Birmensdorf
Für den Wirt erlischt die «Sonne» – für das Dorf nicht ganz

Nach 50 Jahren zieht sich die Familie Ramseyer aus dem Gasthaus zurück. Der Inhaber und Wirt des Gasthauses Sonne in Birmensdorf heisst seine Gäste nur noch bis Ende Jahr willkommen.

Carla Stampfli
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Daniel Ramseyer schenkt in seiner «Sonne» nur noch bis Ende Jahr Bier aus.

Daniel Ramseyer schenkt in seiner «Sonne» nur noch bis Ende Jahr Bier aus.

Stampfli

Mit Freude und Wehmut blickt Daniel Ramseyer auf die kommenden Monate. Danach werden die Liegenschaft sowie die zwei benachbarten Gebäude teilweise abgerissen und umgebaut — die 50-jährige Ära der Wirtefamilie Ramseyer wird zu Ende gehen.

Daniel Ramseyer hat die «Sonne» vor 30 Jahren von seinem Vater Gerhard übernommen. Eigentlich, so der gelernte Gastronom, habe sein Vater sich gewünscht, dass er im Betrieb mithilft. «Ich habe ihm aber gesagt, dass ich das Gasthaus alleine führen möchte», sagt der 58-jährige Aescher. Ohne jedes Wenn und Aber stimmte der Vater zu. Dennoch durfte Gerhard Ramseyer seinen Sohn in der Anfangsphase unterstützen, danach überliess er ihm das Zepter ganz.

Der Baubeginn verzögert sich

Die Baubewilligung für das Projekt der Zürcher Schällibaum und Partner AG ist erteilt. An der Luzernerstrasse 1, 3 und 5 in Birmensdorf entstehen insgesamt 16 2- bis 6-Zimmer-Wohnungen mit Wohnflächen zwischen 76 und 180 Quadratmetern sowie Flächen für das Dienstleistungsgewerbe. Das Bauprojekt sieht vor, dass der hintere Teil des Gasthauses Sonne abgerissen und ein Anbau mit Tiefgarage errichtet wird. An der Luzernerstrasse 5 ersetzt ein Wohngebäude mit drei Etagen das bestehende Flachdachgebäude. Gleich nebenan, an der Luzernerstrasse 3, sind in den zwei oberen Geschossen ebenfalls Wohnungen vorgesehen, das Parterre soll für Gewerbeflächen benutzt werden. Noch bis Ende Jahr wird «Sonne»-Inhaber Daniel Ramseyer die Gäste in seinem Restaurant willkommen heissen und bewirten. Wann genau die Bauarbeiten an den drei Liegenschaften beginnen, ist laut der Schällibaum und Partner AG «noch offen». Eigentlich hätte der Baubeginn im Juli erfolgen sollen. «Die Komplexität der Gebäude war grösser als angenommen», sagt Planungs- und Bauvorstand Bruno Knecht auf Anfrage. Einerseits habe man den baulichen Anforderungen der Tiefgarage gerecht werden, andererseits die Schutzwürdigkeit des Gebäudes der «Sonne» abklären müssen. «Die Abklärungen haben mehr Zeit in Anspruch genommen als erwartet», sagt der Planungs- und Bauvorstand. Jetzt, so Bruno Knecht, sei alles geregelt: Die Bauherrin könne jederzeit mit den Bauarbeiten beginnen. Der Gemeinderat schaut dem Projekt positiv entgegen und freut sich, dass der Restaurantbetrieb — wenn auch redimensioniert — erhalten bleibt. «Die ‹Sonne› gehört zu Birmensdorf», sagt Bruno Knecht. (ces)

Das Restaurant — wenn auch redimensioniert — bleibt nach dem Umbau weiterhin bestehen. Wer es später pachten wird, das weiss Daniel Ramseyer nicht. «Eigentlich könnte ich mich dafür bewerben», sagt er mit einem Schmunzeln und fügt an: «Aber das möchte ich nicht. Ich bin jetzt offen für Neues.»

Für Ramseyer hat alles gepasst

Die Entscheidung, nach 30 Jahren kürzer zu treten, hat sich nach und nach ergeben: Vor zwei Jahren wurden die Liegenschaften an der Luzernerstrasse 3 und 5 von der Zürcher Schällibaum und Partner AG gekauft. Als deren Inhaber einmal in der «Sonne» einkehrte, hat er Daniel Ramseyer gefragt, ob er es sich vorstellen könnte, das Gebäude zu verkaufen. Ramseyer antwortete, dass er bereits mit dem Gedanken gespielt habe. «Ich habe keine Nachkommen», sagt der Wirt. Zudem wären bald kleinere Renovationsarbeiten nötig gewesen. «Es hat alles gepasst. Für mich war das eine Chance», sagt Ramseyer rückblickend.

Zwar sei es nicht einfach, nach 30 Jahren Selbstständigkeit nicht genau zu wissen, was jetzt nun geschehen soll. «Ich lasse das Ganze erst einmal auf mich wirken», sagt er. Ob Daniel Ramseyer danach wieder im Gastgewerbe Fuss fasst oder in einer anderen Branche einen Neuanfang wagt, das lässt er offen.

Sicher ist, dass ihm die Arbeit nicht ausgehen wird: Auf dem elterlichen Bauernhof in Aesch, der von der Familie Ramseyer in dritter Generation geführt wird, gibt es immer etwas zu tun. «Vom Wirt zum Landwirt», sagt der Gastronom lachend. Ganz ausschliessen will Daniel Ramseyer dies nicht: Er mag die Arbeit draussen in der Natur. «Die Pferde pflegen und das Land bewirtschaften, gefällt mir», sagt er. Doch bevor er sich mit Zukunftsfragen beschäftigt, wird er mit seiner Familie zum ersten Mal für mehr als nur eine Woche in den Urlaub fahren und die Seele baumeln lassen.