Saisonale Arbeitslosigkeit
«Für uns ist das eine grosse Herausforderung, klar»

Leiter Peter Greif erklärt, wie das RAV Dietikon mit der Situation umgeht, dass die Baubranche ihre Angestellten im Winter häufig freistellt.

Sophie Rüesch
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Peter Greif leitet das RAV Dietikon seit 10 Jahren.

Peter Greif leitet das RAV Dietikon seit 10 Jahren.

jk

Herr Greif, sind Rückrufe durch den ehemaligen Arbeitgeber im Bausektor auch im Bezirk Dietikon ein Thema?

Peter Greif: Ja. Je nach Wetterlage entlassen Baufirmen jeweils im Oktober oder November einen grösseren Teil ihrer Mitarbeitenden. Dieselben Mitarbeitenden haben eine grosse Chance, drei bis vier Monate später bei der gleichen Firma wieder einen Arbeitsvertrag zu erhalten.

Wie stark fallen diese Winterentlassungen im Limmattal ins Gewicht?

Sehr stark. Die Statistik weist jeden Winter einen markanten Anstieg der Arbeitslosigkeit im Bausektor aus.

Sind das immer etwa dieselben Leute, die davon betroffen sind?

Vor allem Facharbeiter sind davon betroffen, Hilfsarbeiter etwas weniger. Es sind aber vor allem häufig dieselben Firmen. Dabei handelt es sich einerseits um Unternehmen aus dem Bauhauptgewerbe, andererseits aber auch um Temporärfirmen, die Bauarbeiter unter befristeten Verträgen beschäftigen. Die im Limmattal ansässigen Baufirmen fallen dabei stärker ins Gewicht. Und: Rückrufe gibt es in der ganzen Branche, nicht nur bei grösseren Unternehmungen.

Dieses «Überwinternlassen auf der Arbeitslosenversicherung» ist politisch umstritten. Ist es legal?

Laut Obligationenrecht: ja. Beide Parteien, Arbeitgeber und -nehmer, haben das Recht, das Arbeitsverhältnis zu künden, genauso wie sie das Recht haben, es wieder aufzunehmen. Teilweise handelt es sich auch um befristete Verträge, in denen von vornherein definiert ist, dass die Anstellung im Herbst endet.

Um für den Bezug von Arbeitslosengeldern infrage zu kommen, muss man während 12 Monaten ALV-Beiträge eingezahlt haben. Wie geht das bei regelmässig nur saisonal Angestellten auf?

Diese 12 monatlichen Beiträge müssen innerhalb einer 24 Monate dauernden Periode geleistet worden sein. Wer also jeweils acht Monate pro Jahr angestellt ist, erfüllt diese Bestimmung.

Die Option auf Wiedereinstellung wird in der Regel implizit geäussert. Legen auf Rückruf hoffende Arbeitslose solche Umstände bei den Beratungen auf dem RAV offen?

Die wenigsten kommen zu uns und sagen, dass ihnen ab März wieder eine Stelle zugesichert ist. Wir wissen nur: Sie haben nun erst einmal Status «arbeitslos», worauf das Vermittlungsverfahren startet. Was im nächsten Frühling ist, können wir nicht erahnen.

Dennoch wird das RAV solche Fälle aufgrund von Erfahrungswerten erahnen können. Sind diese Leute überhaupt vermittelbar?

Grundsätzlich müssen wir einfach einmal davon ausgehen, dass jemand vermittelbar ist, wenn er sich bei uns anmeldet. Wir sind gesetzlich dazu verpflichtet, sie zur aktiven Suche nach einer neuen Stelle anzuhalten — und auch dazu, eine Stelle anzunehmen, wenn es ein Angebot gibt. Wenn wir aber merken, dass jemand gar nicht so fest daran interessiert ist, eine neue Stelle zu finden, liegt die Vermutung natürlich nahe, dass im Hintergrund bereits eine Folgelösung vorhanden ist.

Was tut man dann?

Vermittelbar – also bereit und in der Lage, zu arbeiten — kann man theoretisch auch sein, wenn man schon einen Vertrag in Aussicht hat. Wenn sich aber jemand in dieser Situation tatsächlich nicht ernsthaft um eine Stelle bemüht, können wir Sanktionen einleiten.

Was für Sanktionen?

Bei einem solchen Verdacht prüft eine interne Fachstelle die Vermittlungsfähigkeit des Stellensuchenden. Während dieser Zeit kann es zu einem Zahlungsstopp kommen.

Kommt das häufig vor?

Es kommt vor, aber nicht häufig.

Selbst wenn die Motivation beim Stellensuchenden stimmt: Ist die Suche nach alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten für eine kurze Zeit aussichtsreich?

Generell suchen wir langfristige Beschäftigungsmöglichkeiten. Im Bausektor ist es heute aber so, dass vieles über kurzfristige Arbeitseinsätze läuft. Deshalb sind wir auch interessiert daran, dass in diesem Gewerbe Tages- und Wocheneinsätze vermittelt werden können. Denn jeder Tag geleisteter Arbeit entlastet die Arbeitslosenversicherung.

Und wenn es im Bausektor – gerade im Winter – keine Stellen gibt, auch keine kurzfristigen?

Es ist für uns tatsächlich schwierig, Personal aus der Baubranche im Winter dem Arbeitsmarkt zuzuführen. Denn es ist erfahrungsgemäss nicht einfach, es in andere Berufe zu vermitteln.

Stösst das RAV Dietikon damit an seine Grenzen?

Die Situation, dass die Baubranche ihre Angestellten im Winter freistellt, stellt das RAV vor eine grosse Herausforderung, das ist klar.

Würden Sie die Rückrufpraxis als missbräuchlich bezeichnen?

Die Beantwortung dieser Frage liegt bei der Politik. Ich kann nur beurteilen, was ich beobachte. Eine Tatsache ist, dass die Bauindustrie mit diesem System von Teilzeitarbeit zwischen Frühling und Herbst die finanzielle Verantwortung für ihr Personal den Winter über der Arbeitslosenversicherung übergibt.

Was halten Sie vom Vorschlag der Seco-Studienverfasser, beschäftigungsinstabile Branchen zu einer Verdoppelung der ALV-Beitragszahlungen zu verpflichten, um eine Quersubventionierung durch stabilere Branchen zu verhindern?

In der privaten Versicherungswirtschaft wird diese Art des prämienfinanzierten Risikotragens ja praktiziert: Eine höhere Risikostufe wirkt sich in einer höheren Prämie aus. Aus einer rein privatwirtschaftlichen Perspektive ist das sinnvoll. Technisch wäre es wohl machbar, dieses Modell auch auf eine staatliche Versicherung anzuwenden. Ob das in der Schweiz so gemacht werden soll, ist aber wiederum eine Frage, die ich der Politik überlasse.

Der Bauboom kühlt im Kanton Zürich allmählich ab. Führt das in naher Zukunft zu einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit im Bausektor?

Es ist tatsächlich so: Baufirmen werden vorsichtiger und blicken eher verhalten in die Zukunft. Ob sich das direkt in höheren Arbeitslosenzahlen beim RAV Dietikon übersetzen wird, kann ich zurzeit kaum beurteilen – es ist ja nicht so, als dass ich Einsicht in die Auftragsbücher der Baufirmen hätte. Im Limmattal zumindest stehen aber noch weitere Bauvorhaben an. Ich denke dabei ans Limmatfeld, Niderfeld oder auch an die Limmattalbahn. Es sieht also ganz danach aus, dass im Bezirk Dietikon die nächsten zehn Jahre oder sogar darüber hinaus die starke Bautätigkeit anhält.

Heisst das, dass die rege Bautätigkeit im Limmattal zu weniger Arbeitslosen auf dem RAV Dietikon führt? Gebaut wird ja schon heute.

Ein direkter Zusammenhang besteht nicht. Tendenziell versuchen Bauarbeiter aber, eine Arbeit in der Nähe ihres Wohnorts zu finden. Weil deren Arbeit früh beginnt, sind sie eher weniger bereit, weit zu reisen – es ist kaum möglich, mit dem öV jede Baustelle im Kanton bis fünf Uhr morgens erreicht zu haben.