Fussball
Er trainiert auf dem Sportplatz Breite: «Film-Schiedsrichter» adelt Birmensdorf

Darum zügelte der 39-jährige Fussball-Ref Fedayi San vom Aargau ins Limmattal. Und so macht er den 4.-Ligisten FC Birmensdorf stolz.

Ruedi Burkart
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Ein Birmensdorfer mitten im Sturm der Emotionen. Fedayi San zeigt Basels Eray Cömert (rechts) im Match gegen Lausanne Ende Februar die rote Karte.

Ein Birmensdorfer mitten im Sturm der Emotionen. Fedayi San zeigt Basels Eray Cömert (rechts) im Match gegen Lausanne Ende Februar die rote Karte.

Marc Schumacher / freshfocus

Zurzeit ist in der nationalen Sportszene ein Dokumentarfilm über die Arbeit eines Fussballschiedsrichters in aller Munde. Im 17-minütigen Streifen «Das Spiel» lässt der Schweizer Spitzen-Ref Fedayi San tief blicken. San pfeift seit zehn Jahren unter anderem Partien der Super League und wurde 2015 zum Fifa-Schiedsrichter berufen. Was die wenigsten wissen: Zusammen mit seiner jungen Familie wohnt der gebürtige Aargauer seit zwei Jahren in Birmensdorf.

«Es gefällt mir und meiner Familie hier in der Region ausgezeichnet», meldet San via Handy.

In Birmensdorf ist es einfach perfekt. Eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr, die Autobahn ist auch nicht weit weg – es passt einfach.»

Er sei gerade unterwegs, aber das ist er während der Fussballsaison eigentlich immer. Der gelernte Haustechnik- und Sanitärinstallateur ist in einem 50-Prozent-Pensum beim Schweizerischen Fussballverband (SFV) angestellt und damit einer der Profi-Schiedsrichter des Landes. Wenn noch ein bisschen Zeit bleibt neben dem Sport, arbeitet er als Freelancer in seinem gelernten Beruf.

Aktuell bereitet San sich auf seinen Einsatz am Mittwochabend in Sion vor. Gegen Luzern spielen die Walliser darum, den letzten Rang zu verlassen, die Innerschweizer ihrerseits wollen nächste Saison international spielen. Er sagt:

«Dass es in der Super League noch um einiges geht, ist doch super. Das ist es, was unseren Sport in meinen Augen so interessant macht.»

Kaum zu glauben, aber auch Fussballschiedsrichter haben einmal frei. «Am kommenden Wochenende leite ich kein Spiel, dann bin ich Trauzeuge an der Hochzeit meines besten Freundes», verrät San. Man muss eben manchmal Prioritäten setzen im Leben.

Die Sache mit Luzerns Heisssporn Lezcano

San hat in seiner rund 20-jährigen Karriere als Fussball-Schiedsrichter schon viel erlebt. «Das ist es, was ich an meiner Arbeit so liebe», sagt er, «jedes Spiel, egal, wo auf der Welt, ist eine neue Herausforderung.» Im Gedächtnis haften geblieben ist ihm und den Schweizer Zuschauern in erster Linie eine Super-League-Partie aus der Saison 2015/16.

Auf Konfrontationskurs: Am 13. September 2015 liess sich Luzern-Stürmer Dario Lezcano (blaues Dress) zu einer groben Unsportlichkeit gegen Fedayi San hinreissen. Konsequenz: acht Spielsperren für den Paraguayer.

Auf Konfrontationskurs: Am 13. September 2015 liess sich Luzern-Stürmer Dario Lezcano (blaues Dress) zu einer groben Unsportlichkeit gegen Fedayi San hinreissen. Konsequenz: acht Spielsperren für den Paraguayer.

Philipp Schmidli

Am 13. September 2015 war es, als er das Spiel zwischen Luzern und den Grasshoppers arbitrierte. Kurz vor Schluss, es lief beim Stand von 3:3 bereits die 88. Minute, zeigte San dem Luzern-Stürmer Dario Lezcano zweimal innert weniger Sekunden die gelbe Karte. Der heissblütige Paraguayer konnte damit schlecht umgehen, schlug San die rote Karte aus der Hand und berührte ihn an der Stirn. Konsequenz: Lezcano wurde für acht Partien gesperrt, und San zog seine Lehren aus der Situation.

«Ich bin dankbar, dass ich damals ruhig geblieben bin. Und habe diese Erfahrung abgespeichert.»

Fedayi San hat im Fussball schon in manchen Ländern Spiele gepfiffen. Er war im Rahmen eines Austauschs in Qatar, arbeitete auch in Österreich, in der Saudi League, in der französischen Ligue 2 und leitete schon das griechische Derby zwischen Olympiakos Piräus und PAOK Saloniki. Sein erstes A-Länderspiel durfte er im Juni 2018 leiten, ein Freundschaftsspiel zwischen Tunesien und der Türkei.

Er trainiert dort, wo Köbi Kuhn seinerzeit zuschaute

Harry Schenk, Präsident des FC Birmensdorf.

Harry Schenk, Präsident des FC Birmensdorf.

Michel Sutter

Zurück ins Limmattal. Wann immer möglich, trainiert San auf der Birmensdorfer Fussballanlage Breite. Dazu der Referee: «Unsere Wohnung liegt gleich nebenan. Das ist ideal für mich.» Dort, wo normalerweise die Birmensdorfer 4.-Liga-Kicker ihre Übungen machen, absolviert San seine Läufe, trainiert Ausdauer und Spritzigkeit. Allerdings nicht immer zur Freude aller. Es sei ihm auch schon passiert, dass jemand vom FCB ihn darauf hingewiesen habe, dass er bitte hier nicht trainieren soll.

Als diese Zeitung Harry Schenk, den Präsidenten des FC Birmensdorf, auf diesen Fauxpas angesprochen hatte, meinte dieser mit hörbarem Stolz in der Stimme:

«Wenn ein Spitzenschiedsrichter wie Fedayi San auf unserem Platz trainiert, dann ist das für unseren Verein eine grosse Ehre. Natürlich darf er auf der Breite trainieren, wann immer er möchte.»

Schenk erinnert sich gerne an einen anderen Grossen im Schweizer Fussball, der ab und zu auf dem Platz vorbeischaute. «Wir hatten früher immer wieder mal Besuch von Köbi Kuhn.» Der 2019 verstorbene, ehemalige Nationalcoach Kuhn und Spitzenschiedsrichter San – Birmensdorf scheint ein Anziehungspunkt für Fussballprominenz zu sein.

Interessantes Detail am Rande: Obwohl er nie dort wohnte, pfeift San für den bescheidenen Freiämter 4.-Liga-Klub FC Tägerig. «Ich kenne den ehemaligen Präsidenten des Vereins, Andi Zehnder. Er suchte einmal händeringend nach Schiedsrichtern, damit er keine Mannschaft vom Spielbetrieb zurückziehen musste», erklärt San.

Für Fussball-Laien: Jeder Verein muss je nach Anzahl Mannschaften eine gewisse ­Anzahl Schiedsrichter stellen. Fehlen die Unparteiischen, gibt’s entweder eine finanzielle Busse oder Mannschaften des fehlbaren Klubs müssen zurückgezogen werden. Und so kam es, dass einer der besten Schiedsrichter des Landes für jenen Verein pfeift, der vor sechs Jahren bekannt geworden war als der Klub mit dem «schlechtesten Fussballplatz des Kantons Aargau».