Die Kunden im Studio Foto Hangartner verstanden die Welt nicht mehr, als ihnen Annamarie Hangartner erklärte, dass sie und ihr Mann in den Ruhestand gehen. «Viele fragten, ob wir nicht noch etwas weitermachen wollen», sagt Annamarie Hangartner. Ende September öffnet sich die Tür ein letztes Mal.

1999 übernahm sie zusammen mit ihrem Mann Harry Hangartner das Fotostudio in Oberengstringen. Ein «Sprung ins kalte Wasser» sei die Umstellung gewesen. Schon vorher war sie oft mit ihrem Mann auf Reportage unterwegs und assistierte ihm bei Aufnahmen. Doch der Übergang zum eigenen Geschäft sei doch nochmals etwas anderes gewesen. «Wie es der Zufall wollte, bin ich auf ein Inserat gestossen, welches unser Vorgänger in die Zeitung gesetzt hatte.» Ihr Mann hatte bereits zuvor Studios und Labors gehabt, jedoch immer ohne Verkaufsraum. Meistens waren das Gewerbe- oder Hobbyräume.

Auf jeden Fall kein Hobbyraum

Das Studio Foto Hangartner an der Zürcherstrasse ist alles andere als ein Hobbyraum. Die Verkaufsfläche ist hell, ein grosses Schaufenster spendet viel Tageslicht. Ein abgeschirmter Nebenraum ist dunkler eingerichtet. «Da befindet sich das Studio. Hauptsächlich werden Pass- und Bewerbungsaufnahmen in Anspruch genommen», sagt Hangartner. «Ebenso Kinder- und Familienaufnahmen.» Im Untergeschoss werden Tabletop-Fotografien erstellt. Mit anderen Worten: Produktefotografie.

«Verpackungen und Produkte zu fotografieren, ist eine schwierige Angelegenheit. Die Oberflächen reflektieren in den meisten Fällen stark, was Aufnahmen herausfordernder macht», sagt Annamarie Hangartner. Auch Künstler, die Reproduktionen ihrer Werke für ein Dossier möchten, sind auf die Tabletop-Fotografie angewiesen. Im Erdgeschoss ist der Bildbearbeitungsbereich eingerichtet. «Hier kann ich die Fotos nachschärfen, Ausschnitte einer Aufnahme erstellen und Bearbeitungen vornehmen. Das sollte man eigentlich immer tun.»

Danach kann Hangartner sie in der gewünschten Grösse ausdrucken. Neben den Fotografie-Dienstleistungen, verkaufen die beiden auch Bilderrahmen, Alben, Filmrollen, Fotoanhänger, also fast alles, was zum Fotografieren benötigt wird. Die Rahmen hatten einen besonders guten Ruf bei der Kundschaft. «Sogar weit über das Limmattal hinaus», sagt Annamarie Hangartner.

Die Freude an gut gemachter Fotografie entdeckte sie in jungen Jahren, während einer Reise nach Sri Lanka. «Ich wollte unbedingt eine Kamera dabei haben, um alles einzufangen.»
Schon ihr Vater und Bruder haben leidenschaftlich gerne fotografiert. «Nachdem ich meinen Mann kennenlernte, hat sich diese Passion intensiviert.» Ursprünglich lernte Hangartner einen Beruf, der mit Kreativität nicht so viel zu tun hatte. Sie machte eine Lehre als Kinderpflegerin. «Aber ich habe noch ganz viel anderes ausprobiert. Ich bin eine Allrounderin», sagt die 64-jährige.

Unter anderem arbeitete sie in einer Heimkrippe, bei einer Tankrevision oder bei einer Textilunternehmung auf dem Büro. Zuletzt schuf sie sich ihren eigenen Beruf: «Hier bin ich Verkäuferin, Ladenhüterin, Bildbearbeiterin und Buchhalterin in einem.» Auch ID-Fotos und Bewerbungsbilder macht sie. Bei Architekturfotografie, Sportaufnahmen, Fotos von Events oder Hochzeiten greift ihr Mann, ein gelernter Fotograf, zur Kamera.

Die Fotografie im Wandel

Das Geschäft mit der Fotografie hat sich im letzten Jahrzehnt stark verändert, etwa durch die Umstellungen von der analogen zur digitalen Kamera. Zudem haben Studios wie jenes der Hangartners Konkurrenz durch Detailhandelsketten erhalten. Diese können eine grosse Anzahl Geräte zu einer besseren Marge einkaufen und somit zu günstigeren Preisen verkaufen. Kleinere Unternehmungen können mit den niedrigen Preisen nicht mithalten und geraten immer mehr unter Druck.

Mit dem Aufkommen von Handykameras seien auch die Fotoaufträge seltener geworden, sagt Annamarie Hangartner. «Jeder kann heute fotografieren.» Sie steht noch einem andern Punkt kritisch gegenüber: «Wie oft lässt man sich seine Fotos auf dem Handy entwickeln und macht tatsächlich etwas aus ihnen?» Sie höre oft, dass dies nicht nötig sei, wenn man die Bilder auf dem Gerät habe. «Wenn die Daten aber einmal verloren gehen, sind all die Bilder weg.» Sie selber ist ein Fan von schön gestalteten Fotoalben. Hier könne sie kreativ sein, ein Bild mit einem persönlichen Spruch versehen. Das gefällt ihr.

Plötzlich klingelt die Glocke und Harry Hangartner tritt voll bepackt ins Ladeninnere. Schnell öffnet er die Tür ins Büro und stellt die Fracht ab. Auf die Frage, wie es ihm gehe mit der Geschäftsaufgabe, gibt er als Antwort, mit einem lachenden und einem weinenden Augen Abschied zu nehmen. «Einerseits freue ich mich auf meinen Ruhestand. Andererseits tut es weh. Es ist schade, haben wir keinen Nachmieter gefunden. Es ist ein schöner Ort hier. Aber die Fotografie hat sich nun mal geändert. Das muss man akzeptieren», sagt er.