Limmattal

Geburt in Haft: Polizei rechtfertigt Fussfessel als verhältnismässsig

Am 7. März wurden die Mutter und ihr Sohn aus der Limmat beim Kloster Fahr geborgen (Symbolbild).

Am 7. März wurden die Mutter und ihr Sohn aus der Limmat beim Kloster Fahr geborgen (Symbolbild).

Die junge Frau, welche in U-Haft ein Kinder zur Welt brachte, wurde vor der Inhaftierung im «Limmi» untersucht – die Schwangerschaft blieb unbemerkt. Bis zum 17. April muss sie in Untersuchungshaft bleiben.

Vor einem Monat stürzte eine Frau mit ihrem 4-jährigen Sohn beim Kloster Fahr in die Limmat. Beide blieben unverletzt, dennoch wurde die Mutter in Untersuchungshaft genommen. Letzte Woche stellte sich überraschend heraus: Die Frau war hochschwanger. Obwohl der zuständige Haftrichter die Entlassung auf den 17. April festsetzte, könnte die Mutter länger hinter Gittern bleiben.

Seit dem Zwischenfall dauern die Untersuchungen gegen die in der Schweiz aufgewachsene Kosovarin (24) an. Ihr wird von der Staatsanwältin vorgeworfen, der Sturz sei kein Unfall gewesen, sondern möglicherweise ein Versuch, ihren Sohn zu töten, schrieb die «NZZ» gestern. Vorstellbar sei auch ein erweiterter Suizidversuch. Bis heute fehlen Zeugen, die den Sturz beobachtet haben.

Bei einer Einvernehmung letzten Donnerstag haben bei der jungen Frau plötzlich die Wehen eingesetzt. In der Maternité des Spitals Triemli brachte die Frau schliesslich einen weiteren Knaben zur Welt. Am nächsten Morgen wurde die Frau bereits wieder ins Gefängnis überführt.

Ihre Rechtsanwältin Ganden Tethong hatte die Behörden erst am Vortag über die Schwangerschaft informiert. Der Grund: Ihre Mandantin habe gewünscht, dass die Behörden nicht davon erfahren, sagte Tethong gegenüber der «NZZ». Dies, damit nicht der Schluss gezogen werden könnte, dass sie das ungeborene Kind habe töten wollen.

Schwangerschaft nicht bemerkt

Auch beim Untersuch der Mutter nach der Bergung aus der Limmat hatten die Ärzte im Spital Limmattal ihre Schwangerschaft nicht bemerkt. In erster Linie werde bei einem Notfall das akute Leiden behandelt, teilte das Spital gestern auf Anfrage mit: «Es kann sein, dass zur weiteren Diagnostik etwa ein Bluttest gemacht wird. Er beinhaltet aber keinen Schwangerschaftstest.»

Rechtsanwältin Tethong kritisierte in ihren Aussagen zur Geburt im Triemlispital die strengen Überwachungsmassnahmen der Polizei. In der Nacht sei die 24-Jährige bewacht und am Fuss ans Spitalbett gefesselt worden, um einem Flucht- oder Suizidversuch vorzubeugen, so die Aussagen der Verteidigung. Dies, obwohl die psychiatrische Universitätsklinik die Frau als «nicht suizidgefährdet» eingestuft hatte.

Eine Flucht durch das Fenster erscheint angesichts der Tatsache, dass die Wöchnerin im vierten Stock untergebracht war, unwahrscheinlich. Auch ist der Antrag auf Untersuchungshaft nicht aufgrund von Flucht- oder Suizidgefahr erfolgt, sondern wegen einer möglichen Absprache mit Zeugen, wie die Verteidigung erklärte. Erst später seien die Gefahren von Flucht oder Suizid von der Staatsanwaltschaft eingebracht worden. Gestern wollte Tethong zum Fall keine Auskunft geben.

In Kommentaren auf den Online-Ausgaben verschiedener Tageszeitungen wurden die Überwachungsmassnahmen und der Einsatz der Fussfesseln scharf kritisiert. Die Oberstaatsanwaltschaft sieht sich diesbezüglich nicht in der Verantwortung: «Die Staatsanwaltschaft erteilt der Polizei keine Weisungen über die zu treffenden Sicherheitsvorkehrungen bei der Bewachung von Gefangenen. Dies ist Aufgabe der Polizei», erklärte Corinne Bouvard, Pressesprecherin der Oberstaatsanwaltschaft gestern auf Anfrage.

«Lediglich einen Fuss angebunden»

Der Kommunikationschef der Kantonspolizei Zürich, Werner Benz, äusserte sich gestern zur Frage der Überwachungsmassnahmen folgendermassen: «Mit Blick auf den vorgeworfenen Tötungsversuch an ihrem Kind, die Flucht- und Fortsetzungsgefahr sowie eine nicht auszuschliessende Eigengefährdung war die Frau zu fesseln.» Man habe dies auf dem niedrigsten möglichen Level getan und sie lediglich mit einem Fuss am Bett angebunden. Auch sei der Wöchnerin diese während der Geburt sowie im Schlaf abgenommen worden und die Polizeibeamten hätten sich während der Entbindung nicht im Raum befunden, so Benz.

Der zuständige Haftrichter setzte das Ende des Untersuchungsgewahrsams auf den 17. April fest. Ob die Mutter dann tatsächlich freikommt, ist derzeit noch nicht sicher. Die Staatsanwältin hat die Möglichkeit, beim Zwangsmassnahmengericht die Verlängerung der Haft zu beantragen. «Ob sie dies macht oder nicht, ist derzeit offen», erklärte Bouvard.

Als die Mutter nach der Geburt in ihre Zelle zurückgebracht wurde, blieb ihr Neugeborenes zur Beobachtung im Spital: Es leidet an einem Atemnotsyndrom. Ob die junge Frau ihr Neugeborenes in ihre Zelle nehmen kann, wenn dies sein gesundheitlicher Zustand zulässt, ist derzeit noch offen: «Der Entscheid über die Kontakte zwischen Kind und Mutter liegt bei der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde», sagte Bouvard.

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