Birmensdorf
Für die Belieferung mit Gratis-Tagesfrischprodukten fehlen die Fahrer

Die Nachfrage der Sozialwerke nach Gratis-Esswaren, welche die Migros nach Ladenschluss, auf drängen von Hélène Vuille, zur Verfügung stellt ist gross. Das Problem: Für die Belieferung mit Tagesfrischprodukten fehlen freiwillige Fahrer.

Florian Niedermann
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Hélène Vuille konnte erreichen, dass Tagesfrischprodukte der Migros bei Bedürftigen statt im Eimer landen.

Hélène Vuille konnte erreichen, dass Tagesfrischprodukte der Migros bei Bedürftigen statt im Eimer landen.

Florian Niedermann

Der Birmensdorfer Autorin Hélène Vuille gelang es, die Migros Genossenschaft Zürich davon zu überzeugen, Tagesfrischprodukte nach Ladenschluss gratis an soziale Institutionen abzugeben (die Limmattaler Zeitung berichtete). Seit September dürfen freiwillige Fahrerinnen und Fahrer, die von Vuilles Vertragspartnerin Caritas zertifiziert wurden, in allen Filialen im Kanton Zürich Canapés, Wähen und andere Tagesfrischprodukte abholen.

Die Nachfrage nach diesen noch einwandfrei geniessbaren Esswaren, die sonst nach Ladenschluss im Abfall landen würden, sei riesig, sagt Vuille: «Fünf Stadtzürcher Organisationen mit mehreren Heimen haben bereits Interesse angemeldet.» Das Problem: Für die Belieferung mit Tagesfrischprodukten fehlen freiwillige Fahrer.

«Nach dem Erscheinen des Artikels meldeten sich zwar vier Personen aus dem Limmattal für regelmässige Einsätze», so Vuille. Um alle interessierten Sozialwerke versorgen zu können, wären aber mindestens zehn nötig.

Diese Freiwilligen leisten ein bis zweimal pro Woche immer ab Ladenschluss Einsätze, die jeweils eine bis anderthalb Stunden dauern. «Um die Liefersicherheit zu gewährleisten, wäre es von Vorteil, wenn eine Ersatzfahrerin oder ein Ersatzfahrer aus dem Familien- oder Bekanntenkreis sich für Notfälle ebenfalls zur Verfügung stellen würde», so Vuille.

Die Autorin selbst beliefert seit nunmehr 15 Jahren ein Obdachlosen-Hospitz im Zürcher Kreis 5. Diesem Engagement verschrieb sie sich, nachdem sie an einem Abend in der Migros-Filiale Wiedikon beobachten musste, wie Angestellte kurz vor Ladenschluss Mülltonnen mit Produkten der Gourmessa-Abteilung füllten. Entrüstet stellte sie den Filialleiter zur Rede und bot ihm an, diese Lebensmittel fortan kostenlos Leuten zukommen zu lassen, die darauf angewiesen sind. Zunächst inoffiziell, später auch mit der Erlaubnis der Migros Genossenschaft Zürich, fuhr Vuille zwei bis drei Mal wöchentlich zu jener Migros-Filiale und brachte den Obdachlosen, was sonst entsorgt worden wäre.

Die ganze Familie hilft mit

«Noch heute danken mir diese Menschen jedes Mal, wenn ich mit kleinen Köstlichkeiten bei ihnen eintreffe», sagt Vuille. Sei es ihr nicht möglich, eine Lieferung zu tätigen, so springe jeweils ihr Mann oder auch ihr Sohn ein. «Das Obdachlosen-Hospitz ist auf unsere Zuverlässigkeit angewiesen», erklärt sie.

Neben der Verteilung durch die sozialen Organisationen will Vuille Bedürftigen in naher Zukunft auch einen anderen Zugang zu kostenlosen Tagesfrischprodukten ermöglichen: «Bedürftige sollten bei der Verwaltung ihrer Gemeinde einen Ausweis beantragen können, die sie zum selbstständigen Abholen von Tagesfrischprodukten legitimiert», sagt Vuille.

Dies sehe sie als Ergänzung zu den Lieferungen an die Sozialwerke - auf die freiwilligen Fahrer sei man deshalb dennoch angewiesen. Wenn Gemeinden die Zertifizierung von Bedürftigen übernehmen würden, biete dies den besten Schutz vor Missbrauch, erklärt Vuille. Die Sozialämter hätten die beste Kontrolle darüber, dass nur wirklich Bedürftige davon profitieren. «Ich werde mich in den nächsten Monaten bei der Migros Zürich für eine solche Lösung starkmachen», so Vuille.

Bei diesem Unterfangen zählt die Autorin auch auf die Unterstützung von politischen Kräften: «Die Leute sind enttäuscht, dass Politiker sich nicht vermehrt im Kampf gegen die Verschwendung einsetzen.» Solche Rückmeldungen erhalte sie auf der Strasse und nach ihren Lesungen immer wieder.

Nationale Lösung als Ziel

Vuille will die Verschwendung von wertvollen Lebensmitteln Schritt für Schritt bekämpfen. Längerfristig soll das Projekt mit den Migros-Tagesfrischprodukten nur als Pionier-Werk für eine gesamtschweizerische Lösung dienen. Vuille kämpft seit Jahren auf kantonaler und nationaler Ebene für eine Einschränkung der Gewerbefreiheit, die Grossisten dazu verpflichten soll, ihre Tagesfrischprodukte nach Ladenschluss an zertifizierte Bedürftige abzugeben. Zwei politische Vorstösse der Nationalrätinnen Ida Glanzmann (CVP, LU) und Isabelle Chevalley (Grünliberale, VD) wurden bereits lanciert. Der Bund kündigte an, bis Frühling 2014 nach Lösungen im Kampf gegen Nahrungsmittelabfälle zu präsentieren.

Freiwillige für Lieferfahrten melden sich per Mail an: helenevuille@bluewin.ch