Oberengstringen
Für die Betagten ist die 84-jährige Vreni Schmid wie eine Mutter

Senioren treffen sich bis zu 20 Mal pro Jahr zum gemeinsamen Essen. Vor fünf Jahren hat die 84-jährige Vreni Schmid aus Oberengstringen mit dem Projekt "Tavolata" den Nerv der Zeit getroffen. Inzwischen gibt es Ableger davon in der ganzen Schweiz.

Alex Rudolf
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Schmid und ihre Gäste stossen auf das Jubiläum an
7 Bilder
Das Senioren-Projekt Tavolata aus Oberengstringen verbeitet sich in der ganzen Schweiz
Vreni Schmid kann auf die tatkräftige Hilfe ihrer Gäste zählen
Die Gäste sind allesamt Senioren aus Oberengstringen und Umgebung
Von grossem Interesse ist, was denn heute auf dem Menuplan steht
Zur Gurkensuppe wird Weisswein serviert
Die Gespräche reichen von Pflanzenpflege über Biofleisch bis hin zu den Enkelkindern

Schmid und ihre Gäste stossen auf das Jubiläum an

Alex Rudolf

Die Oberengstringerin Vreni Schmid ist eine Frau mit Charisma. Setzt die 84-Jährige ein Lächeln auf, dann erhellt sich der Raum unweigerlich. Nebst einem gewinnenden Gemüt hat sie auch eine Leidenschaft für das Gastgeben. Wahrscheinlicht machten diese beiden Merkmale die von ihr vor fünf Jahren gegründete Oberengstringer «Tavolata» zum Erfolg. Dabei treffen sich sechs bis zehn Senioren rund 20 Mal im Jahr, um gemeinsam zu essen: Sei es Brunch, Mittagessen oder Kaffee und Kuchen. Das Soziale stehe im Vordergrund, so Schmid, denn «für uns Senioren ist es nicht gerade einfach, gleichaltrige Gesellschaft zu finden».

Gemeinsam isst es sich besser

Gemeinsam essen und dabei körperlich und geistig fit bleiben. Dabei geht es bei Tavolata. Das 2010 vom Migros-Kulturprozent initiierte Projekt bringt ältere Menschen zu selbst organisierten Tischgemeinschaften zusammen. «Damit wird die Vernetzung von Menschen im dritten Lebensalter gefördert, um so zur Stärkung des psychischen und sozialen Wohlbefindens und einer gesunden Ernährung beizutragen», sagt Projektleiter Robert Sempach.

Diese Woche feierte sie bei sich zu Hause gemeinsam mit neun Gästen die 100. Ausgabe. Lanciert wurde die Tavolata vom Migros-Kulturprozent, inzwischen hat sie rund 250 Ableger in der Schweiz und es werden mehr und mehr. Daran ist Vreni Schmid massgeblich beteiligt. Als Referentin in Bern, St. Gallen und im Thurgau macht sie die Tavolata bekannt und begeistert Rentner für die Idee, andere zu bekochen.

Ein Weg, ins Leben zurückzufinden

Nach und nach treffen die Gäste in ihrer Wohnung ein. Die Damen haben sich zurechtgemacht: Oberteile mit bunten Blumen dominieren das Bild in Vreni Schmids Wohnzimmer. Der Holzstubentisch – mit einem weissen Tischtuch bedeckt – ist mit Proseccogläsern und Platten voll mit Apérohäppchen belegt. Alles geht bei Schmid ein wenig langsamer, als es noch vor zehn, zwanzig oder dreissig Jahren ging.

Als sie von der Idee hinter «Tavolata» gehört habe, sei sie sofort davon begeistert gewesen, sagt Schmid. Nach 52 Ehejahren sei ihr Mann im Jahr 2007 verstorben. «Ich musste wieder ins Leben zurückfinden», sagt sie. «Einerseits kommen wir Senioren in Kontakt, können uns austauschen.» Andererseits sei es auch gesund, wenn Mahlzeiten gemeinsam eingenommen werden. Da sei jedoch noch mehr, wirft eine Dame in die Runde. «Das stimmt», erklärt Schmid. Denn manche würden sich auch für Konzertbesuchte treffen, eine Gruppe ging gar ins Tessin in die Ferien. Seit fünf Jahren funktioniert dies nun. Immer im Dezember nimmt sich Schmid der Jahresplanung an, immer sei ein anders Mitglied an der Reihe mit Kochen.

Robert Sempach sticht aus der Runde heraus, denn er ist noch weit von der Pensionierung entfernt: Er ist Projektleiter für Gesundheitsförderung beim Migros-Kulturprozent. Die verschiedenen Tavolatas werden nicht finanziell unterstützt, doch «wir geben den Senioren Know-how mit auf den Weg in Form von Koch- oder Organisationskursen», sagt er. Auch sei das Kulturprozent dafür verantwortlich, die Idee bekannt zu machen. Das aktuelle Ziel ist es, das Tavolata-Konzept auch in der Romandie und im Tessin zu verbreiten. Gemeinsam mit Partnern wie etwa der Pro Senectute oder verschiedenen Gemeinden veranstaltet Sempach Informationsabende, wo Tavolata-Macher von ihren Erfahrungen berichten. Oftmals war Vreni Schmid eine davon. «Sie ist für uns ein absoluter Glücksfall», sagt Sempach. «Weil sie authentisch ist, vermag sie Menschen von der Idee zu begeistern», ergänzt er. An der letzten Informationsveranstaltung in Bern habe «Vrenis Tavolata» viele Senioren inspiriert.

Tavolata als Computerkurs

Für Schmid sei dies keine Arbeit, es handle sich viel eher um eine Freude. Denn so lerne auch sie immer wieder neue Menschen kennen und neue Dinge dazu: «Mein Sohn stellte mir eine Power-Point-Präsentation zusammen für die Tavolata-Tour. Diese habe ich eigenhändig auf dem aktuellen Stand gehalten», sagt sie – die Tavolata als Computerkurs sozusagen.

Eine Seniorin unterbricht Schmid und ergänzt, dass sie nicht nur für das Kulturprozent ein Glücksfall sei. «Wir sind sehr froh, dass Vreni diese Idee zu uns nach Oberengstringen gebracht hat», sagt sie. Sie erweise ihnen mit der Organisation einen grossen Dienst. «Sie ist wie eine Mutter für uns» – die Runde nickt energisch: «Genau das ist sie.» Schmid vergräbt ihr Gesicht in beiden Händen und sträubt sich: «Ich will nicht eure Mutter sein», sagt sie scherzhaft. «Gut, dann nennen wir dich halt Managerin», erwidert eine der Damen. Darauf wird angestossen, bevor sich die Gruppe an den gedeckten Tisch begibt. Dort wartet auf die Senioren eine erfrischende Gurkensuppe, gefolgt von Poulet im Teig.