Bezirk Dietikon

Furcht vor Verdrängung: 56 Prozent fordern günstigen Wohnraum

Hunderte neue Wohnungen, Tausende Zuzüger und steigende Boden- und Mietpreise. Diese Entwicklung verunsichert die Bevölkerung. Eine der Neubausiedlungen ist die «Futura» in Schlieren.

Hunderte neue Wohnungen, Tausende Zuzüger und steigende Boden- und Mietpreise. Diese Entwicklung verunsichert die Bevölkerung. Eine der Neubausiedlungen ist die «Futura» in Schlieren.

Steigende Mieten verunsichern: Die Stimmberechtigten des Bezirks Dietikon wollen sich bezahlbaren Wohnraum sichern - auch für die Zukunft.

Knapp 56 Prozent votierten für den Gegenvorschlag zu einer SP-Initiative, der für Baugebiete einen gewissen Anteil an preisgünstigem Wohnraum vorschreibt. Trotz des Jas werden die Gemeinden aber noch individuell entscheiden müssen, ob sie dies auch definitiv wollen. Zuvor muss der Regierungsrat aber einen konkreten Umsetzungsvorschlag für die Initiative erarbeiten.

Die überaus grosse Nachfrage nach Wohnraum in der Agglomeration der Stadt Zürich hat zu einer regen Bautätigkeit in der Region geführt. In der Stadt Zürich sind die Mietpreise deshalb gestiegen. Wer sich die City nicht mehr leisten kann, zieht zum Beispiel ins Limmattal. Nun steigen die Preise aufgrund der Nachfrage auch hier. Das weckt Befürchtungen in der Bevölkerung, sich dereinst die Miete im eigenen Wohnort nicht mehr leisten zu können.

Gerade in den Städten Dietikon und Schlieren, die eine exorbitante Wohnbautätigkeit durchleben, ist das Resultat besonders deutlich ausgefallen: Über 62 Prozent der Dietiker und über 63 Prozent der Schlieremer stimmten der Vorlage zu. Nur in den Städten Zürich (72%), Winterthur (67%) und Adliswil (64%) fielen die Ja-Anteile höher aus.

Schlierens Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin (SP) sieht das Ergebnis denn auch im Zusammenhang mit der Wohnbautätigkeit. Er sagt: «Das Ergebnis drückt die Sorge aus, dass Wohnraum zum kostbaren Gut werden könnte.» Das Resultat sei als Aufforderung zu verstehen, die Bautätigkeit entsprechend zu lenken und günstigen Wohnraum in Zukunft zu garantieren.

Otto Müller (FDP), Stadtpräsident von Dietikon, interpretiert das Abstimmungsergebnis ähnlich. Dietikon wünsche sich neuen, zeitgemässen, aber eben auch bezahlbaren Wohnraum. Denn: Günstige Wohnungen sind im Bezirkshauptort «qualitativ teils an der Grenze des Zumutbaren», wie Müller jüngst gegenüber der Limmattaler Zeitung sagte.

Die Zustimmung war im Bezirk Dietikon aber auch in Urdorf (58%) und Oberengstringen (61%) gross. Das wundert zum Beispiel André Bender (SVP), Gemeindepräsident von Oberengstringen. Seine Gemeinde weise nämlich eher zu viel günstigen Wohnraum aus und er nennt Überbauungen aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Bender vermutet deshalb, dass die Stimmberechtigten die Gemeindeautonomie stärken wollten, weil nun jede Gemeinde für sich und nach eigenen Bedürfnissen entscheiden könne, ob sie der Forderung nach günstigem Wohnraum folge.

Das Nein der reichen Gemeinden

Auf Ablehnung stiess die Vorlage im Bezirk in jenen Gemeinden, die einen hohen Anteil an Wohneigentum verzeichnen: Aesch (41% Ja-Anteil), Uitikon (40%), Oetwil (45%) oder Weiningen (49%).

Trotz eines relativ hohen Eigentumsanteils nahmen auch Geroldswil, Unterengstringen und Birmensdorf die Vorlage an. In Birmensdorf ist dies kein Wunder, denn günstiger Wohnraum ist knapp geworden. Gemeinderat Bruno Knecht (parteilos) sagte im August dazu: «Es ist unbestritten, dass gerade jüngere Leute aus der Gemeinde wegziehen, weil zu wenig erschwingliche Wohnungen zur Verfügung stehen.»

Egloff (HEV) nicht überrascht

Enttäuscht, aber nicht überrascht zeigte sich der Aescher Nationalrat Hans Egloff (SVP), der als Präsident des Schweizer Hauseigentümerverbands im Kanton Zürich für ein Nein warb. Die Befürworter, so Egloff, hätten einen grossen Vorteil gehabt, denn wer sei schon gegen «bezahlbaren Wohnraum»? Das Ergebnis des bürgerlichen Bezirks Dietikon ist für Egloff «Ausdruck einer gewissen Sorge» angesichts der laufenden Entwicklung.

Trotz Ja glaubt Egloff, dass die Initiative nichts bringen wird. Es werde aufgrund der anstehenden Konkretisierungsaufgabe und nachfolgenden Abstimmungen Jahre dauern, bis sie anwendbar sei. Bis dahin seien Wohnungen wieder günstiger zu haben. Egloffs Begründung: Bereits sänken die Preise für Gewerbeflächen, diese würden den Wohnungspreisen stets zyklisch vorausgehen.

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