Von aussen betrachtet ist ein Gefängnis zuerst einmal vor allem ein Klotz aus Beton mit Gitterstäben. Man stellt sich vor, dass auch das Leben im Gefängnis drin aus nicht viel mehr als Strukturen besteht. Aus Kontrolle, Repressionen, Angst.

Bei einem Seitenwechsel verändert sich das Bild markant. Das hat auch Roland Zurkirchen erfahren: «Wenn man in diese Welt eintaucht, nimmt man sie ganz anders wahr», sagt er. «Plötzlich sind da ganz viele Geschichten, menschliche Geschichten.» Und ein Team von Mitarbeitenden, die eine «extreme Fülle» an Kompetenzen und Ressourcen mitbringen. Zurkirchen muss es wissen: Seit April ist der 47-Jährige der neue Leiter des Gefängnisses Limmattal.

Kein herkömmlicher Traumjob

Den Seitenwechsel hat Zurkirchen gern vollzogen. Ja, der Job im Gefängnis sei für ihn sogar durchaus ein Traumjob, sagt er. Dass seine Arbeit nicht auf der Liste der herkömmlichen Traumjobs steht, weiss er. «Wenn ich erzähle, dass ich ein Gefängnis leite, ist mein Gegenüber meistens für den Bruchteil eines Moments lang etwas perplex», sagt er und lächelt. Doch die Leute, die ihn gut kennen, hätten ausnahmslos sehr positiv reagiert. «Sie fanden, dass diese Stelle ausgezeichnet zu mir passt», sagt Zurkirchen.

Er findet das selber auch – wenn er auch, wie viele andere, über Umwege zum Gefängnis gekommen ist. Sein Weg begann mit einer kaufmännischen Ausbildung bei einer Speditionsfirma und führte ihn über diverse Weiterbildungen im sozialen und betriebswirtschaftlichen Bereich hin zu Jugendarbeit, bis er schliesslich 2001 die Leitung der Stadtzürcher Fachstelle für Gewaltprävention übernahm. Zwölf Jahre lang blieb er dort.

Sicherheit und Menschlichkeit

Dann war es Zeit für eine neue Herausforderung. «Ich wollte eine neue Perspektive aufmachen», sagt Zurkirchen. Die Stelle als Gefängnisleiter in Dietikon bot ihm genau das. Zudem könne er vor allem in der Jugendabteilung viel von seinen bisherigen beruflichen Erfahrungen profitieren. «Es begleitet mich schon lange, dass ich mich um Jugendliche kümmere, die zwischen Stuhl und Bank gefallen sind», sagt er. Auch sein Wissen über und Interesse an Menschen komme ihm zugute.

Hatte er Respekt vor der grossen Verantwortung? «Mir ist die Verantwortung sehr bewusst», sagt Zurkirchen. Er sei bereit, sie zu tragen. Zudem: Respekt zu haben sei in einem Gefängnis nie falsch. Denn es könne jederzeit etwas passieren. «Das macht die Arbeit auch so spannend», sagt er. Denn trotz der hochstrukturierten Abläufe, an die man sich halten müsse, brauche man die Flexibilität, diese jederzeit über den Haufen werfen zu können, wenn nötig. Zurkirchen spricht von einer Balance zwischen Sicherheit und Menschlichkeit. Ein Gefängnis habe die Aufgabe, die Sicherheit zu gewährleisten – dabei stehe vieles nicht zur Diskussion: Beispielsweise, ob am Abend die Zelle abgeschlossen werde oder nicht. Doch: «Die Frage ist nicht, was wir tun, sondern wie wir es tun.» Das sei immer wieder eine «absolute Gratwanderung», sagt Zurkirchen. Schliesslich wolle man die Insassen nicht verwöhnen und sei auch kein Hotel. Doch: «Zu viel Restriktion ergibt mehr Widerstand.»

Dass die Menschlichkeit nicht vergessen geht, ist Zurkirchen ganz wichtig. «Es zeichnet eine Gesellschaft aus, wie sie mit Menschen umgeht, die sich nicht an die Regeln halten.» Seine eigene Haltung: «Wir müssen nicht urteilen über die Insassen, sondern mit ihnen die Zeit überstehen – und sicherstellen, dass sie gerecht behandelt werden und sich an die Regeln halten.»

Dass es dabei auch zu Konflikten kommen kann, ist klar. Doch: Den Umgang mit belastenden Situationen habe er genügend trainiert in den 20 Jahren, in denen er nun schon mit Menschen arbeite, sagt Zurkirchen. In dieser Zeit habe er sich auch die Professionalität angeeignet, sodass ihn seine Arbeit in der Freizeit nicht belaste. Natürlich könne er sich nicht abkapseln, «schliesslich sind wir Menschen», sagt er. «Doch die Frage ist, wie man damit umgeht.»

«Schauen Sie sich das mal an!»

Eine perfekte Möglichkeit, um in der Freizeit den Kopf durchzulüften, hat Zurkirchen, der mit seiner Frau und zwei Söhnen in Zürich lebt, zumindest schon gefunden: Seit fünf Jahren tanzt er zur Musik der 1940er-Jahre Lindy Hop. Wieso gerade Lindy Hop? Zurkirchen zeigt auf eine alte Schwarz-Weiss-Fotografie über seinem Schreibtisch: «Schauen Sie sich das mal an! Da steckt so viel Power, so viel Freude drin. Das gibt mir enorm viel Kraft.» Und wenn er nicht tanzt, fährt er mit seinem Töff über die Landstrassen. Er lächelt: «Das sind natürlich schon Kontrageschichten. Sicher schafft man sich bewusst einen Ausgleich.»