. Das ist die Aufgabe der Seelsorge. Und diese sei besonders in Krisensituationen wichtig, so Deniz Yüksel von der Fachstelle für Integrationsfragen des Kantons Zürich. Die Justizdirektion des Kanton Zürichs informierte gestern die Medien über den Status des Projekts, bei dem es darum geht, eine muslimische Notfallseelsorge im Kanton aufzubauen.

Die Arbeitsgruppe besteht aus der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ), den beiden Landeskirchen und der Justizdirektion des Kantons Zürich. Ziel ist, noch in diesem Jahr die Rekrutierungsbedingungen für Seelsorger sowie kurzfristige Standards und langfristige Ziele für die muslimische Seelsorge zu definieren. Damit dies gelingt, müsse der Ausschluss von Extremismus gewährleistet und die notwendige Vorbildung der Seelsorger definiert werden. Dazu würden etwa ein Hochschulstudium in islamischer Theologie, was in der Schweiz derzeit nicht angeboten wird, aber auch Referenzen von Arbeitgebern oder aus Vereinstätigkeiten gehören.

Und diese Kriterien kommen nicht von ungefähr. Ein erstes Pilotprojekt für die muslimische Seelsorge startete bereits 2014 und steht seit Herbst 2015 still. Lanciert hatte das Begehren damals die VIOZ. Unterstützt wurde es von der Zürcher Regierung mit einem einmaligen Beitrag von 500 000 Franken aus dem Lotteriefonds. Im Rahmen der Planung und des Aufbaus einer muslimischen Seelsorge wurden.

30 Personen für eine entsprechende Ausbildung rekrutiert. Das Projekt geriet jedoch in Kritik, als publik wurde, dass ein aktives Mitglied des umstrittenen Islamischen Zentralrats der Schweiz den Lehrgang zur muslimischen Seelsorge absolviert hat. Aufgrund der nicht zufriedenstellenden Ergebnisse der ersten Pilotphase hat sich die Arbeitsgruppe um die kantonale Justizdirektion sowie die reformierte und katholische Kirche des Kantons Zürich erweitert.

Ziel ist, eine Übergangsorganisation, die aus allen drei Religionen besteht, zu schaffen. Sobald diese selbsttragend funktioniert, wird die nun aktive Arbeitsgruppe hinfällig. Ein weiterer Verzögerungsgrund des Projekts aber ist die Entlöhnungsfrage der Seelsorger. Denn die Gelder aus dem Lotteriefonds sind aufgebraucht. Als muslimische Seelsorger aktive Imame üben ihre Funktion nach wie vor ehrenamtlich aus. Eine Lohnzahlung durch den Kanton Zürich ist indes nicht möglich, weil die VIOZ, im Gegensatz zur reformierten und katholischen Kirche, in der Verfassung des Kantons Zürich nicht anerkannt ist. Die Entlöhnung durch Institutionen, die die seelsorgerischen Leistungen von Imamen beanspruchen, wird geprüft.