«Ich war bereits auf der Post, um das Geld abzuheben, da fragte mich die Angestellte, ob ich den Empfänger des Geldes gut kenne», erzählt eine Seniorin am Informationsanlass der Kantonspolizei Zürich. Dieser fand gestern Nachmittag in der reformierten Kirche Geroldswil statt.

Die Seniorin erzählt weiter, wie sie manipuliert worden sei und erst, als das Geld bereits schon vom Konto abgebucht worden war, klare Gedanken fassen konnte. «Ich sagte, ‹Nei,n ich kenne die Person nicht› und kehrte auf dem Absatz um.» Damit gab es jedoch noch keine Ruhe in ihrem Leben: Die Betrügerin habe sie im Nachhinein weiter angerufen und mit üblen Beschimpfungen zugedeckt.

Die zierliche Seniorin ist nicht alleine mit ihren Erfahrungen. Im letzten Jahr wurden 22 Fälle im Limmattal bekannt und die Attacken haben dieses Jahr nicht abgenommen, wie die Polizei mitteilt. Über 2 Millionen Franken knöpften falsche Polizisten oder nicht existierende Enkel den ahnungslosen Grosis und Opas im Kanton Zürich bisher bereits ab.

«Das Gefährliche ist, wenn man denkt, mir kann das nicht passieren. Dabei kann es jeden treffen», sagt Rolf Decker von der Präventionsabteilung der Kantonspolizei Zürich. Das mehrheitlich grauhaarige Publikum hat beinahe alle Stühle in der Kirche belegt.

Die Telefonbetrügerei habe Anfang der 1990-er Jahre mit den Enkeltrickbetrügern begonnen, erklärt er. Mittlerweile hat sich die Masche weiterentwickelt: Falsche Polizistinnen und Polizisten treiben heute mit gewieften erfundenen Geschichten ihr Unwesen. «Manchmal steht sogar auf dem Display der Senioren der Name ‹Kantonspolizei Zürich›, doch das ist nur eine Verschleierung der Gauner», so Decker.

Psychoterror am Telefon

Um die Senioren zu sensibilisieren, erklärt er anhand von Tonbeispielen, wie die Betrüger vorgehen. Oft setzen sie die angerufenen Personen physisch und psychisch unter Druck. «Manche rufen alle zehn Minuten an, andere drohen damit, den angeblichen ‹Verwandten› nie mehr anzurufen, falls das Geld nicht fliesst», sagt Decker.

Der wichtigste Tipp ist dabei wohl, dass Senioren, die einen eher älteren Namen wie Rosmarie, Johanna, Adelheid oder Holger haben, ihren Eintrag im Telefonbuch kürzen. Somit kommen die Anrufe schon gar nicht ins Haus: «Steht A. Meier im Telefonbuch, weiss niemand mehr, ob die Person Adelheid, Ana oder Armin heisst», sagt Decker.

Immer wieder können Täter gefasst werden, doch oft ist es so, dass die Hintermänner ungeschoren davonkommen. «Meist können wir ‹nur› die Geldabholer verhaften», sagt Decker. Die Täter sitzen am Telefon tausende Kilometer entfernt, beispielsweise in der Türkei.
Damit die Gauner dingfest gemacht werden können, ist die Polizei auf die Hilfe der Seniorinnen und Senioren angewiesen.

Dabei gilt das Motto: Auflegen ist gut, auflegen und die Polizei anrufen noch besser. «Denn wenn wir alarmiert sind, können wir Polizisten losschicken, die sich die Situation vor Ort ansehen», sagt Decker. Allenfalls gebe es dort eine Spur zum Täter.

Über die Scham, Opfer zu sein

In diesem Jahr wurden im Kanton Zürich bis jetzt 1696 Betrugsfälle gemeldet. Die Dunkelziffer ist sogar fünfmal höher. Nur wenige melden sich: Viele schämen sich, dass sie Opfer des Betrugs wurden. Obwohl auch am Infoanlass immer wieder Stimmen laut werden, die erzählen, welche Anrufe sie erhielten, erheben nur drei Leute die Hand bei der Frage, wer Angst habe, Opfer zu werden.

Doch diejenigen, die bereits erlebt haben, was es heisst, wenn der Dieb über das Telefon ins Haus kommt, wissen, wovon der Referent spricht. Die Manipulation sei riesig und das Gefühl, dass einem jemand Fremdes so rasch so nahe habe kommen können, sehr verunsichernd. «Nach dem Erlebnis auf der Post habe ich immer wieder richtig Angst, das Telefon abzuheben», sagt die betroffene Zuhörerin.