Gut sechs Wochen nach ihrer Flucht aus dem Gefängnis Limmattal in Dietikon ist es vorbei für Angela Magdici und Hassan Kiko: Die Aufseherin und der von ihr befreite syrische Häftling wurden gegen 3 Uhr in der Nacht auf Karfreitag durch die Carabinieri in einer Wohnung in Romana di Lombardia in Norditalien verhaftet. Wie die Kantonspolizei am Freitag mitteilte, wurden die 32-jährige Frau und der 27-jährige Mann, die international zur Fahndung ausgeschrieben gewesen waren, in Haft genommen. Das Fluchtauto wurde ebenfalls sichergestellt.

Romano di Lombardia (rot markiert) liegt nahe von Mailand.

Wie die Kantonspolizei Zürich auf Anfrage der «Nordwestschweiz» sagt, seien verschiedene Spuren verfolgt worden, die schliesslich zur Festnahme geführt hätten. Die Videobotschaft, mit der sich das Ausbrecherpaar am Montag dieser Woche zu Wort gemeldet hatte, sei dabei nur ein Puzzlestück von vielen gewesen, sagt Sprecher Daniel Schnyder: «Es war nicht der entscheidende Hinweis.» Jedoch habe es bei der Fahndung geholfen. 


Magdici wehrte sich vehement
Offensichtlich hatte sich das Paar zwei Wochen lang in einer Wohnung in Romano di Lombardia in der Provinz Bergamo versteckt. Dies schreibt der «Corriere della Sera», der Bezug auf eine Medienkonferenz nimmt, die gestern in Mailand stattfand. Dabei sagte der zuständige italienische Polizeikommandant Paolo Storoni, die Beiden seien zwischen 3.30 und 4 Uhr in einem neunstöckigen Wohnblock verhaftet worden. An der Festnahme, bei der die Tür eingeschlagen wurde, waren rund 40 Polizisten und mehrere Hubschrauber beteiligt. Das geflüchtete Paar war nicht bewaffnet, aber vor allem Magdici, die eine Hobby-Thaiboxerin ist, habe sich vehement gegen die Festnahme gewehrt. Vier Carabinieri waren nötig, um sie zu überwältigen.


Es sei für die Polizei nicht ganz einfach gewesen, die richtige Wohnung im Haus zu finden, sagte Storoni, da sich das Ausbrecherpaar offensichtlich sehr bemüht hatte, sich unauffällig zu verhalten. Sie hätten die Wohnung nur verlassen, um Essen zu kaufen. In einem Raum hätten sich Abfallsäcke getürmt.

Sie hatten nur 500 Euro
Storoni schliesst gemäss «Corriere della Sera» nicht aus, dass das Paar in den Nahen Osten, möglicherweise nach Syrien, reisen wollte. Darauf deuteten mehrere Telefongespräche hin, die Kiko mit Personen in Deutschland und Österreich geführt hatte. Diese Gespräche, wie auch die Videobotschaft der Beiden, lieferten laut Storoni wertvolle Hinweise für ihre Fahndung.
Zur Zeit ihrer Festnahme hatten Magdici und Kiko nicht mehr als 500 Euro bei sich. Ein in der Schweiz wohnhafter Bekannter hatte Kiko Geld auf ein mit falschem Namen eröffnetes Bankkonto überwiesen, um dem Paar bei der weiteren Flucht zu helfen. Der 27-Jährige konnte dies jedoch nicht abheben.


Die Staatsanwaltschaft wird nun ein Auslieferungsgesuch an Italien stellen, wie es in der Mitteilung der Kantonspolizei Zürich heisst. Wird dieses bewilligt, werden Magdici und Kiko danach in der Schweiz in Haft genommen, wie Polizeisprecher Schnyder sagt. «Danach übernehmen die Strafverfolgungsbehörden.» Diese würden weitere Untersuchungen und Einvernahmen machen. Was dem geflüchteten Paar dann blüht, ist heute noch nicht klar. «Es ist noch zu früh, das zu sagen», so Schnyder.


Gegenüber der «Nordwestschweiz» hatte die Leitende Staatsanwältin Claudia Wiederkehr am Tag nach der Flucht gesagt, dass Magdici bis zu drei Jahre Haft drohen. Für Kiko hat der Ausbruch keine strafrechtlichen Folgen: Da er aus dem Gefängnis spazierte, ohne jemanden zu verletzen oder etwas zu beschädigen, hilft ihm der Grundsatz der straffreien «Selbstbegünstigung».


Hingegen wird er voraussichtlich den Rest seiner vierjährigen Freiheitsstrafe absitzen müssen, zu der er wegen Vergewaltigung verurteilt worden ist. Dies setzt jedoch voraus, dass das Urteil rechtskräftig wird. Kiko hat den Entscheid des Bezirksgerichts Dietikon angefochten. Nun wird das Obergericht entscheiden müssen.

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Erst vor wenigen Tagen hatten sich das Paar in drei separaten Videos an die Bevölkerung der Schweiz gewandt. Die Wärterin entschuldigte sich bei ihrer Familie und beteuerte, der befreite Häftling sei «der Mann ihres Lebens».

Der Häftling dagegen stritt die Vergewaltigung in der Video-Botschaft nach wie vor ab und schimpfte über die Haftbedingungen im Gefängnis Limmattal. Die Gefängniswärterin nannte er die Liebe seines Lebens. Gott habe sie ihm geschickt, sagte er. 

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