Krimiautoren
Fünf Fälle soll der Dorfpolizist insgesamt lösen

Das Rentnerpaar Roswitha und Jacques Kuhn arbeitet an einer fünfteiligen Krimi-Serie. Der erste Fall, mit dem Titel «Nachsuche. Ein Tösstal-Krimi», ist im letzten Jahr erschienen.

Melanie Kollbrunner
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Von wegen ruhige Rente: Jacques und Roswitha Kuhn.

Von wegen ruhige Rente: Jacques und Roswitha Kuhn.

Michele Limina

Er hat den Dampfkochtopf erfunden, das einzige tibetisch-buddhistische Kloster im Westen mitbegründet und sich politisch engagiert. Müde aber scheint er nicht, der 95-jährige Jacques Kuhn. Dafür fehlt ihm auch die Zeit, steckt er doch mitten im Schreibprozess einer umfassenden Krimi-Serie. Gemeinsam mit seiner Frau Roswitha bildet er das Autorenduo KuhnKuhn. Der erste Fall, mit dem Titel «Nachsuche. Ein Tösstal-Krimi», ist im letzten Jahr erschienen und geht nun in zweiter Auflage zum rund 6500. Mal über die Ladentische.

Fünf Fälle soll der Dorfpolizist Noldi Oberholzer insgesamt lösen. Der zweite, mit dem Titel «Hasensterben», kommt im Frühling 2015 in den Handel. Den dritten Roman hat das Rentnerpaar nun angepackt. Zweijährlich sollen die Bücher erscheinen. «Es gab Zeiten, da wurden im Fabrikladen mehr Bücher als Pfannen verkauft», sagt Jacques Kuhn, der in seinem Haus in Rikon zum Gespräch empfängt.

Wenn die beiden schreiben, dann muss alles andere warten. «Während die Geschichten wachsen, wuchert der Garten», sagt Roswitha Kuhn, heute müsse sie nun wirklich unbedingt den Knoblauch hereinholen.

Es war ihr Verlag Gmeiner in Deutschland, der um Fortsetzung gebeten hat. Den späten Debütanten ist zu gönnen, dass ihre Geschichten auf Interesse stossen. Liebevoll sind die Charaktere gezeichnet, schlank ist die Sprache. Für die künftigen Fälle bleibt vieles beim Alten: Wie der Abstand der jeweiligen Publikationen zwei Jahre beträgt, so altern auch die Figuren um zwei Jahre. Nun, da die Autoren gedanklich mitten im dritten Fall stecken, haben sich rund um Noldi Oberholzer ganz neue Probleme aufgetan.

Sein Sohn ist inzwischen 13-jährig geworden, amouröse Verstrickungen der Tochter fordern den Vater, der zwischendurch in Lebensgefahr gerät. Pfannen kommen in den zentralen Handlungssträngen keine vor. «Nur einmal, da bratet die Gattin dem Gatten eine über den Kopf», so Jacques Kuhn. Seine Frau führt ihren Zeigefinger zu den Lippen, sie will nicht zu viel verraten.

Feststeht: Dreh- und Angelpunkt bleibt das geliebte und vertraute Tösstal, durch das das Paar immer wieder etliche Spaziergänge führt. Die detailverliebte Beschreibung der Schauplätze ist denn auch ein wesentlicher Teil des Charms, der den ersten Krimi ausmacht. In Neubrunnertal hat Noldi Oberholzer die Leiche des ersten Falls gefunden, einen zweiten soll es aber exakt hier nicht geben. «Das wäre zu abwegig», sagt Jacques Kuhn. Generell legt er grossen Wert auf genaue Nachvollziehbarkeit, seiner Meinung nach das A und O bei Krimis. Alles muss schlüssig und stimmig sein. Wenn die Kuhns im Fernsehen Krimis anschauen, dann geht es eigentlich nur um eines: Wer ist der Täter? Gewettet wird aber nicht, man ist sich einig.

Bei den eigenen Fällen braucht es etwas mehr Diskussionsarbeit, auf den Spaziergängen durchs Buchenlaub hoch zum Tibet-Institut etwa. Oder auf dem Steg der Badeanstalt in Bichelsee, dann, wenn es in der Nebensaison schön ruhig ist. Der zum Turbenthal gehörende Weiler Seelmatten ist einer der neuen Tatorte im zweiten Fall. Hier an der Grenze zum Thurgau bekommt Oberholzer es mit den Kollegen der dortigen Kantonspolizei zu tun – das erweist sich als problematisch. Oder in Sternenberg, einer der Schauplätze in Teil drei, natürlich soll hier auch die Fusion zur Sprache kommen. Alle Orte werden rekognosziert, alle Ungereimtheiten verhandelt.

«Jacques ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Seine Erzählungen sind lebendig», sagt Roswitha Kuhn, die selber den Part der Niederschrift übernimmt.

Jacques Kuhn weiss viele Geschichten zu erzählen, schöpft er doch aus einem riesigen Fundus. Als Jäger und Ornithologe kreisen seine Erzählungen immer wieder um die Natur. Fast 100 Jahre Industriegeschichte hat er zudem aus nächster Nähe miterlebt. «Eigentlich», sagt er, «habe ich während vieler Jahre nur die Firma im Kopf gehabt.» Die Firma Kuhn Rikon AG, das Familienunternehmen, das der Maschineningenieur gemeinsam mit seinem Bruder während 35 Jahren geführt hat.

Dann kam Roswitha. Während früher die vier Kinder seines Bruders den Geschichten gebannt zugehört haben, erzählt sich das Paar heute morgens im Bett die Träume (auch sie sind in Buchform erschienen, noch bevor es mit den Krimis losgegangen ist).

Vor ziemlich genau zwanzig Jahren fand sie statt, diese erste Begegnung, im gleichen Wohnzimmer, das die beiden sich heute teilen. «Es war der 25. August», erinnert sich Roswitha. Sie war aufgeregt, schliesslich ging es um das Vorstellungsgespräch als Bibliothekarin im Tibet-Institut.

Sie bekam die Stelle und zudem den Mann, mit dem sie seit acht Jahren verheiratet ist. Der Patron wirkt heute sanft und doch auf eigentümliche Art jugendlich verschmitzt. «Nach fünf Bänden aber ist Schluss», sagt er, Jugendlichkeit hin oder her: «Irgendwann nutzen die Figuren sich ab», sagt sie. Dies beobachtet sie bei anderen Kommissaren, die ihre Fälle in ausgedehnten Serien lösen. «Irgendwann muss man aufhören», fährt sie fort und macht sich auf, den Knoblauch ins Haus zu holen.