Leitartikel
Gefährlichem Halbwissen mit einem ernsthaften Dialog begegnen

So intensiv - und wohl auch polemisch - wie heute wurde über den Islam und seinen Stellenwert in unserer Gesellschaft wohl noch nie diskutiert. Die «Limmattaler Zeitung» möchte einen Kontrapunkt setzten und legt den Fokus auf den Islam im Alltag.

Jürg Krebs
Jürg Krebs
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Im Spannungsfeld: Der Islam und die westliche Gesellschaft.

Im Spannungsfeld: Der Islam und die westliche Gesellschaft.

Keystone

Muslime stehen seit den Anschlägen von Paris unter Generalverdacht, für den Terrorismus zumindest mitverantwortlich zu sein. Wieder einmal, bleibt anzumerken.

Das war nach den Anschlägen in New York (2001), Madrid (2004) und London (2005) nicht anders. Mit Sorge muss beobachtet werden, dass die Diskussion in der Schweiz an Schärfe und Emotionalität zugelegt hat.

Dies kontrastiert mit dem Bericht des Bundesrats von 2013. Darin wird Muslimen attestiert, in der Schweiz gut integriert zu sein und keine Gefahr zu bilden. Sie seien überwiegend säkular eingestellt, was bedeutet, dass die Religion eine Nebenrolle spielt.

Auch das Zentrum für Sicherheitsstudien der ETH Zürich sieht in seiner im gleichen Jahr publizierten Untersuchung keine unmittelbare Gefahr von Schweizer Muslimen ausgehen. Die Ursachen für diese verzerrte öffentliche Wahrnehmung der Muslime sind vielfältig. Ein Grund ist die bisweilen eklatante Unkenntnis von Politik, Medien und Bevölkerung über die Lebensrealitäten der Schweizer Musliminnen und Muslime. Die Folge ist Verunsicherung, bisweilen Angst.

Die Limmattaler Zeitung schaut genauer hin und hat die vorliegende Spezialausgabe konzipiert. Wir beschreiben diesmal den Normalfall, während wir in anderen Ausgaben oft den Spezialfall zum Thema gemacht haben. Wir stellen also jene Mehrheit der Schweizer Muslime ins Zentrum, bei denen die Religion nicht die Hauptrolle im Leben spielt, was nicht heisst, dass sie sich von ihr abgewandt haben. Und wir haben im Schweizer Alltag nach Spuren des Islam gesucht. Damit wollen wir zur Normalisierung der Beziehung zwischen einer Mehrheit und einer muslimischen Minderheit in der Schweiz beitragen.

Ein Kernfrage für die Redaktion lautete: Darf man unter dem Eindruck der Pariser Anschläge über den ganz normalen Alltag von Musliminnen und Muslimen in der Schweiz schreiben? Wir haben diese Frage auf der Redaktion diskutiert und finden: Ja. Schliesslich haben wir viele Themen-Seiten zu den Anschlägen konzipiert. Wir finden sogar, dass unser Kontrapunkt notwendig ist, um die Diskussion zu versachlichen. Das Ziel der christlich geprägten Mehrheit in der Schweiz muss ein unaufgeregter Umgang mit der muslimisch geprägten Minderheit sein. Und wir müssen dem gefährlichen Halbwissen einen ernst gemeinten Dialog entgegenhalten.

Zwei Beispiele belegen, wie dringend notwendig es ist, dass die Schweiz mehr über die muslimische Minderheit im eigenen Land lernt.

  • Die Minarett-Abstimmung hat gezeigt: Je weniger Muslime, desto höher die Zustimmung zur Vorlage. Man könnte auch sagen: Je weniger die Leute über Muslime wissen, desto mehr lehnen sie sie ab.
  • Verschiedene Medien publizierten jüngst eine weltweite Umfrage, die nach dem Anteil der Muslime fragte. Es ging um den Widerspruch zwischen Meinung und Fakten. Das Beispiel Frankreich: Der Anteil von Muslimen beträgt dort 8%, jedoch glauben die Franzosen, es seien 31%. Für die Schweiz liegen keine Angaben vor. Hätten Sie es gewusst? Der Anteil der Muslime beträgt hierzulande 4,9%, im Kanton Zürich 6,2% und im Bezirk Dietikon 10%.

Die Diskussion über Muslime in der Schweiz droht aus dem Ruder zu laufen. Es wird vieles behauptet, was faktisch zu widerlegen ist. Mit ein Grund sind auch falsche Annahmen. Zwei Korrekturen:

  • Muslime sind keine homogene Gruppe. Über 80% stammen aus Ex-Jugoslawien (etwa Kosovo, Bosnien, Mazedonien) und der Türkei, viele sind in der Schweiz geboren. Diese Muslime trennen Sprache, Ethnie, Kultur und Nationalität – noch grösser werden die Unterschiede bei Muslimen aus dem arabischen Raum oder dem Maghreb.
  • Muslime sind nicht per se religiös und praktizierend. Verschiedene Untersuchungen sehen den Grad der Religiosität bei Christen und Muslimen gleich tief (zirka 10 bis 15 Prozent). Fragen zu den sozialen Lebensumständen von Muslimen sind für das Verständnis folglich zielführender als Fragen zur Religion. Das ist auch der Grund, warum wir für diese Ausgabe keine Moschee besuchen. Über sie haben wir öfters berichtet.
  • Der Informationsbedarf über Muslime ist gross. Doch Antworten im Koran zu suchen, ist wenig hilfreich. Auch die Schweizer Christen lassen sich nicht adäquat mithilfe der Bibel beschreiben.

Eine Begriffsklärung ist zudem nötig: Zwischen «islamisch» und «islamistisch» liegen Gedankenwelten. Überhaupt ist der Begriff «Islam» in der Diskussion sehr unpräzise. Damit wird die Religion (ohne Unterscheidung ihrer diversen Strömungen) genauso gemeint wie eine geografische Weltregion, wie der orientalische Kulturkreis. Er ist auch zur Projektionsfläche dafür geworden, was in vieler Augen schiefläuft, es schwingen Migrationsängste bis Globalisierungskritik mit.

Schliesslich tragen Medien eine Mitverantwortung dafür, dass die Diskussion gereizter geworden ist. Sie stützen sich bei der Themenauswahl auf Nachrichtenwerte ab. Das führt dazu, dass der Spezialfall mehr Aufmerksamkeit erhält als der Normalfall, das negative Beispiel mehr als das positive. Eine Folge ist, dass der reaktionäre Islamische Zentralrat (IZRS) über Gebühren in den Medien Beachtung findet, und das, obwohl er bei den Muslimen nur eine marginale Rolle spielt, wenn überhaupt.

Nicht zuletzt beeinflussen die politischen Verhältnisse im Nahen und Mittleren Osten das Bild der Schweizer Muslime. Die politischen Wirren, die Kriege in Syrien, Afghanistan oder Irak werden automatisch mit den hiesigen Muslimen in Verbindung gebracht. Dabei kann man einen Kosovaren kaum mitverantwortlich dafür machen, was in einem fernen Land geschieht, nur weil er der gleichen Religion angehört. Es ist, als müssten Schweizer für die Gräuel der Nationalsozialisten einstehen. Verdrängt wird gerne, dass der Westen auch in der nachkolonialen Phase die politische Landschaft im Nahen Osten gewaltsam diktiert hat. Dass dies nicht ohne Folgen bleibt, dürfte logisch sein, auch wenn das den Terrorismus nicht rechtfertigt.

Das alles ist kompliziert, kann verwirren, doch an einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Thema führt kein Weg vorbei, wenn wir den muslimischen Teil der Bevölkerung ernst nehmen und verstehen wollen. Und genau das muss unser Ziel sein, denn sie sind ein Teil der Schweiz geworden.