Limmattal
Für Fleisch-Verbands-Chef ist Theke in Coop Silbern "absolutes Highlight"

Der Geroldswiler Johannes Heinzelmann ist Präsident des Schweizer Fleisch-Fachverbands «Proviande» – im Interview rechnet er mit den schwarzen Schafen der Branche ab.

Alex Rudolf
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Johannes Heinzelmann: "Im Coop Silbern beispielsweise gibt es einen Kasten, auf dem steht «Fleisch gereift am Knochen». Solche Sachen treiben mir die Tränen in die Augen."

Johannes Heinzelmann: "Im Coop Silbern beispielsweise gibt es einen Kasten, auf dem steht «Fleisch gereift am Knochen». Solche Sachen treiben mir die Tränen in die Augen."

az und Keystone

Herr Heinzelmann, was kommt Ihnen als Präsident von Proviande, der Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft, in den Sinn, wenn Sie das Wort «Vegetarier» hören?

Johannes Heinzelmann : Nun, das ist ein Mensch, der sich fleischlos ernährt. Wahrscheinlich aus Überzeugung.

Der Metzger mit der Maturität

Der 65-jährige Geroldswiler absolvierte nach der Matura eine Lehre als Metzger und im Anschluss die Ausbildung zum Metzgermeister. Während 20 Jahren leitete der gebürtige Degersheimer die Direktion Marketing beim Migros-Genossenschaftsbund (MGB) am Zürcher Limmatplatz. Seit 2008 präsidiert er die Branchenorganisation «Proviande», davor war er für die Migros im Verwaltungsrat der genossenschaftlich aufgebauten Organisation. Heinzelmann ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Töchter. (aru)

Der stetig wachsende Trend hin zu einer Ernährung ohne Fleisch bereitet Ihnen also keine schlaflosen Nächte?

Nein. Ich denke, dass zwischen den Vegetariern und den Fleischessern ein gutes Nebeneinander möglich ist. Der Mensch ist frei, zu entscheiden, wie er sich ernähren will. Dies hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab wie etwa von gesundheitlichen oder finanziellen Aspekten.

Studien belegen, dass sich nur gerade 2 Prozent der Schweizer vegetarisch ernähren. Wohingegen sich rund 40 Prozent der Bevölkerung als Flexitarier bezeichnen. Diese legen sporadisch fleischlose Tage ein. Sehen Sie hier Probleme für die Fleischbranche?

Heute legen die Menschen einen grossen Wert auf Fitness und Abwechslung. Das ist der aktuelle Zeitgeist. Dies halte ich nicht für schlecht, da eine ausgewogene Ernährung erwiesenermassen gesund ist. Der Fleischkonsum blieb in den vergangenen Jahren stabil. Rund 52 Kilo konsumierten Herr und Frau Schweizer jährlich pro Kopf. Und ich bin zuversichtlich, das dieser Wert künftig auf ähnlichem Niveau bleibt.

Dies war nicht immer so. Im Nachzug der BSE-Krise in den 1990er- Jahren fielen die Fleischverkäufe in den Keller.

Davon konnte sich die Branche erholen. Ein Blick aufs grosse Ganze lohnt sich hierbei aber. In den Nachkriegsjahren hatten die Menschen wenig Geld und konnten sich nur wenig Fleisch leisten. Mit der Hochkonjunktur konsumierte man mehr Fleisch, bis in den 1980er Jahren die Spitze erreicht war. Die BSE-Krise zeigte dem Fleischhandel seine Grenzen auf.

Wie meinen Sie das?

Wachstum, egal in welchem Bereich, sollte immer organisch stattfinden. Nur so handelt es sich um ein nachhaltiges Wachstum. Immer mehr Fleisch produzieren zu wollen, ist jedoch nicht nachhaltig. Dies war die Lektion, die uns BSE beigebracht hat.

Die Zeit der Skandale ist jedoch nicht vorbei. Noch heute erschüttern Nachrichten von Gammelfleisch die Schweiz.

Das stimmt. Nichts macht mich wütender als Fleischverarbeiter, die absichtlich falsch datieren oder deklarieren. Diese Menschen haben das Metier nicht verstanden. Von Profitgier getrieben, schaden diese schwarzen Schafe der ganzen Branche. Wir setzen uns für Ehrlichkeit und Transparenz ein. Wer sich als Mitglied nicht daran hält, wird aus dem schweizerischen Fleisch-Fachverband ausgeschlossen.

Gehen die Fleischverkäufe nach jedem Skandal wie etwa jenem im Bündnerland zurück?

Viel eher richten Konsumenten Fragen an den Metzger bezüglich der Fleischqualität. Auch die Rufe nach mehr Regulation und Kontrollen werden auf politischer und medialer Ebene lauter.

Welche Massnahmen würden denn greifen?

Das ist die Knacknuss. Hier lässt sich der Vergleich zum Strassenverkehr ziehen. Würde sich jeder an die Geschwindigkeitslimite halten, dann bräuchte es weder Blitzkästen noch Kontrollen. Doch es gibt immer Menschen, die Gesetze missachten.

Also bleibt den Fleischkonsumenten nichts als Hoffnung, auf ihren Metzger oder Grossverteiler vertrauen zu können?

99,9 Prozent der Fleischanbieter werden diesem Vertrauen gerecht und produzieren transparent und korrekt. Man sollte das Thema auch nicht dramatisieren.

Wie sieht es bei den Fleischimporten aus dem Ausland aus?

Heute werden vorwiegend nur Spezialstücke wie etwa Filets, U.S. Beef, Lammracks oder Pouletbrüstli aus dem Ausland importiert. Beide in der Schweiz tätige Unternehmen, die Fleisch importieren, sind Mitglied bei Proviande und halten sich an unsere Richtlinien. Die Schweizer konsumieren zu 90 bis 95 Prozent Fleisch aus der Schweiz.

Grossverteiler haben verschiedene Labels wie Terra Suisse bei der Migros oder Naturaplan bei Coop, die eine faire Tierhaltung versprechen. Diese feiern grosse Erfolge.

Das Wachstum der Konsumation von Fleisch solcher Labels hat sich abgeschwächt. Nur gerade zwei Prozent des in der Schweiz verkauften Fleischs ist Biofleisch. Durch die starken Werbeauftritte solcher Marken wird jedoch suggeriert, dass diese Quote höher ist. Letztlich sind sie jedoch ein Marketing-Werkzeug für Trendsetter.

Wo beziehen Sie das Fleisch, das bei Ihnen auf den Tisch kommt?

(lacht) Ich kaufe querbeet. Einerseits gehört dies zu meinem Beruf, andererseits interessiert mich das Angebot der verschiedenen Metzgereien und Grossverteiler. Es gibt viele Innovationen: Im Coop Silbern beispielsweise gibt es einen Kasten, auf dem steht «Fleisch gereift am Knochen». Solche Sachen treiben mir die Tränen in die Augen.

Warum das?

So wurde gearbeitet, als ich noch ein junger Metzger war. Für mich als Fleischliebhaber ist dies ein absolutes Highlight.