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«Für mich ist die zweite Welle arbeitsintensiver» – Pflegende blicken auf das Coronajahr zurück

Von links: Jasmin Bruggisser, Vesna Markovic-Ivanovic und Melissa Almeida Sousa vom Pflegeteam 5 Ost haben bisher im zu Ende gehenden Jahr 292 Corona-Patienten betreut.

Von links: Jasmin Bruggisser, Vesna Markovic-Ivanovic und Melissa Almeida Sousa vom Pflegeteam 5 Ost haben bisher im zu Ende gehenden Jahr 292 Corona-Patienten betreut.

Vesna Markovic-Ivanovic, Melissa Almeida Sousa und Jasmin Bruggisser vom Pflegeteam 5 Ost des Limmi blicken auf das wohl anstrengendste Arbeitsjahr ihrer Karriere zurück und sagen, was sie mit Coronaskeptikern machen würden.

Das Coronavirus prägte das Jahr 2020 und stellte das Leben vieler Menschen auf den Kopf. Beruflich stark betroffen sind die Mitarbeitenden des Pflegeteams 5 Ost des Spitals Limmattal. Das 45-köpfige Team kümmerte sich seit Ausbruch der Pandemie im März um 292 Corona-Patienten und ist auch ­aktuell immer noch unermüdlich im Einsatz. Für ihre grossartige Leistung in dieser Krisenzeit wurden die ­Pflegefachkräfte von den Leserinnen und Lesern der «Limmattaler Zeitung» zu den Limmattalern des Jahres 2020 ernannt.

Waren Sie und Ihr Team überrascht, Limmattaler des Jahres zu werden?

Vesna Markovic-Ivanovic: Die grösste Überraschung war für uns, dass wir überhaupt für den Preis nominiert wurden. Das hätten wir nicht erwartet. Dass wir nun sogar gewonnen haben, ist unglaublich. Wir danken den Leserinnen und Lesern von Herzen. Wir wussten, dass das Thema Pflege im Coronajahr zentral ist, doch wir dachten auch, dass die Leute vielleicht genug von diesem Virus haben und die Wähler daher jemand anderen favorisieren.

Der Leserschaft reichte das Klatschen auf dem Balkon im Frühling als Zeichen der Anerkennung offensichtlich nicht. 450 Stimmen erhielt Ihr Team, so viele wie noch kein Limmattaler des Jahres zuvor. Ein gutes Gefühl?

Melissa Almeida Sousa: Ein sehr schönes Gefühl. Es zeigt, dass wir und unsere Arbeit wertgeschätzt werden. Gleichzeitig widerspiegelt es das Feedback unserer Patientinnen und Patienten sowie ihrer Angehörigen, die uns im Alltag immer wieder Danke sagen. Einige der Stimmenden sind wohl nicht direkt betroffen und haben uns trotzdem gewählt. Das macht uns stolz.

Wie reagierte Ihr Umfeld?

Jasmin Bruggisser: Wir haben sehr viele Gratulationen von Patienten und von unserem privaten Umfeld erhalten. Beeindruckt hat uns der spitalinterne Zuspruch. Vorgesetzte und Kollegen anderer Disziplinen gönnen uns die Wahl und freuen sich riesig für uns. Wir haben zahlreiche E-Mails und Karten mit Glückwünschen zugeschickt bekommen. Diese hängen nun samt dem Zeitungsartikel in unserem Teambüro.

Vesna Markovic-Ivanovic: Diese Wertschätzung auch aus den eigenen Reihen zu spüren, ist grossartig. Das gibt uns Kraft und Motivation für unseren weiteren Weg.

Der Arbeitsaufwand war im vergangenen Jahr in der Bettenstation «5 Ost» des Spitals Limmattal enorm.

Der Arbeitsaufwand war im vergangenen Jahr in der Bettenstation «5 Ost» des Spitals Limmattal enorm.

Die brauchen Sie auch. Trotz Impfung ist die Pandemie noch lange nicht gebannt. Wie haben Sie den Ausbruch des Coronavirus erlebt?

Melissa Almeida Sousa: Die Zeit während der ersten Welle war sehr streng. Es gab viel Organisatorisches zu erledigen, dauernd mussten wir uns an neue Regeln, Hygienekonzepte und Weisungen anpassen. Damals kämpften wir noch gegen ein unbekanntes Virus und wussten nicht, auf was wir uns einlassen und wie wir die Patienten am besten behandeln. Die Unsicherheit und Angst bei den Patienten aber auch bei uns Pflegefachkräften war in dieser Zeit gross. Den Patienten die Angst zu nehmen, obwohl wir selbst sehr wenig wussten, war wohl mit das Schwierigste. Schliesslich kannten wir ja nur die schrecklichen Bilder aus Italien und China.

Wie ist die Situation nun während der zweiten Welle?

Melissa Almeida Sousa: Für mich ist die zweite Welle arbeitsintensiver, weil wir viel mehr Patienten betreuen als im Frühling.

Vesna Markovic-Ivanovic: Wir konnten aus der ersten Welle sehr viele Erkenntnisse ziehen und unser Wissen und unsere Erfahrung nun in der zweiten Welle einbringen. Wir kennen das Virus und die Verläufe viel besser. Das hat uns Pflegefachpersonen auch die Angst genommen. Wir können unsere Patienten nun besser unterstützen und sie beruhigen. Das heisst aber nicht, dass es hin und wieder nicht doch zu Überraschungen kommt. Wir pflegen schliesslich nicht kerngesunde Menschen, die an Corona leiden. Unsere Patienten sind bereits gesundheitlich vorbelastet. Die Arbeit ist dadurch sehr komplex, anspruchsvoll und zeitintensiv.

Viele Spitäler stossen an ihre Kapazitätsgrenzen, die Intensivbettenzahl ist knapp und auch das Pflegepersonal ist erschöpft. Sind Sie auch am Anschlag?

Vesna Markovic-Ivanovic: Auch bei uns waren die Plätze vor drei Wochen knapp. Die Situation ändert sich von Tag zu Tag manchmal von Stunde zu Stunde. Wir sind aber froh, dass wir intern sehr viel Unterstützung erhalten etwa vom Patientenservice oder vom Ärztlichen Dienst. Gut ist auch, dass unsere Vor­gesetzten neue Pflegefachpersonen angestellt haben. Erschöpfungszustände erleben wir deshalb Gott sei dank nicht. Doch es gibt immer wieder Tage, die so anstrengend sind, dass wir an unsere persönlichen Grenzen stossen.

Jasmin Bruggisser: Medizinisch und pflegerisch geben wir trotz Mehrbelastung alles. Schlimm ist für uns aber, dass wir teilweise gezwungen sind, das Zwischenmenschliche zu reduzieren, um die grosse Arbeitslast bewältigen zu können. Wir sind es uns gewohnt, mit unseren Patienten zu sprechen und ihnen zuzuhören. Daher fällt es uns sehr schwer, dass das nun zu kurz kommt.

Können Sie denn wenigstens nach dem Dienst zuhause etwas abschalten?

Melissa Almeida Sousa: Nein. Auch zu Hause dreht sich alles um das Coronavirus. Ich werde von meiner Familie und von Freunden immer gefragt, wie es im Spital läuft und wie es den Corona-Patienten geht. Zudem ermahnt man mich dauernd, dass ich aufpassen soll. Die Familie hat Angst um meine Gesundheit, auch wenn das Spital der sicherste Ort ist, an dem man sich abseits der eigenen vier Wände aufhalten kann. ­Zuhause auf andere Gedanken zu kommen, ist also fast un­möglich.

Jasmin Bruggisser: Mir geht es ähnlich. Das Thema ist omnipräsent. Ich muss nur die Zeitung aufschlagen oder den Fernseher oder das Radio anmachen und schon bin ich wieder im Coronamodus.

Vesna Markovic-Ivanovic: Das Problem ist ja auch, dass es ­wenig gibt, das uns derzeit ­ablenken könnte. Restaurants, Sportbetriebe und Ausgangs­lokale sind geschlossen. Vereine dürfen sich nicht treffen und auch wir Teammitglieder, die normalerweise einen sehr guten sozialen Austausch ­pflegen, dürfen uns privat nicht sehen. Umso mehr ver­suchen wir uns jetzt bei der Arbeit zu unterstützen und Halt zu geben.

Wie schaffen Sie es denn trotz all den widrigen Umständen, weiterzumachen?

Vesna Markovic-Ivanovic: Die Patienten geben uns viel Kraft und Wertschätzung. Das ist das, was den Pflegeberuf ausmacht, auch in Nicht-Coronazeiten. Wenn man sieht, dass es einem Patienten besser geht, auch wenn es nur ein kleiner Fortschritt ist, motiviert uns das.

Melissa Almeida Sousa: Ich habe einen Corona-Patienten bei ­seiner Entlassung bis zum ­Ausgang begleitet. Es war ­wunderschön, als er auf seine Tochter traf, die er wegen dem Besuchsverbot lange Zeit nicht sehen durfte. Beide haben sich umarmt und geweint. Es sind solche Momente, die uns weitermachen lassen.

Können Sie Coronaskeptiker verstehen?

Vesna Markovic-Ivanovic: Das sind Leute, die selbst und deren Umfeld noch nicht oder nur wenig stark betroffen sind. Darum können Sie die strengen Massnahmen wohl nicht nachvollziehen.

Melissa Almeida Sousa: Ich erinnere mich an einen Patienten, der zu Beginn der Pandemie das Virus infrage stellte. Als er zu uns kam, bereute er seine ­Einstellung. Corona-Skeptiker dürfen gerne einen Tag zu uns auf die Station kommen. Ich glaube das reicht, damit sie ihre Meinung revidieren.

Ihr Beruf hat dank dieser Krise an Ansehen gewonnen. Schade, dass dazu eine Pandemie nötig war, nicht?

Vesna Markovic-Ivanovic: Man sagt ja immer, auch schlechte Werbung sei Werbung. Aber ernsthaft: 2020 wäre das Jahr der Pflege gewesen. Das war es nun auch, aber auf eine völlig andere Art und Weise. Corona hat sicherlich für Gesprächsstoff gesorgt und die Aufmerksamkeit auf die Pflegebranche ­gelenkt.

Jasmin Bruggisser: Es hat auch dazu geführt, dass sich vor allem junge Leute für den Beruf interessieren. Wir erhielten viele Bewerbungen für Ausbildungsstellen und Schnupper-Praktika. Das Virus schreckt also nicht ab.

Die Arbeitsbedingungen für Pflegende waren bereits vor Corona ein Streitpunkt. Was erwarten Sie von Politik und Gesellschaft zur Verbesserung der Situation des Pflegepersonals?

Vesna Markovic-Ivanovic: Es müsste mehr in die Ausbildung investiert werden, um den Nachwuchs zu sichern. Zudem wäre es wichtig, dass der Beruf genug Anerkennung bekommt. Oft werden wir als Hilfspersonal angesehen, das Patienten ein bisschen die Beine wäscht und Medikamente verabreicht. Unser Beruf ist mit viel Verantwortung verbunden.

Was wünschen Sie sich für 2021?

Alle: Dass Corona kein Thema mehr ist.

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